Bildung und Medien stärken die Menschen und die Gemeinschaft

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Foto: Bernhard Holub
https://de.wikipedia.org/wiki/Manizha_Bakhtari

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine Ehre, heute bei der Verleihung der Radiopreise der Erwachsenenbildung zu sprechen, auch wenn ich leider nicht persönlich anwesend sein kann. Ich bin Dr. John Evers, dem Generalsekretär des VÖV, sowie den Organisator*innen sehr dankbar, dass sie mich eingeladen haben, meine Gedanken zu Erwachsenenbildung, Medien und der transformativen Kraft des Lernens zu teilen.

Zunächst möchte ich sagen, dass Österreichs Engagement für Erwachsenenbildung, Flüchtlingsintegration und inklusives Lernen ein Vorbild für die ganze Welt ist. Durch die Unterstützung von Programmen für vertriebene Gemeinschaften, die Förderung der Stimme von Frauen und Mädchen sowie die Förderung von Medien, die bilden und stärken, zeigt Österreich, dass Bildung ein Menschenrecht, ein Grundpfeiler des Friedens und ein Motor für soziale und wirtschaftliche Entwicklung ist.

Ich möchte den Nominierten und Gewinner*innen der Radiopreise der Erwachsenenbildung sagen: Ihre Arbeit ist von unschätzbarem Wert. Indem Sie Wissen teilen, Dialoge schaffen und Veränderungen anregen, sorgen Sie dafür, dass das Lernen jeden Winkel unserer Gemeinschaften erreicht. Sie erinnern uns daran, dass Bildung und Medien untrennbare Säulen unserer inklusiven Gesellschaft sind. Herzlichen Glückwunsch!

Erwachsenenbildung ist weit mehr als nur der Erwerb von Wissen, sie ist eine ­Lebensader, ein Instrument zur Selbstermächtigung und eine Grundlage für sozialen Zusammenhalt. Durch Bildung erwerben Menschen die Fähigkeiten, das Selbstvertrauen und die Handlungsfähigkeit, um sich voll und ganz in ihre Gemeinschaften einzubringen, einer sinnvollen Arbeit nachzugehen und ein Leben in Würde zu führen.

Hier in Österreich heißen Erwachsenenbildungsinstitutionen Flüchtlinge aus aller Welt willkommen. Viele von ihnen, darunter Frauen und Mädchen aus Afghanistan, stehen vor Herausforderungen, die für die meisten von uns unvorstellbar sind. Für sie ist Bildung nicht nur eine Chance, sondern eine Brücke zu Hoffnung, Stabilität und Selbstständigkeit.

Ich möchte kurz auf die Frauen und Mädchen in Afghanistan eingehen. Bildung ist für sie ein grundlegendes Menschenrecht, das ihnen jedoch weiterhin systematisch verwehrt wird. Heute ist es Millionen afghanischer Mädchen untersagt, eine weiterführende Schule oder Universität zu besuchen. Dabei wissen wir aus jahrzehntelangen weltweiten Erfahrungen und aus eigener Erfahrung, dass die Bildung von Mädchen tiefgreifende und weitreichende Auswirkungen hat: Bildung befähigt Frauen, am Arbeitsleben teilzunehmen, einen Beitrag zur Wirtschaft zu leisten und Führungs- und Entscheidungspositionen zu übernehmen. Sie verändert ganze Gemeinschaften und beschleunigt die Entwicklung einer Nation. Die Folgen der Verweigerung von Bildung für Mädchen sind überall in Afghanistan sichtbar, insbesondere jedoch im Gesundheitswesen: Der Mangel an medizinischem Personal, Krankenpflegerinnen und Ärztinnen ist bereits zu einer Krise geworden. Eine Krise, die Frauen und die gesamte Gesellschaft betrifft. In einem Land, in dem viele Frauen nur von weiblichen medizinischen Fachkräften versorgt werden können, führt der Mangel an ausgebildetem Personal dazu, dass vermeidbare ­Krankheiten unbehandelt bleiben, Geburten lebensbedrohlich werden und die Gemeinschaft geschwächt wird. Die tragischen Auswirkungen davon haben wir bei den beiden jüngsten Erdbeben in den westlichen Provinzen gesehen. Unmittelbar nach den Erdbeben benötigten Tausende von Frauen und Mädchen dringend medizinische Hilfe. Aber der Mangel an qualifiziertem weiblichem medizinischem Personal verlangsamte die Hilfsmaßnahmen und verschlimmerte das Leid. Der Mangel an weiblichen Hilfskräften in Afghanistan hat auch während humanitärer Krisen schwerwiegende Folgen. In vielen Gemeinden hindern kulturelle Normen Frauen daran, mit männlichen Helfern zu sprechen, was bedeutet, dass ihre Bedürfnisse oft ungehört und unerfüllt bleiben. Wenn es nicht genügend ausgebildete humanitäre Helferinnen gibt, um Schäden zu begutachten, Hilfe zu leisten und psychologische Unterstützung zu bieten, wird die Hälfte der Bevölkerung praktisch unsichtbar. Bei Katastrophen wie den jüngsten Erdbeben verzögert diese Lücke die Hilfsmaßnahmen, schränkt den Zugang zu Unterkünften, Gesundheitsversorgung und lebensnotwendigen Gütern ein und erhöht das Risiko von Ausbeutung und Traumata für Frauen und Mädchen. Ohne humanitäre Helferinnen sind Notfallmaßnahmen unvollständig und ungerecht, wodurch die Schwächsten noch stärker gefährdet sind.

