Seit Jahren sind (rechts-) populistische Parteien im Aufwind. Politiker*innen, die der Bevölkerung vereinfachende Antworten auf komplexe Zusammenhänge liefern und dabei offen mit menschenverachtenden, rassistischen oder antisemitischen Codes spielen, haben hohe Beliebtheitswerte. Längst sind sie nicht mehr an der Seitenlinie, sondern an den Hebeln der Macht und in Regierungsverantwortung. Die Saat der Gewalt und Desinformation, welche von ihnen gestreut wird, geht auf. Laut Verfassungsschutzbericht 2024 kam es in Österreich bei rechtsextrem motivierten Tathandlungen zu einem Anstieg von 23 Prozent. Seit dem Krieg um Gaza ist ein Anstieg antisemitischer Übergriffe zu beobachten. Dabei handelt es sich mittlerweile um ein globales Phänomen. Freilich spielen in beiden Fällen soziale Medien und Messengerdienste eine nicht zu unterschätzende Rolle. Vor dem Hintergrund dieses Artikels, der sich der Verbrennung von Büchern widmet, ist es besonders bedenklich, dass 2025 Werke wie Das Tagebuch der Anne Frank aus den öffentlichen Schulbibliotheken in Florida verbannt wurden.2 Kurz gesagt gleicht das gesellschaftspolitische Klima der letzten Jahre einem Druckkochtopf, dessen Deckel jederzeit in die Luft gehen kann. Die Kraft der Volksbildung liegt seit jeher in ihrem der Demokratie und Aufklärung verpflichteten Auftrag. „Demokratie und Volksbildung sind Begriffe, die einander ergänzen, denn weder wird sich Demokratie jemals vollständig auswirken können, es sei denn auf der Grundlage allgemeiner Volksbildung, noch wird eine wirkliche Volksbildung jemals durchgeführt werden, außer auf dem Boden der Demokratie“.3 Das Projekt Bibliothek der verbrannten Bücher verfolgt zwei Ziele: Erstens soll an jene Autor*innen, deren Werke den Bücherverbrennungen zum Opfer fielen und/oder verboten wurden, in einem kollektiven, niederschwelligen Projekt erinnert werden. Zweitens soll gezeigt werden, wie groß die Anzahl jener betroffenen Autor*innen ist, die einst an den Wiener Volkshochschulen vortrugen. Seit 2024 befindet sich in der Volkshochschule Erlaa ein offen zugänglicher Bücherschrank, in welchem sich die Bücher von Schriftsteller*innen und Theoretiker*innen finden, die während der nationalsozialistischen Diktatur verboten waren und aus dem öffentlichen Gedächtnis hätten verschwinden sollen.4 Das Besondere daran ist, dass jede*r selbst Teil des Projekts werden kann. Denn die Bücher können nicht nur kostenlos ausgeliehen werden. Die Zivilgesellschaft ist dazu eingeladen, selbst Bücher zu spenden. Kursteilnehmer*innen, Kursleiter*innen, Mitarbeiter*innen der Wiener Volkshochschulen und interessierte Menschen – vorwiegend aus der näheren Umgebung – brachten gebrauchte Bücher der gesuchten Autor*innen. Somit konnte die Bibliothek der verbrannten Bücher innerhalb kürzester Zeit gefüllt werden. Das Projekt orientiert sich dabei an dem Konzept der englischen Community-Orientation. Die Zivilgesellschaft ist dabei aktiv dazu eingeladen, ihre unmittelbare (Lern-)Umgebung aktiv mitzugestalten. Es handelt sich bei der Bibliothek der verbrannten Bücher also um ein gemeinsames Projekt gegen das Vergessen und wurde 2025 mit dem Ludo Hartmann Förderpreis des Verbandes österreichischer Volksbildung ausgezeichnet.
Die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933. Ein Kulturbruch mit Folgen
Als es in den Abendstunden des 10. Mai 1933 zu regnen begann, muss es auf den ersten Blick so gewirkt haben, als würde eine höhere Macht dem nationalsozialistischen Terrorregime einen Strich durch die Rechnung machen. Dass es leider anders kam, markiert einen Kulturbruch in der jüngeren Geschichte. An jenem Abend brannten in 22 deutschen Universitätsstädten auf dem Scheiterhaufen die Werke jener Autor*innen, die plötzlich als nicht mehr lesenswert, sondern undeutsch galten. Verbrannt wurden dabei nicht bloß Bücher. Existenzen loderten in den Flammen.5 Für die Autor*innen bedeutete dies den Beginn einer neuen Zeitrechnung. Die nicht nur materiell, sondern vor allem existenziell bedrohlich war. Viele von ihnen mussten später aus Deutschland fliehen, einige sogar ihr Leben lassen. Es ging den Nationalsozialisten aber nicht bloß darum, Angst zu schüren und sich dem Werk der unliebsamen Intelligenzija öffentlichkeitswirksam zu entledigen. Vielmehr sollte ein großer Teil der kulturellen Identität ausgelöscht und durch einen gleichgeschalteten Kulturbegriff ersetzt werden.
