Wer Latein lernt, lernt logisches Denken. Dieses Gerücht prägt nach wie vor unsere Vorstellungen vom Wert des Lateinunterrichts. Doch ist dieses althergebrachte Diktum haltbar? Und ist Sprachkenntnis nicht ein Wert an sich, mit und ohne Logik-Training? In diesem Artikel weise ich nach, dass der Begriff „Logik“ auf Latein nicht sinnvoll angewendet werden kann. Das wertet Latein als europäische Kultursprache keinesfalls ab. Aber es trägt einen alten Mythos zu Grabe. Ein Mythos, der immer wieder als Fake-Rechtfertigung – auch ganz aktuell – für den Lateinunterricht angeführt wird. Doch braucht es eine Rechtfertigung für das Erlernen einer kulturell bedeutenden Sprache? Natürlich nicht.
Als kleine Randnotiz wird auch die Gender-Problematik in den indo-europäischen Sprachen angesprochen.
„Kennst du viele Sprachen,
hast du viele Schlüssel für ein Schloss.“
Voltaire
Der Mythos, dass Latein eine logische Sprache sei, ist weit verbreitet und wird kaum hinterfragt.1 Generation über Generation wird dieser Topos weitergegeben und somit zementiert.
Bekanntlich wird das für wahr gehalten, was jemand oft genug zu hören bekommt, also auch die Logizität des Lateins. Und weil Latein kompliziert und opak ist, wird das mit Logizität verwechselt, da auch die Logik landläufig für kompliziert und undurchsichtig gehalten wird. Doch genau das Gegenteil ist der Fall, Logik ist Transparenz und Klarheit.
Vorweg, ich bin kein Feind der lateinischen Sprache, ganz im Gegenteil, ich achte jede. Im Gymnasium war Latein nach Biologie, Darstellender Geometrie und Chemie sogar eins meiner Lieblingsfächer und hat mein Interesse für die Sprachwissenschaften geweckt. Sprache ist die faszinierendste Erfindung des Menschen, die ihn zugleich erst zum Menschen macht. Dennoch muss ich – der Evidenz und der Aufklärung verpflichtet – bei der Behauptung, Latein sei ein Musterbeispiel einer logischen Sprache, klar Widerspruch einlegen. Das alte Vorurteil, das sich so stark hält, ist objektiv betrachtet nicht haltbar.
Sofern der Begriff „logisch“ überhaupt auf eine natürliche Sprache angewendet werden kann, ist er beim Latein jedenfalls fehl am Platz. In Bezug auf eine Sprache kann „logisch“ wohl nur meinen, dass es eine konsequente (also widerspruchsfreie) Relation zwischen Form und Funktion eines Wortes oder eines Morphems geben muss. Würde das der Fall sein, wäre Latein eine leicht zu erlernende Sprache. Doch niemand behauptet, dass Latein eine einfache Sprache sei.
Das lateinische Substantiv im Casus/Genus-System
Meist wird argumentiert, dass Latein genaue Regeln kennt und sich daher eindeutig konstruieren lässt. Doch genau hier zeigt eine Analyse, dass nichts dergleichen zutrifft. So wird behauptet, es gibt im Lateinischen sechs Fälle mit je einer genau definierten Bedeutung. In Wahrheit hat keiner der lateinischen Fälle eine klare Bedeutung. Die einzelnen Fälle gleichen sich höchstens in der Mehrzahl ihrer Verwendungen. Doch das ist kein hinreichendes Kriterium für „Logizität“. Der Gebrauch der Fälle ist primär eine Angelegenheit der sprachlichen Konvention und nicht der Logik. Es ist nicht möglich, eine klare, eindeutige und durchgängige Regel für die Verwendung der Fälle anzugeben. So gibt es im Lateinischen zwar einen Genitiv, der uns aber in vielfältigen und sehr diversen Funktionen entgegentritt. Die Lateiner unterscheiden zwischen einem Genitivus possessivus, partitivus, objectivus, subjectivus, explicativus, qualitatis, pretii und criminis.
