Oliver Rathkolb: Ökonomie der Angst. Die Rückkehr der Angst.

Oliver Rathkolb: Ökonomie der Angst. Die Rückkehr der Angst.
Wien – Graz: Molden Verlag 2025, 304 Seiten.

Ausbildung spielte eine Rolle! Gut ausgebildete Programmierer dominierten als „Erfinder-Unternehmer“ in der Digitalen Revolution. Ein universitäres Studium wurde zumindest begonnen, nicht unbedingt abgeschlossen. Kreativ und kommerziell nutzten die „Tech-Barone“ in den damals noch für Migrant*innen attraktiven USA das Internet für ihre Erfolge.

Das betrifft insbesondere die zweite Turboglobalisierung ab den 1980er-Jahren, in der internationale Unternehmen den Ton angaben. Die mit ihr einhergehende „Zweite Moderne“ und die „Risikogesellschaft“ (Ulrich Beck) brachten globale Krisen, z. B. die Zerstörung der Umwelt, den Verlust traditioneller Arbeiterrechte mit sich. Die globalen Herausforderungen führten zur Überforderung von Gesellschaften und Politik.

Darin erkennt Oliver Rathkolb, emeritierter Professor für Zeit- und Kulturgeschichte an der Universität Wien, Parallelen zur Epoche vor dem Ersten Weltkrieg (1914–1918), in der die seit etwa 1850 vor sich gehende erste Turboglobalisierung ihre Wirkung entfaltete.

Das spannend geschriebene Buch beruht auf der Ansicht des Autors, die Situation vor 1914 sei mit der gegenwärtigen durchaus vergleichbar. Sprach man damals von einem „nervösen Zeitalter“, seien heute dieselben Symptome – Irritationen, Unsicherheiten und Ängste der Menschen, überforderte Politiker*innen, verdrängte oder politisch bekämpfte ökonomische und ökologische Entwicklungen – in gleicher Weise gegeben.

Auf Basis eigener Forschungen und seiner in einem ganzen Arbeitsleben als ­engagierter Wissenschafter im nationalen und internationalen Konnex erworbenen Expertise, führt Oliver Rathkolb durch die Geschichte zur Gegenwart. Das didaktisch wohltuend gestaltete, mit Bildmaterial angereicherte Buch erklärt Abläufe und Zusammenhänge. Es schafft ausreichend Gelegenheit zum Mitdenken und einen zeitgeschichtlichen Rahmen, um das politische Geschehen, das man als Leserin und Leser gegenwärtig miterlebt, zu deuten und einzubetten.

Im Vergleich der beiden Turboglobalisierungen bemerkt der Professor allerdings einen markanten Unterschied: In der Gegenwart werde die Welt aufgrund der neoliberalen und digitalen Revolution (S. 31) „in allen Bereichen noch radikaler und schneller auf den Kopf (ge)stellt, als dies die Generationen vor 1914 erfuhren“.

Damit spricht er seine Sorge an, die Demokratie in den USA könne von Trumpismus und postliberalen religiösen Bewegungen zerstört werden – mit gravierenden Auswirkungen auf die Situation in Europa. Angst, Unsicherheit, Überforderung sind Reaktionen auf tiefgreifende, schnelle Veränderungen in den letzten beiden Jahrhunderten.

Oliver Rathkolb erläutert sorgsam die von ihm verwendeten Begriffe. Unter „Turboglobalisierung“ subsumiert er Beschleunigungen, erhöhte Nachrichtenmengen und neue Kommunikationsmittel, wachsende Transportmöglichkeiten für Güter, Tiere und Menschen, intensiveren Kapital- und Devisenverkehr, globale Verbindungswege und Kostensenkungen.

Diese Änderungen verursachen Migration, (post-)koloniale Ausbeutung und teilweise blutige Kämpfe aufgrund von Machtdifferenzen zwischen globalen Akteuren, die die bestehenden, traditionellen sozialen und ökonomischen Ordnungen infrage stellen.

