Hartmut Rosa: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums.

Hartmut Rosa: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums.
Berlin: Suhrkamp Verlag 2026, 247 Seiten.

Wir leben unser Leben zu wenig – wir vollziehen es. Wir handeln nicht in Situationen, die wir beurteilen und interpretieren. Nein, wir vollziehen Vorgaben, Gesetze, bürokratische Anforderungen und fixe Algorithmen. Erschöpft, depressiv, energiearm und mit Burnout reagieren darauf Individuen und Gesellschaft.

Hartmut Rosa, Professor für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, ist über die Entwicklung besorgt. Mit Bezug auf die beiden Begriffe Situation (ermöglicht individuelle Initiativen) und Konstellation (gibt Ablauf des Tuns genau vor) entfaltet der Soziologe die Analyse der vor sich gehenden Transformation. Seine Absicht ist es, den umfassenden Wandel, der fast alle Handlungsbeziehungen Richtung Vollziehen betrifft, und seine Ursachen aufzuzeigen.

Waren Situationen noch von Uneindeutigkeiten charakterisiert, es gab Spielräume für Interpretation und Wahrnehmung, so sind Konstellationen auf Einfaches, Messbares, Einzelteiliges, oft Binäres reduziert, um eindeutige Entscheidungen zu ermöglichen. Ist Handeln auf Urteilskraft und Erfahrung angewiesen, so stehen beim Vollziehen Regeln oder bereits anderswo getroffene Entscheidungen im Vordergrund. Definitorisch erklärt der Soziologe: Handelnde befinden sich in Situationen, partizipieren an ihnen, gestalten sie mit und verändern sie ständig. Vollziehende erfahren sich eher in fremdbestimmten Konstellationen, beobachtend oder als Bearbeiter, weniger als wirksame Akteure. Unsere „Weltbeziehung“, will Hartmut Rosa mit seinem Buch belegen, verliert die bisherigen Handlungsspielräume, verliert Ambiguitätstoleranz und Vielfalt. Sie steuert auf „eine primär ‚lineare‘ (Weltbeziehung zu), in der es klar getrennte Optionen, vorgezeichnete Entscheidungsvollzüge und daher luzide Eindeutigkeit gibt“ (S. 14).

Die wesentliche Veränderung, die Rosa beim „Verfügbarmachen von Welt“ konstatiert, ist die Reduktion komplexer, ganzheitlicher Situationen auf vereinfachte, einzelne Teile hervorhebende, messbare, oft binäre Konstellationen. Dies arbeitet er in den einzelnen Kapiteln heraus. Mit Beispielen aus dem Alltag unterlegt, zeigt Hartmut Rosa zunächst „Schauplätze der Transformation“.

Sie finden sich überall, wo Professionalisierung und Technisierung beteiligt sind, wo Aktivitäten in „konstellative Einzelschritte“ zerlegt werden, z. B. mit Fernbedienung, bei der Wahl zu klicken oder nicht zu klicken, zu scrollen oder zu wischen …

Wissenschaftlich fundiert bietet der Autor eine erhellende Analyse und systematische Zusammenhänge für die von ihm verwendeten Grundbegriffe Situation, Konstellation, Handeln, Vollziehen, Spielraum und Urteilskraft. Dabei erklärt der Autor auch den spürbaren „Weltverlust“ in Konstellationen. Subjekte fühlen sich in Bezug mit anderen „selbstunwirksam“, weil sie sich nicht mehr als „gemeinsam handelnd“ erleben.

Warum der „Konstellationismus“, trotz seiner Probleme, sich derart in der Gegenwartsgesellschaft ausbreitet, erörtert Hartmut Rosa im Kapitel „Warum konstellative Klarheit wünschenswert ist“. Er vermutet eine Reaktion auf die Aufklärung, der es, gestützt auf (Natur-)Wissenschaft, gelang, Welt und Leben zu verstehen und zu gestalten. Der Kosmos, der menschliche Körper, die Natur wurden in Konstellationen aufgelöst und dadurch technischen Begriffen preisgegeben. Politisch wurde die Welt mittels Gesetzgebung konstellativ gestaltet – den Menschen zugleich versprochene, erweiterte Handlungsräume verwandelten sich allerdings in verengte oder eliminierte Spielräume.

Für Politik und Wissenschaft wird dies in jeweils einem eigenen Kapitel ausgeführt. In Bezug auf Wissenschaft verdeutlicht der Soziologe die Möglichkeiten von Erkenntnis auf Basis von quantitativer und qualitativer Methodik. Erkenntnisse auf beiden Methodiken beruhend sind aufeinander angewiesen. Ohne situative Rückbindung bleiben reine empirisch-konstellative-Untersuchungen „blind“, ohne Datengrundlage hermeneutische Analysen „leer“. Ziel dieser wünschenswerten wissenschaftlichen Verdichtung ist für Hartmut Rosa, „politische und kulturelle Handlungsenergie“ zu fördern, die der Intention, das Leben, „die Welt“ erkennen und gestalten zu können, Kraft gibt.

Der Autor kritisiert, dass gegenwärtig mächtige politische Autokraten und Führungsfiguren suggerieren, durch Verachtung geltender Regeln und Vereinbarungen, von Normen und Werten, ursprüngliche Handlungsfreiheit wiederherzustellen. Er plädiert im letzten Kapitel für eine „Rückeroberung der Spielräume“, damit „wir unsere Menschlichkeit zurückgewinnen können“ (S. 176).

Der Grundgedanke des Buches lautet: Wir müssen den jeweils anderen Menschen erfahrungsbasierte Urteilskraft zutrauen, um die Tendenzen zum Vollziehen abzuwehren und uns als Handelnde zu stärken. Denn die Welt ist nicht einfach und vollständig durch Gesetze zu gestalten, die nur vollzogen werden müssen, sondern erfordert handelnde Akteure, die kreativ und lebendig auf wechselhafte Situationen reagieren. Politik entfaltet sich durch Handeln „Zwischen-den-Menschen“ (Hannah Arendt), durch Beziehungen der Menschen zueinander.

Ein Buch zur Diagnose der Zeit, zur Situation von Politik und Wissenschaft, zur Situation von Demokratie.

Auf wissenschaftlicher Basis verfasst, aber um Verstehen bemüht, eignet sich das Buch in der Erwachsenenbildung für Professionalisierung und Politische Bildung. //

Lenz, Werner (2026): Hartmut Rosa: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Frühjahr 2026, Heft 286/77. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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