So lässt sich die lateinische Formulierung „amor dei“ auf folgende Arten übersetzen: 1) die Liebe, die Gott gehört; 2) die Liebe als Teil Gottes; 3) die Liebe zu Gott; 4) die Liebe, die von Gott ausgeht; 5) die Liebe, die Gott ist; 6) die göttliche Liebe. (Für die letzten beiden Genitiv-Funktionen gibt es in diesem Beispiel keine Übersetzung.) Der eigentliche Sinn erschließt sich nur aus dem sprachlichen oder situativen Kontext und ist nicht eindeutig festgelegt. Ähnliches gilt auch für die anderen Kasus: Ablativus instrumentalis, pretii, limitationis, mensurae, causae, modi, qualitatis, loci, temporalis, separatirus, originis, comparationis, absolutus sowie Dativus possessivus, commodi, finalis und auctoris. Wie ist bei dieser Fülle an Anwendungen ein klarer Ausdruck möglich? Wenn das Sprachgefühl nicht weiterhilft, bleibt nur noch das Raten.
Aber es kommt noch schlimmer: Es gibt auch keine eindeutigen Kasus-Markierungen. So kann im Schriftbild die Endung „-i“ für einen Genitiv im Singular (Maskulina und Neutra), für einen Nominativ im Plural (Maskulina), für einen Dativ oder Lokativ im Singular und bei gewissen Stämmen gar für einen Ablativ im Singular stehen. Noch verwirrender wird es bei der Endung „-is“ (entweder Nominativ oder Genitiv im Singular oder aber Dativ und Ablativ im Plural, je nach Deklinationklasse). Die Endung „-a“ kennzeichnet einen Nominativ Singular (Feminina), einen Vokativ Singular (Feminina), einen Ablativ Singular (Feminina), einen Nominativ Plural (Neutra), einen Vokativ Plural (Neutra) oder einen Akkusativ Plural (Neutra). Die Aufzählung der vieldeutigen Suffixe ist hier aber noch lange nicht zu Ende.
Es gibt im Lateinischen wie bei den meisten flektierenden Sprachen weder eindeutige Endungen noch exakte Bedeutungen oder Funktionen derselben. Sowohl der Plural als auch die einzelnen Fälle sind nicht klar gekennzeichnet. Zudem sind die einzelnen Deklinationsklassen nur tendenziell bestimmten Genera zugeordnet – normalerweise muss das grammatische Geschlecht mit dem Wort mitgelernt werden, da es keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Wortform und Genus gibt.
Ungarisch zum Vergleich
In agglutinierenden Sprachen ist eine solche Situation selten. Es gibt fast immer ein eindeutiges Morphem für den Fall (der dann auch eine eindeutige Bedeutung hat) sowie wieder einen eigenen Marker für den Plural. Als Beispiel sei hier das Ungarische erwähnt. Hier werden räumliche Verhältnisse durch ein System von drei mal drei Suffixen wiedergegeben:
- innen: in etwas sein – z. B. a házban – im Haus (drinnen), Plural: a házakban
- innen: in etwas hinein – z. B. a házba – ins Haus (hinein), Plural: a házakba
- innen: aus etwas heraus – z. B. a házból – aus dem Haus (heraus), Plural: a házakból
- obenauf: auf etwas sein – z. B. a házon – auf dem Haus (oben), Plural: a házakon
- obenauf: auf etwas hinauf – z. B. a házra – auf das Haus (hinauf), Plural: a házakra
- obenauf: von etwas herunter – z. B. a házról – vom Haus (herunter), Plural: a házakról
- daneben: bei etwas sein – z. B. a háznál – beim Haus (daneben), Plural: a házaknál
- daneben: zu etwas hin – z. B. a házhoz – zum Haus (hin), Plural: a házakhoz
- daneben: von etwas weg – z. B. a háztól – vom Haus weg (hinfort), Plural: a házaktól
Das System ist völlig schlüssig, regelmäßig und gilt ausnahmslos. Außerdem hat jedes Morphem genau nur eine definierte Funktion. Eine noch bessere Situation demonstrieren isolierende Sprachen, da sie sich nur auf die inhärente Logik der Syntax verlassen können. Somit sind diese im Allgemeinen wesentlich logischer strukturiert sowie auch schneller zu erlernen (und das gilt bereits für Kleinkinder). Eigentlich haben einige agglutinierende Sprachen somit in gewissem Sinne einen analytischen Sprachbau, obwohl Wilhelm Humboldt sie den „synthetischen“ Sprachen zuwies, weil sie mit (multifunktionalen) Affixen arbeiten und somit „zusammengesetzte“ Wortformen verwenden.