Jene Bücherverbrennungen waren der Höhepunkt der Aktion Wider den undeutschen Geist, welche bereits vier Wochen zuvor von der Deutschen Studentenschaft gestartet wurde. Die kritische und jüdische Intelligenz sollte mit allen möglichen Mitteln aus den Universitäten und der Öffentlichkeit sowie dem Alltag verschwinden. Bereits am 13. April wurden an den Universitäten des deutschen Reiches Plakate ausgehängt, auf denen sich zwölf Thesen wiederfanden. Es wurde unter anderem die Säuberung der Bibliotheken sowie Vertreibung der Professoren und Studenten gefordert, welche dem ‚deutschen Geist‘ nicht entsprachen. Sechs Tage später, am 19. April 1933, wurde zu einem Boykott der jüdischen und andersdenkenden Dozenten aufgerufen. Bernhard Rust, der preußische Kultusminister, entließ zahlreiche Lehrbeauftragte.6 „Die öffentliche Hetzjagd ging so weit, dass an den Hochschulen in Königsberg, Rostock, Münster und Dresden zwei Meter hohe Schandpfähle errichtet wurden, an die man die Namen der betroffenen Professoren und verfemte Bücher mit Nägeln anschlug.“7 Bereits Anfang Mai wurde damit begonnen, die Werke bestimmter Autor*innen systematisch zu sammeln. Dies betraf auch Leih- und Volksbüchereien und Buchhandlungen. Das reaktionäre Weltbild der Nationalsozialisten stieß dabei auf den Universitäten auf fruchtbaren Boden, da diese seit jeher konservativ geprägt waren und der Vorgang dadurch beschleunigt wurde. Von über 400 Autor*innen ist heute gesichert, dass deren Bücher 1933 verbrannt wurden. Anfang April 1933 hatte sich der Ausschuss zur Neuordnung der Berliner Stadt- und Volksbüchereien gebildet, der aus dem Verband deutscher Volksbibliothekare hervorgegangen war. In erster Reihe stand hier der Bibliothekar Wolfgang Herrmann. Gemeinsam mit den Bibliothekaren Max Wieser und Hans Engelhard wurde zunächst ein Kriterienkatalog erstellt, an welchen man sich bei der Erstellung schwarzer Listen halten müsse. Dies betraf unter anderem Bücher von Autor*innen jüdischer Herkunft, marxistische und pazifistische Theoretiker*innen/Autor*innen, feministische Literatur sowie Werke kritischer Journalist*innen.8 Die erstellte schwarze Liste des Herrmanns bildete dabei die Grundlage für die von den Studenten vorangetriebene Bücherverbrennung, auch wenn diese anfänglich nur für Leihbibliotheken angedacht war.9 „Von einer Bücherverbrennung im großen Stil war da am Anfang noch nicht die Rede. Doch die Studenten, die sich die Bücherverbrennung zum Ziel gesetzt hatten, verfolgten einen extrem knappen Zeitplan und so kam es, dass die deutsche Studentenschaft mit Herrmann Kontakt aufnahm und dieser ihnen die Liste bereitwillig zur Verfügung stellte.“10 Auf dieser standen die Namen von Autor*innen mit Weltrang wie Bertolt Brecht, Stefan Zweig, Joseph Roth, Erich Kästner, Arthur Schnitzler und Anna Seghers. Auch heute leider zu Unrecht in den Hintergrund gerückte Autor*innen wie Gina Kaus und Theoretiker*innen wie Friedrich Engels und Rosa Luxemburg fanden sich darauf. Wichtig erscheinen in diesem Kontext drei wesentliche Aspekte:
- Besieht man sich Listen von Autor*innen, welche sich vorerst nicht auf der schwarzen Liste Hermanns fanden, sondern erst zu einem späteren Zeitpunkt im deutschen Reich verfolgt, vertrieben oder verfemt waren, so ergibt sich ein noch größeres Bild des nationalsozialistischen Kulturbruchs. Die Literaturnobelpreisträger*innen Nelly Sachs und Thomas Mann wären hier genauso zu nennen wie etwa die heute leider wenig rezipierten Marieluise Fleißer und Jura Soyfer. Auch Albert Einsteins Werke sollten aus dem Gedächtnis verbannt werden. Das Ausmaß sind hunderte Namen, die ausgelöscht werden sollten.