Die zwei großen Globalisierungsschübe der letzten beiden Jahrhunderte gliedern sich in und beruhen auf „Industriellen Revolutionen“. Mit dem Einsatz der Dampfmaschine, Ende des 18. Jahrhunderts, war es die „Gusseiserne Revolution“ (Erste Industrielle Revolution“), die die Produktion von Gütern sowie den Transport durch Dampfschiff und Eisenbahn grundlegend veränderte.

Die Zweite Industrielle Revolution begann Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Fließbandarbeit (Fordismus), der arbeitsteiligen Herstellung von Gütern sowie der exakten Organisation von Arbeits- und ­Produktionsabläufen (Taylorismus). Sie formte – zunächst in den USA – später auch in Europa bis Mitte der 1970er-Jahre eine „Konsumgesellschaft“. Mit der dann einsetzenden Automatisierung, der elektronischen Vernetzung und dem Gebrauch von Mikroprozessoren startete die Dritte Industrielle Revolution.

Parallel zu diesen „Revolutionen“ verzeichnet Oliver Rathkolb Modernisierung im kulturellen Bereich. Er beurteilt vor allem die Erste Moderne um 1900 als ein nationalistisches Projekt, begleitet von rassistischem Antisemitismus. Die Zweite Moderne, etwa ab den 1970er-Jahren, findet er globaler und transnationaler wirkend. Sie führte zu Konflikten zwischen Künstler*innen und Regierungen. Exemplarisch erwähnt der Zeithistoriker den chinesischen Konzeptkünstler Ai Weiwei und das russische Performance-Kollektiv „Pussy Riot“.

In eigenen Kapiteln werden die „Politik der Aggression“ am Beispiel von Xi und Putin, die „Pioniere der digitalen Revolution“ und als symptomatisch für die globale Überforderung, die „Rufe nach dem starken Führer“ behandelt.

Mit Bezug auf die Gegenwart erscheinen Oliver Rathkolb die technologischen Entwicklungen in Europa als zu langsam. Es besteht großer Nachholbedarf. Im nationalen Rahmen geht er sehr scharf, aber keineswegs unbegründet mit der österreichischen Bildungspolitik ins Gericht. Vor allem vermisst er eine notwendige, weitreichende Politische Bildung. Die bestehende ist nämlich hauptsächlich auf das schulische Bildungswesen konzentriert, „bei dem die Regierenden in Österreich zeigen, wie es möglich ist, alle internationalen Studien zu ignorieren und mit einem Bildungskonzept aus dem 19. Jahrhundert weiterzuwurschteln [sic!] (S. 252).

Rathkolb regt die politisch Verantwortlichen an, „in eine umfassende gesellschaftsübergreifende politische Bildung“ (S. 253) zu investieren. Die inhaltlichen Angebote sollten, als Investition gegen autoritäre Entwicklungen, die Konsequenzen von Diktaturen und Totalitarismen, aber auch die bemerkenswerten Erfolge der Demokratie im 20. Jahrhundert umfassen.

Die Zukunft Europas sieht Oliver Rathkolb skeptisch-pessimistisch, aber nicht ohne Hoffnungsschimmer: Das Ende des Liberalismus in Europa wird wieder – ähnlich wie im 19. Jahrhundert – kolportiert. Mit nachdrücklicher Gegenwehr sollten deshalb parlamentarische Demokratie und Menschenrechte geschützt werden. Die politischen Parteien und die Zivilgesellschaft sind gefordert.

Das Buch von Oliver Rathkolb zu lesen macht deutlich, wie schnell Veränderungen politische Gestalt annehmen können. Aber es erklärt auch, aus verschiedenen Perspektiven und interdisziplinären Aspekten, die Komplexität des politischen Interessens- und Bedingungsgeflechts. Nicht zuletzt: es zeigt auf, wie Bildung, Wissen und Engagement die Welt mitgestalten.

In Kursen zu Politischer Bildung, zu Geschichte, Gesellschaft und Kultur wird das Buch sicherlich zum leichteren Verständnis von historischen und politischen Zusammenhängen beitragen. //

Lenz, Werner (2026): Oliver Rathkolb: Ökonomie der Angst. Die Rückkehr der Angst. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Frühjahr 2026, Heft 286/77. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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