Das lateinische Verb: rectio et alia
Als zusätzliche Komplikation kommt im Lateinischen noch hinzu, dass die Verwendung der Fälle vom jeweiligen Verb abhängt. So steht das direkte Objekt des Satzes nicht zwangsläufig im Akkusativ. Viele Verben des Lateinischen verlangen als Objektfall (oder gar als Subjektfall) den Genitiv, manchmal auch einen anderen Kasus. Beispiele sind: tui obliviscor (ich vergesse dich – Genitiv); moris est (es ist Sitte – Genitiv); quid eius interest (was liegt ihm daran? – Genitiv); solidus fit eius (das Geld bekommt er – Genitiv); paenitet me dicti (mich reut das Gesagte – Genitiv); persuadeo tibi (ich überrede dich – Dativ); mors nemini parcit (der Tod schont niemanden – Dativ) u.s.w.
Aber die Sache wird noch komplizierter: Da die flektierenden Sprachen auch durch heteroklitische Wortstämme ausgezeichnet sind (das heißt, bestimmte Begriffe werden durch unterschiedliche Wortformen oder sogar durch völlig andere Wörter ausgedrückt), müssen für jeden Begriff meist mehrere Stämme gelernt werden, die je nach Fall unterschiedlich benutzt werden. So kann man sich auch auf die Wortstämme selbst nicht verlassen (z. B. iter/itineris oder Juppiter/Jovis oder Venus/Veneris). Am auffälligsten und ausgeprägtesten ist diese Erscheinung allerdings bei den Verben.
Verba mutantur
Damit sind wir auch schon bei der Wortgruppe, die wir noch genauer betrachten müssen: den Zeitwörtern. Hier gibt es ebenfalls viele Ungereimtheiten. Erwähnt wurde bereits der Stammwechsel (z. B. fero/tuli/latum, fallo/fefelli/falsum, edo/didi/ditum, ago/egi/actum, gero/gessi/gestum, gigno/genui/genitum, cado/cecidi/casum, tero/trivi/tritum, tendo/tetendi/tentum, frango/fregi/fractum, pono/posui/positum, premo/pressi/pressum, fundo/fusi/fusum etc.). Hinzu kommt, dass es Verben im Perfekt mit Präsensbedeutung und Verben im Passiv mit Aktivbedeutung gibt. So kann der Satz „puer lavatur“ (Passiv) auf folgende Weisen verstanden werden: 1) der Junge wird gewaschen; 2) der Junge wäscht sich; 3) der Junge lässt sich waschen. Wo bleibt die innere Logik? Letztlich sind das alles Sprachkonventionen, die einer intrinsischen Logik widersprechen.
Das Wort „esse“ (sein) selbst ist schon problematisch, da es grammatikalisch oft ein Prädikat setzt, wo es logisch keine Prädikation gibt. Oder wie Kant es ausdrückt (1781): „Sein ist offenbar kein reales Prädikat, das ist ein Begriff von irgend etwas, was zu dem Begriffe eines Dinges hinzukommen könnte. Es ist bloß die Position eines Dinges oder gewisser Bestimmungen an sich selbst. Im logischen Gebrauch ist es lediglich die Copula eines Urteils. Der Satz, Gott ist allmächtig, enthält zwei Begriffe, die ihre Objekte haben: Gott und Allmacht; das Wörtchen: ist, ist nicht noch ein Prädikat obenein, sondern nur das, was das Prädikat beziehungsweise auf das Subjekt setzt. Nehme ich nun das Subjekt (Gott) mit all seinen Prädikaten (worunter auch die Allmacht gehöret) zusammen, und sage: Gott ist, oder es ist ein Gott, so setze ich kein neues Prädikat zum Begriffe von Gott, sondern nur das Subjekt an sich selbst mit allen seinen Prädikaten, und zwar den Gegenstand in Beziehung auf seinen Begriff. Beide müssen genau einerlei enthalten, und es kann daher zu dem Begriffe, der bloß die Möglichkeit ausdrückt, darum, dass ich dessen Gegenstand als schlechthin gegeben (durch den Ausdruck: er ist) denke, nichts weiter hinzukommen. Und so enthält das Wirkliche nichts mehr als das bloß Mögliche.“ In vielen Sprachen wird daher auf ein Wort für „sein“ verzichtet; das Verb gibt es vielerorts einfach nicht!
