¹ Die folgende Geschichte spielt im Wien des Jahres 2035. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Volkshochschulen, mitteleuropäischen Bildungsgesetzen, Wiener Stadtteilen, historisch bedeutsamen Astronomen, den erstaunlich hartnäckigen Gesetzmäßigkeiten der Physik oder einem Werk namens „Per Anhalter durch die Galaxis“ sind keineswegs ein Versehen, sondern ausdrücklich beabsichtigt.
Sollte Ihnen das hier skizzierte Bildungs-Quarterly, die Wertschätzung praktischen Handwerks oder eine funktionierende Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI utopisch erscheinen: Keine Panik. Es ist lediglich die Zukunft. Falls Sie sich beim Lesen dabei ertappen, von einer dreimonatigen Freistellung für mittelalterliche Astronomie zu träumen, handelt es sich um eine bekannte Nebenwirkung. Bewahren Sie Ruhe, nehmen Sie einen Schluck Kaffee und denken Sie daran: Die Zukunft ist vieles. Hoffentlich aber nicht humorlos.
Der Regen trommelte in gleichmäßigem Rhythmus gegen die dreifach verglasten Erkerfenster einer Altbauwohnung in der Wiener Leopoldstadt. Dreifachverglasung war eine der großen Errungenschaften der Menschheit: Sie hielt Kälte, Straßenlärm und einen beträchtlichen Teil der Außenwelt zuverlässig dort, wo sie hingehörten.
Perry goss sich frisch gebrühten Kaffee ein. Der Duft gerösteter Bohnen mischte sich mit dem vertrauten Geruch von altem Papier und geöltem Holz, der aus dem massiven Schreibtisch aufzusteigen schien. Perry atmete tief durch und genoss die fast greifbare Stille der Wohnung.
Vor allem genoss er, dass niemand etwas von ihm wollte.
Der 1. Juni 2035 markierte den offiziellen Beginn des Bildungs-Quarterlys. Alle fünf Jahre garantierte das mitteleuropäische Bildungsgesetz jeder Bürgerin und jedem Bürger eine dreimonatige, voll finanzierte Freistellung. Das Gesetz war seinerzeit nach jahrelangen Verhandlungen, mehreren Regierungskrisen und einer Ausschusssitzung von bemerkenswerter Länge beschlossen worden und galt inzwischen als völlig normal.
Als IT-Leiter der Wiener Digitalbibliothek verbrachte Perry seinen Alltag im Maschinenraum der modernen Informationswelt. Er verantwortete die Petabytes des mitteleuropäischen Wissensarchivs, koordinierte die KI-gestützte Indexierung historischer Dokumente, steuerte Support-Teams bei kritischen Serverausfällen und verhandelte internationale Schnittstellenstandards.
Letzteres hatte ihm eine tiefe Wertschätzung für Tätigkeiten vermittelt, bei denen Dinge entweder funktionierten oder nicht.
Ein Beruf jedenfalls, der ständige Erreichbarkeit und permanente Skalierbarkeit verlangte.
Doch die kommenden zwölf Wochen gehörten ausschließlich ihm, seinem eigenen Biorhythmus und einer Leidenschaft, die im Trubel der vergangenen Monate viel zu kurz gekommen war: der mathematischen Astronomie des Spätmittelalters.
Perry hatte auf die Frage, was er während seines Bildungs-Quarterlys vorhabe, irgendwann aufgehört, ausführlich zu antworten. „Sonnenuhren“ führte zu deutlich weniger Rückfragen als „mathematische Astronomie des Spätmittelalters“ und hatte außerdem den Vorteil, dass die meisten Menschen anschließend dringend irgendwo anders sein mussten.
Perry störte das nicht.
Es war Zeit für echte geistige Vertiefung.
Perry setzte sich an den Schreibtisch und strich über die matte Oberfläche der Aktivierungszone. Mit einem leisen Summen erwachte Alethea, seine persönliche, lokal verschlüsselte Lern-KI.
Seit seiner Studienzeit hatten sich ihre Algorithmen an seine Denkweise angepasst. Sie kannte seine kognitiven Stärken, wusste um seine Vorliebe für visuelle Geometrie statt abstrakter Tabellen und passte den Lernpfad mit mathematischer Präzision an.
Sie wusste außerdem, wann Perry eine Erklärung nicht verstanden hatte, obwohl Perry der festen Überzeugung war, sehr überzeugend so auszusehen, als hätte er sie verstanden.