Die Katastrophe hat gezeigt, was passiert, wenn eine Generation von Mädchen vom Lernen ausgeschlossen wird. Das Land ist in Krisenzeiten weniger gut vorbereitet, weniger widerstandsfähig und anfälliger. Investitionen in die Bildung von Mädchen sind nicht nur eine moralische Verpflichtung, sondern auch ein Grundpfeiler der öffentlichen Gesundheit, der wirtschaftlichen Entwicklung und der nationalen Stabilität. Die Zukunft Afghanistans hängt davon ab, das Potenzial seiner Frauen und Mädchen zu erschließen. Und das beginnt mit dem Recht auf Bildung!

Stellen Sie sich einmal vor: Ein junges Mädchen träumt davon, Ärztin, Ingenieurin oder Lehrerin zu werden. Ohne Zugang zu einer Schule wird dieser Traum zunichte gemacht, aber mit Bildung wird er zu einer Quelle der Hoffnung, Widerstandsfähigkeit und des Potenzials für ihre ganze Familie. Deshalb sind Erwachsenenbildungsprogramme wie die in Österreich angebotenen so wichtig. Sie bieten Frauen, die früher keine Schulbildung erhalten haben, die Möglichkeit zu lernen, sich weiterzuentwickeln und an der Gesellschaft teilzunehmen.

Bildung ist nicht nur eine moralische Verpflichtung, sondern auch eine wirtschaftliche und soziale Notwendigkeit. Eine gut ausgebildete Bevölkerung fördert das Wirtschaftswachstum, stärkt öffentliche Institutionen und unterstützt Innovationen. Jedes zusätzliche Schuljahr erhöht das Einkommen, verringert die Armut und verbessert die Gesundheit. Das sind keine abstrakten Vorteile. Es handelt sich um messbare, greifbare und lebensrettende Ergebnisse.

In Afghanistan haben jahrzehntelange Investitionen in die Bildung von Mädchen zu bemerkenswerten Ergebnissen geführt. Die Alphabetisierungsrate stieg, die Gesundheit von Müttern und Kindern verbesserte sich, und Frauen begannen, sich stärker am zivilen und politischen Leben zu beteiligen. Leider sind viele dieser Errungenschaften nun gefährdet. Aber die Lehren daraus sind klar. Ohne Bildung haben Gesellschaften Schwierigkeiten, sich zu entwickeln. Mit Bildung können sie aufblühen.

Liebe Freunde!

Erwachsenenbildung bietet auch eine zweite Chance. Sie ermöglicht es denjenigen, die früher keine Schulbildung erhalten haben, Versäumtes nachzuholen, neue Fähigkeiten zu erwerben und sich an veränderte Umstände anzupassen. Für afghanische Flüchtlinge sind diese Programme oft der erste sichere Ort, an dem sie lernen und sich unabhängig weiterentwickeln können. Deutsch lernen, berufliche Fähigkeiten erwerben oder einfach zum ersten Mal Wissen erwerben – all das kann Leben verändern.

Die Medien, insbesondere das Radio, spielen in diesem Umfeld eine zentrale Rolle. Radio ist zugänglich, unmittelbar und persönlich. Es erreicht Menschen in abgelegenen Gemeinden, verbindet Lernende mit neuem Wissen und verstärkt die Stimmen derer, die sonst vielleicht ungehört blieben. Durch die Würdigung herausragender Leistungen in der Bildung und in den Bildungsmedien unterstreicht der Radiopreis der Erwachsenenbildung die Kraft der Medien, zu bilden, zu informieren und zum Dialog anzuregen.

Die gemeinnützigen Erwachsenenbildungsorganisationen in Österreich verdienen besondere Anerkennung. Ihr Engagement für die Schaffung von Räumen, in denen Flüchtlinge, Migrant*innen und marginalisierte Gruppen lernen und sich einbringen können, ist vorbildlich. Durch ihre Angebote haben unter anderem Mitglieder der afghanischen Diaspora zum ersten Mal Fähigkeiten, Selbstvertrauen und Handlungsfähigkeit erworben. Sie erfahren, was Bildung wirklich bedeutet: Empowerment, Freiheit und Hoffnung. Bildung hat auch einen breiteren gesellschaftlichen Nutzen. Wenn Menschen gebildet sind, werden Gesellschaften demokratischer, widerstandsfähiger und innovativer.

Lassen Sie mich eine Geschichte erzählen: Eine junge Frau aus Afghanistan, die ich kenne, begann jetzt in Österreich, an Erwachsenenbildungskursen teilzunehmen, um Deutsch zu lernen und berufliche Fähigkeiten zu erwerben. Zum ersten Mal in ihrem Leben konnte sie sich eine Zukunft vorstellen, in der sie arbeiten, ihre Familie unterstützen und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen konnte. Das ist die transformative Kraft der Bildung.

Abschließend möchte ich Ihnen folgenden Gedanken mit auf den Weg geben: Bildung ist kein Privileg, sondern eine Notwendigkeit. Für viele, ja sogar für alle marginalisierten Gemeinschaften bietet Bildung die Chance, Barrieren zu überwinden, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten und ein Leben in Würde zu führen. Gemeinsam schaffen Erwachsenenbildungsprogramme und eine durchdachte Medienberichterstattung transformative Möglichkeiten. Lassen Sie uns weiterhin für diese Anliegen eintreten. Unterstützen Sie diejenigen, die unter schwierigen Umständen lernen wollen, und sorgen Sie dafür, dass die Kraft der Bildung alle Menschen überall erreicht.

Vielen Dank für Ihr Engagement, Ihre Vision und Ihr Engagement, Menschen und die Gesellschaft durch Bildung und Medien zu stärken. Gemeinsam können wir Türen öffnen, Brücken bauen und Leben verändern.

Vielen Dank! //

Bakhtari, Manizha (2026): Bildung und Medien stärken die Menschen und die Gemeinschaft. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Frühjahr 2026, Heft 286/77. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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