Exceptio probat regulam – Ausnahmen können keine Regel bestätigen
Viele Lateiner argumentieren sehr irrational: „Die Ausnahme bestätigt die Regel.“ Doch rein logisch betrachtet widerlegt jede Ausnahme die Regel statim! (Tertium non datur – nachzulesen beispielsweise bei Karl Popper 1935 und 1984.) Es gibt demnach keine allgemein gültigen Regeln im Lateinischen. Es handelt sich um sprachliche Konventionen, die nur vom jeweils üblichen Gebrauch abhängen. Wenn man auch noch berücksichtigt, dass es im Lateinischen keine fixe Syntax gibt – jedes Wort darf prinzipiell überall im Satz stehen – wird die Lage noch unübersichtlicher. So muss ein Lateinschüler so manches Übersetzungsrätsel lösen …
Der bedeutende Logiker Giuseppe Peano hat bereits die Unlogik des Lateins gebrandmarkt – weshalb er das klassische Latein als ungeeignet erachtete, als „lingua franca“ zu fungieren. Daher propagierte er ab 1903 sein „latino sine flexione“ – ein vom Ballast befreites Latein – in dem bis 1950 sogar zahlreiche wissenschaftliche Publikationen verfasst wurden (Peano: 1903).
Übrigens gibt es auch eine Kunstsprache, die völlig formal und konsistent nach dem prädikatenlogischen Modell konstruiert wurde: LogLan von James Cooke Brown (1989).
Was „logisch“ wirklich bedeutet …
Doch was heißt es dann, von etwas zu sagen, es sei „logisch“? Im alltäglichen Sprachgebrauch erscheint das Wort häufig als Affirmation im Sinne von „natürlich“, „selbstverständlich“, „offensichtlich“. Doch das ist nicht die eigentliche Grundbedeutung von „logisch“, sobald das Wort als Ableitung vom Substantiv „Logik“ verstanden wird. In diesem originären Zusammenhang heißt es so viel wie „folgerichtig“, „widerspruchsfrei“ oder modern ausgedrückt „analytisch“ und „erfüllbar“. Denn das sind die Hauptkriterien einer jeden Logik, wobei jeder der genannten Ausdrücke den anderen impliziert (was also folgerichtig ist, ist auch widerspruchsfrei, analytisch und außerdem erfüllbar). Rein formal handelt es sich um Synonyme – nach Gottlob Frege (1892) haben sie zwar die gleiche Bedeutung, aber verschiedenen Sinn (also nur einen anderen Blickwinkel).
Doch Logik verlangt noch mehr: Um Sätze bilden zu können, die folgerichtig, widerspruchsfrei und erfüllbar (also logisch-analytisch) sind, ist auch eine Semantik und eine Syntax erforderlich. Die Semantik legt fest, wofür die Zeichen, die in Beziehung gesetzt werden, stehen. Die Syntax gibt an, welche Zeichenketten im logischen Sinne wohl geformt (und damit formal gültig) sind. Somit ist Logik nichts anderes, als die geordnete und ausnahmslos regelhafte Manipulation von Zeichen (Abel: 1999; Blum: 1999).
Die Betonung liegt hier auf regelhaft und geordnet – modern auch „formal“ genannt. Eine logische „Formulierung“ erfordert also ein formales System. Dieses formale System liefert die Syntax. Grundsätzlich gibt es viele Möglichkeiten einer Syntax, die die Bildung von abzählbar-unendlich vielen Sätzen nach fixen Regeln erlauben (
-Unendlichkeit; Cantor 1884, Gödel 1931). Welches System gewählt wird, ist reine Konvention und in gewissem Sinne willkürlich (also eine Übereinkunft). Doch wenn eine bestimmte Syntax ausgewählt ist, sind die systeminternen Regeln verbindlich. Ansonsten entstehen sinnlose Zeichenketten, also unsinnige Sätze (Haack: 1978; Quine: 1993).