Das war gelegentlich lästig. Für eine Lern-KI war es allerdings eine ausgezeichnete Eigenschaft.
„Guten Morgen, Perry“, erklang eine ruhige, angenehm altmodische Stimme aus den flachen Wandlautsprechern. Perry hatte sie vor Jahren aus mehreren hundert Stimmprofilen ausgewählt. Die meisten hatten entweder geklungen, als wollten sie ihm eine Versicherung verkaufen, oder als stünde unmittelbar die Evakuierung eines Raumschiffs bevor.
Alethea klang nach jemandem, der wusste, wo die Bücher standen.
„Heute widmen wir uns den Sonnenuhr-Traktaten im „Kalendarium“ von Regiomontanus,2 gedruckt in Nürnberg um 1474. Sollen wir direkt mit den mathematischen Grundlagen der sphärischen Trigonometrie beginnen?“
„Ja, Alethea. Aber überspring die Einführung“, sagte Perry und lehnte sich zurück. „Ich hänge noch immer an der Transformation der ekliptikalen Koordinaten ins Horizontsystem. Zeig mir die reine Geometrie, aber visuell.“
„Natürlich.“
Perry mochte dieses Wort. Alethea verwendete es auch bei Dingen, die für Perry keineswegs natürlich waren.
In Echtzeit projizierte das System ein dreidimensionales Drahtgittermodell über die Tischplatte. Es war keine starre Grafik. Als Perry die Stirn runzelte, registrierte die Blickerfassung sein Zögern. Sofort verlangsamte sich die Animation.
Perry runzelte die Stirn noch etwas stärker.
Die Animation wurde noch langsamer.
„Alethea.“
„Ja?“
„Ich denke nach.“
Die Animation nahm wieder ihr ursprüngliches Tempo auf.
Perry hatte schon vor Jahren festgestellt, dass intelligente Systeme zwar bemerkenswert gut darin waren, menschliches Verhalten zu interpretieren, aber gelegentlich Schwierigkeiten mit Menschen hatten, die beim Denken aussahen, als wären sie mit der Gesamtsituation unzufrieden.
Leider war das Perrys normales Denkgesicht.
Vor ihm erschien die Formel:
sin(h) = sin(phi)sin(delta) + cos(phi)cos(delta)cos(t)
Sie schwebte als feine Lichtlinie neben dem Modell. Die Variablen für geografische Breite, Deklination und Stundenwinkel wechselten dynamisch ihre Farbe, während die virtuelle Sonne ihre Bahn über dem Wien des 15. Jahrhunderts zog.
Die Sonne schien mit der Berechnung keinerlei Schwierigkeiten zu haben.
Alethea hielt geduldig inne, während Perry Notizen machte, und blendete im richtigen Moment vertiefende Querverweise zu Regiomontanus’ Berechnungstabellen ein. Es gab keinen starren Lehrplan und kein vorgegebenes Tempo. Das System machte erst weiter, als Perry den mathematischen Knoten gelöst hatte.
Nach zwei Stunden ungestörter Konzentration war die Hürde genommen.
Perry lehnte sich zurück und betrachtete die inzwischen vertraute Geometrie über seinem Schreibtisch. Es war ein ausgesprochen befriedigendes Gefühl, etwas verstanden zu haben, das vor fünfhundert Jahren bereits andere Menschen verstanden hatten.
Der menschliche Fortschritt verlief nicht immer geradlinig.
Manchmal brauchte er fünfhundert Jahre, eine hochentwickelte künstliche Intelligenz und dreifach verglaste Fenster, um wieder dort anzukommen, wo Regiomontanus mit Feder, Papier und ganz ohne Kaffee bereits gewesen war.
Aber immerhin war Perry angekommen.
Ganz ohne den Frust eines überfüllten Hörsaals.
Am nächsten Tag wechselte Perry von der Theorie in die Praxis. Er wollte die historische Astronomie nicht nur verstehen, sondern das Instrument mit eigenen Händen begreifen.
Das war eine Redewendung, die im Jahr 2035 eine gewisse technische Komplexität angenommen hatte.
Er griff nach der federleichten VR-Brille, kaum schwerer als eine Lesebrille, und streifte die haptischen Gewebehandschuhe über, deren Innenseiten mit Tausenden mikroskopischer Piezo-Aktoren ausgestattet waren.
Die Hersteller bezeichneten das System als „nahtlose multisensorische Immersion“.