- Oftmals wurde davon ausgegangen, dass Propagandaminister Joseph Goebbels der ausschlaggebende Akteur bei der Aktion Wider den undeutschen Geist war. Tatsächlich ist hier die Deutsche Studentenschaft im Vordergrund zu sehen. Jedoch wird nach heutigem Stand der Wissenschaft von einer Wechselwirkung zwischen der Studentenschaft und dem Staatsapparat gesprochen. Ohne Hilfe des Propagandaministeriums hätte die Aktion Wider den undeutschen Geist wohl nicht solch eine Wirkung erzielt. Dies ist auch die These, welche ich nach eingängiger Recherche unterstütze.11
- In der Person Wolfgang Herrmanns vermischt sich faschistische Propaganda mit kaltem Opportunismus. Es zeigt aber auch, wie totalitäre Systeme jenen Grenzen aufzeigen, die trotz Anbiederung und Parteibuch nicht immer auf Linie waren. Hermann, der zwar strammer Nationalsozialist war, äußerte sich etwa abfällig über Hitlers Mein Kampf. Grund dafür war, dass Herrmann dem Flügel um Gregor Strasser bei den Nationalsozialisten angehörte. Der erhoffte wirtschaftlich-soziale Aufstieg blieb aus. Hermann fiel 1945.12
Die Nationalsozialisten waren Meister in der Inszenierung des Schreckens. Als in den Abendstunden des 10. Mai 1933 die Mengen tobten, wurden nicht bloß Bücher verbrannt. Seitenweise Wissen, Geist und kulturelle Identität wurden in die Flammen geworfen. Erich Kästner war in Berlin selbst vor Ort, als seine Bücher unter Applaus loderten. Er beschrieb dieses Erlebnis sehr eindrucksvoll mit folgenden Worten: „Drüben vor den Bankpalästen, rechts von der Oper, war der Scheiterhaufen errichtet worden. Er flammte auf. Die Lastwagen rollten heran wie an eine Verladerampe. Tausende von Büchern wurden ausgekippt und von fleißigen Händen hoch im Bogen ins Feuer geworfen. Dann tauchte Goebbels auf. Er stand auf einer von Mikrophonen belagerten Estrade und gestikulierte vor dem Feuerschein wie ein Teufelchen vor der Hölle. Er zeterte, salbaderte, rief Schriftsteller bei Namen und überantwortete ihre Bücher den Flammen und dem Vergessen. Das war kein Großinquisitor, sondern ein kleiner, pöbelnder Feuerwerker. Hier rächte sich ein durchgefallener Literat an der Literatur. Hier beseitigte ein durchtriebener Politiker für viele Jahre jede intellektuelle Opposition.“13
Verbotene Autor*innen als Vortragende an den Wiener Volkshochschulen. Das „Who is who“ des kulturell-literarischen Lebens
Es ist nun spannend sich genauer anzusehen, welche der Autor*innen, die während des Nationalsozialismus verboten waren, an den Wiener Volkshochschulen vortrugen. Schließlich waren die Wiener Volkshochschulen vor allem in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts ein progressiv-intellektueller Herd. Ein egalitäres Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden, ein Miteinander von Frauen und Männern und verschiedenen gesellschaftlichen Schichten. Der Anspruch, Wissen und Eigenständigkeit zu vermitteln. All das war von den Nationalsozialisten nicht gewollt. Vor diesem Hintergrund wird eine Betrachtung nochmals interessanter. Jedoch muss in diesem Kontext erwähnt werden, dass es auch in Österreich zu nationalsozialistischen Bücherverbrennungen kam. Allerdings deutlich später, nach dem Anschluss an das Deutsche Reich, und nicht in der gleichen Intensität. Heute sind vier öffentliche Bücherverbrennungen auf österreichischem Boden bekannt (jeweils zwei in Kärnten und Salzburg), wobei jene am Salzburger Residenzplatz am 30. April 1938 nicht nur die größte darstellt, sondern auch jene ist, die im kollektiven Gedächtnis verankert geblieben ist.14 Tatsächlich findet sich eine beträchtliche Anzahl an Autor*innen und Wissenschaftler*innen, deren Werke von den Nationalsozialisten verboten wurden und als Vortragende an den Wiener Volkshochschulen tätig waren. Es liest sich wie ein Who is Who der Kulturell-wissenschaftlichen Prominenz. So trug Thomas Mann insgesamt vier Mal aus eigenen Werken (Kursjahr 1913/14 und 1934/35)15 sowie über Goethes Laufbahn als Schriftsteller (Kursjahr 1932/33) in der Wiener Urania vor.16 Das Jung-Wien war mit Arthur Schnitzler (etwa im Kursjahr 1914/15 im Volksheim Ottakring und in der