Natürliche Sprachen
Auf natürliche Sprachen angewandt, lässt sich somit sagen, dass eine Sprache dann am ehesten die formalen Kriterien einer Logik erfüllt, wenn sie einer klaren und eindeutigen Syntax folgt. Wobei hier mit einer logischen Syntax gemeint ist, dass die Wortfunktion durch den Ort im Satz festgelegt ist. Dies ist vor allem bei isolierenden Sprachen der Fall, da das hier die einzige Möglichkeit ist, eine grammatikalische Funktion im Satz anzuzeigen. Über andere Kennzeichnungsvarianten verfügt eine isolierende Sprache nicht – es gibt hier ja auch keine Wortderivationen. Daher werden diese auch „analytische Sprachen“ genannt, da grammatikalische Funktionen durch die Syntax und mit Hilfe von Partikeln analytisch festgelegt werden (Palmer: 1974).
Vor allem Kreol-Sprachen zeichnen sich durch ein sehr formales Satzgefüge aus. Der Grund dafür liegt offensichtlich darin, dass es beim Vorgang der Kreolisierung kein verbindliches Grammatiksystem gibt, sodass sich spontan eine „logischere“ Syntax etabliert (Collinder: 1978; Baier & Zinko: 2005). Auch die sinitischen Sprachen sind ein gutes Beispiel dafür (Baier: 2012 und 2021). Englisch ist auf gutem Wege dorthin (McWorther: 2009). Zwar gibt es noch etliche Relikte aus seiner synthetischen Vergangenheit, doch die analytischen Strukturen setzten sich progressiv durch. Jedenfalls verfügt das Englische bereits über strikte Syntaxregeln, auf Grund derer die Wortfunktionen festgelegt sind – mit und ohne Derivation.
Bei synthetischen Sprachen ist das praktisch kaum der Fall. Die flektierenden Sprachen besitzen häufig eine sehr variable Wortfolge. Das klassische Latein ist dabei relativ extrem, da es manchmal sogar zusammengehörige Satzphrasen trennt. Doch nehmen wir aus naheliegenden Gründen einfach Deutsch als Beispiel:
1) Im Wald schießt der brave Jäger mit der Flinte gerade einen Bock. 2) Einen Bock im Wald schießt gerade der brave Jäger mit der Flinte. 3) Der brave Jäger schießt mit der Flinte gerade einen Bock im Wald. 4) Der brave Jäger schießt im Wald gerade einen Bock mit der Flinte. 5) Im Wald schießt mit der Flinte gerade einen Bock der brave Jäger. 6) Mit der Flinte schießt gerade einen Bock im Wald der brave Jäger. 7) Einen Bock schießt gerade mit der Flinte im Wald der brave Jäger. 8) Gerade schießt der brave Jäger mit der Flinte im Wald einen Bock. Und so weiter.
Die einzige Konstante im Deutschen ist hier die Stellung des Verbs an zweiter Stelle (aber auch darauf ist nicht immer Verlass). Die Syntax ist daher sehr variabel und erfüllt kaum eine strukturierende Funktion. Die Struktur und der Konnex im Satz werden vor allem durch grammatikalische Kategorien hergestellt (das Genus-Kasus-System). Doch dieses System ist synthetisch und nicht analytisch. Auch steht das Genus-System in einem nur sehr vagen Zusammenhang mit dem natürlichen Geschlecht (Beispiele: der Weisel, die Drohne, das Mädchen; der Vamp, die Person, das Mitglied), es ist im Großen und Ganzen davon völlig unabhängig und arbiträr.
Genus & Gender
Hier erlaube ich mir einen kleinen Exkurs in die Genderproblematik. Wie bereits gezeigt, hat das Genussystem nur einen sehr indirekten Zusammenhang mit dem natürlichen Geschlecht (Batusprachen haben sogar mehr als nur drei Wortklassen – bis zu zwanzig). Es hat in den Sprachen hauptsächlich die Funktion, die Zusammengehörigkeit von Satzteilen oder Nebensätzen zu markieren, und nicht das natürliche Geschlecht zu kennzeichnen. Das zeigt sich schon daran, dass die deutsche Sprache ausschließlich weibliche Formanzien im Plural hat (die/sie/ihr). Das ist eine Weiterentwicklung einer Tendenz in der indoeuropäischen Ursprache, den Plural als feminine Kollektivableitung des Substantivs auszudrücken (Litscher: 2015). Rezent kann man eine ähnliche Entwicklung im Rumänischen beobachten, wo es eine eigene Klasse von maskulinen Nomen gibt, die im Plural zu Feminina wechseln.
Interessanter ist aber, dass die Mehrzahl der Sprachen gar kein generisches Geschlecht kennt, weshalb es auch für die dritte Person nur ein Personalpronomen gibt (und nicht drei wie im Deutschen). Als ein Beispiel unter vielen sei hier das afghanische Dari angeführt, das eben nur ein Wort dafür hat: „
“ (u). Bei den Opferlisten in Langtang vom großen Erdbeben 2015 in Nepal ist neben den Namen immer auch das Geschlecht mit angegeben, da – wie in den meisten Sprachen – aus dem Namen das Geschlecht nicht hervorgeht (Abbildung 1 und 2). Trotzdem sind auch diese genderneutralen Sprachgemeinschaften zumeist patriarchal geprägt. Das zeigt uns, dass der Einfluss der Sprache überbewertet wird – es sind die kulturell vermittelten Bilder im Kopf oder die erlebten Machtstrukturen, die den wirklichen Einfluss haben.2
Abbildungen 1 & 2
Sprachpolitisch sollten wir zu einer Neutralisierung der Genderformen kommen. Die Genderpolitik ist auch insofern inkonsequent, da sie die Familiennamen unberührt lässt, welche einst ja ebenfalls moviert wurden (Herr Müller, Frau Müllerin). Der natürliche Trend ging also bereits in die richtige Richtung. Übrigens gibt es die empfehlenswerte Praxis von Hermes Phettberg, welche der Sprachwissenschaftler Thomas Kronschläger als „Entgendern nach Phettberg“ aufgreift und propagiert (Kronschläger: 2020): Leser und Leserinnen sind dann eben „Lesys“, und der Leser oder die Leserin ist einfach „das Lesy“3. Jedenfalls ist die Hervorhebung des Geschlechtsunterschieds in der Sprache und die damit verbundene Kategorisierung bzw. Klassifizierung von Menschen sicher der falsche Weg, um Gendergerechtigkeit herzustellen. Sie hebt die Bedeutung des natürlichen Geschlechts hervor, statt sie zu nivellieren. Das führt dann auch zu grammatikalischen Fehlern (Das Mädchen ist fröhlich. Sie/es tanzt über die Wiese.) Also weg mit den (sprachlichen und anderen) Unterschieden!
Einen etwas anderen Zugang zu diesem Thema finden Sie etwa auf Youtube.4
Schlussbemerkung
Zum Abschluss ist nur noch festzuhalten, dass es nicht wundert, dass Wilhelm Humboldt (2009) die Sprachen in analytische und synthetische eingeteilt hat. Erstere zeichnen sich eben durch einen analytischen Sprachbau aus, bei dem die grammatikalischen Funktionen vor allem durch die Syntax ausgedrückt werden. Synthetische Sprachen drücken solche Verhältnisse durch komplexe und oft unregelmäßige Derivationen aus – nicht selten auch durch Wort- oder Stammwechsel (z. B.: sein, bin, bist, ist, sind, seid, war, waren, gewesen). Spätestens seit Immanuel Kant (1900 ff.) sollte bekannt sein, dass synthetische Systeme nur a posteriori gültig sein können.
Das Ergebnis ist aber dasselbe – beide Sprachtypen sind in der Lage, einer Proposition (also einem Gedanken) Ausdruck zu verleihen, doch währenddessen analytische Sprachen die intrinsische Logik eines Gedankens widerspiegeln, tun dies synthetische Sprachen im Allgemeinen nicht. //












Kommentare