Wiener Urania), Felix Salten (in der Urania, dem Volksheim Ottakring und dem Wiener Volksbildungsverein) und Richard Beer-Hofmann (1918/19 und 1933/34) prominent vertreten. Vicki Baum und Gina Kaus lasen und/oder trugen genauso vor wie Stefan Zweig (der beispielsweise einen Vortrag über Honoré de Balzac im Volksheim Ottakring 1908/09 hielt), Robert Musil, Hilde Spiel, Jakob Wassermann, Else Lasker-Schüler Friedrich Torberg, Alfred Polgar und Egon Friedell. Über den Besuch Albert Einsteins ist schon viel geschrieben worden. Wenig vermittelt ist jedoch, dass H.G. Wells im Kursjahr 1926/27 aus League of Nations im Wiener Volksbildungsverein vortrug und damit auch den international anerkannten Charakter der Wiener Volksbildung im vergangenen Jahrhundert zeigt. Selbst der als großer Zyniker bekannte Karl Kraus trug an der Urania im Jahre 1935/36 vor. Natürlich finden sich auch heute weniger gelesene Autor*innen wie Alma Johanna Koenig oder Oskar Maria Graf als Vortragende. Spannend, aber wenig überraschend, ist es, dass der Großteil jener Autor*innen an den Wiener Volkshochschulen vor der Errichtung des austrofaschistischen Ständestaates vortrug. Dollfuß und der Vaterländischen Front war schnell daran gelegen, der wissenschaftsorientierten, egalitären Volksbildung den Riegel vorzuschieben. „Diesem erfolgreichen Auf- und Ausbau einer egalitären, auf antimetaphysisch-rationalen Zielsetzungen beruhenden urbanen Volksbildung wurde bereits durch die personellen Säuberungen des austrofaschistischen Regimes sowie durch Einflussnahmen auf die Programmgestaltung ein schleichendes Ende bereitet.“17 „Eine nicht zu unterschätzende Wirkung, die dies nach sich zog, war, dass ein Drittel der verbliebenden Lehrenden an den Wiener Volkshochschulen bereits vor 1938 mit den Nationalsozialisten sympathisierten.18 Fünf Jahre später, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, zeigt sich in dem gleichgeschalteten Programm ein Schwerpunkt auf dem Bereich Kunst und Kultur, das Kursprogramm entspricht insgesamt noch dem gewohnten Angebot. Jedoch legten die Nationalsozialisten aufgrund der Propaganda ein Augenmerk auf politische Veranstaltungen. Mit 14 % lag dieses Kursangebot 1938/39 deutlich über dem bisherigen Standardangebot in diesem Bereich.19 „Mit Fortdauer des NS-Regimes reduzierte sich dieses Angebotssegment aber dramatisch und belief sich im Jahr 1939/40 nur noch auf etwas mehr als sieben Prozent, und pendelte sich dann auf kaum mehr als ein Prozent ein“20 Vortragende, die sich unverhohlen als Propagandisten des Terrorregimes deklarierten, waren mehrheitlich erst nach dem Anschluss als Vortragende tätig geworden. Man benötigte Hilfe von außen, um den Hörenden Hass einzupflanzen.
Heute nimmt Erinnerungskultur an den Wiener Volkshochschulen einen proprominenten Platz ein. Die Auseinandersetzung mit der jüngeren österreichischen Vergangenheit setzt an den Wiener Volkshochschulen sehr früh ein. Christian H. Stifter verweist hier etwa – und das finde ich besonders bemerkenswert – auf das Angebot Verfemt und geächtet – die Dichtung in der Emigration von 1938 – 194521 aus dem Wintersemester 1946/47. Besonders spannend ist es, dass die Wiener Volkshochschulen sich als erste Organisation in Österreich dem Fach Zeitgeschichte widmeten und somit den universitären Zweig vorwegnahmen.22 Dies zeigt die gesellschaftspolitische Kraft, welche die Volkshochschulen damals wie heute haben. Sie sind Lern- und Begegnungsorte wider dem Vergessen. Dies geschieht durch die unermüdliche Arbeit von Vortragenden, Teilnehmenden und Kolleg*innen, die Kurse, Vorträge und Workshops mit Leben füllen. Es gibt neben der Bibliothek der verbrannten Bücher eine Reihe gelungener, wunderbarer Projekte an Volkshochschulen zu diesem Thema. Wie etwa Juden in Penzing der Volkshochschulen Hietzing und Penzing, an dem Robert Streibel und die leider viel zu früh von uns gegangene Sylvia Kuba federführend waren. All dies hat etwas gemeinsam. Es ist eine Haltung der Courage, die sich der Verachtung von menschlichem Leben entgegensetzt. //











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