Perry bezeichnete es als „Dinge anfassen, die nicht da sind“.
Beides war korrekt.
Mit einem Wimpernschlag verschwand die Wiener Altbauwohnung. Perry fand sich im virtuellen Abbild einer historischen Werkstatt wieder.
Auf der Werkbank lag das digitale Duplikat einer „Quadratum Charta“, einer klappbaren Sonnenuhr aus Messing und Birnenholz, basierend auf den Originalskizzen des „Kalendariums“ von 1474.
Die Werkstatt war mit jener historischen Sorgfalt rekonstruiert worden, die moderne Simulationen gern an den Tag legten, solange niemand fragte, ob Menschen des 15. Jahrhunderts ihre Arbeitsflächen tatsächlich so ordentlich hinterlassen hatten.
Perry vermutete, dass sie es nicht getan hatten.
Die virtuelle Werkbank war jedenfalls makellos.
Er streckte die Hand aus. Als seine Finger das virtuelle Holz berührten, erzeugten die Handschuhe einen präzisen Widerstand. Perry spürte die samtig-raue Oberfläche des geschliffenen Holzes und die kühle Glätte der Messingbeschläge.
Sein Verstand wusste, dass dort nichts war.
Seine Fingerspitzen waren anderer Meinung.
Perry beschloss, den Streit nicht zu schlichten.
Mit einem virtuellen Stichel zog er die feinen Stundenlinien nach. Als er den Gnomon, den schattenwerfenden Faden, justierte, war das leichte Nachgeben der gespannten Schnur deutlich zu fühlen. Die Simulation vermittelte die physikalischen Eigenschaften der Materialien mit beeindruckender Präzision.
Perry beschloss, ihr nicht zu erzählen, dass das Material überhaupt nicht existierte.
Als Perry testweise den Rechenfehler vom Vormittag übernahm und den Breitengrad falsch ansetzte, driftete der projizierte Schatten im Zeitraffer unbarmherzig ab. Die Stundenmarkierungen verfehlten ihr Ziel deutlich.
Perry betrachtete das Ergebnis.
Es war beruhigend zu wissen, dass ein Fehler auch im Jahr 2035 noch zuverlässig falsch blieb.
Ein kurzer Sprachbefehl setzte die Simulation zurück. Perry korrigierte die Neigung des Gnomons, passte den Schnittwinkel an und beobachtete fasziniert, wie der Schatten zur simulierten Mittagsstunde exakt die Zwölferlinie traf.
„Ha.“
Alethea schwieg.
Perry war sich ziemlich sicher, dass sie wusste, dass „Ha“ in diesem Fall eine wissenschaftlich vollkommen ausreichende Zusammenfassung seines Erfolgs darstellte.
Am Mittwoch speicherte Perry seine digitalen Entwürfe auf der Bildungs-ID. Für das endgültige physische Modell brauchte er Werkzeuge, die seine heimische Werkstatt nicht bieten konnte.
Genauer gesagt brauchte er einen industriellen Nano-Sinter-Drucker.
Perry besaß keinen.
Er hatte den Kauf eines solchen Geräts auch nie ernsthaft erwogen, was vor allem daran lag, dass seine Wohnung bereits einen Schreibtisch, mehrere Bücherregale und eine Kaffeemaschine enthielt und damit nach Wiener Maßstäben als vollständig ausgelastet gelten konnte.
Also verließ er die Wohnung und ging die wenigen hundert Meter zur modernisierten Volkshochschule am Praterstern.
Das Ressourcen-Zentrum führte die Tradition der Volkshochschulen konsequent in die Zukunft. Ein Team hochqualifizierter Lern-Mentor*innen begleitete die Lernenden, öffnete den Zugang zu Hightech-Werkzeugen und brachte dort praktisches Erfahrungswissen ein, wo es gebraucht wurde.
Perry checkte kontaktlos ein. Ein dezentes Leuchtsignal auf seinem Handgelenk-Display wies ihm den Weg zu Kabine 14 im Fabrikationslabor.
Dort wartete der Nano-Sinter-Drucker.
Er war erheblich größer als eine Kaffeemaschine.
Perry fühlte sich in seiner Entscheidung bestätigt.
Doch als er seine Bildungs-ID an den industriellen Nano-Sinter-Drucker hielt, um die CAD-Daten zu übertragen, erklang ein leiser Warnton.
Fehler in Wandstärke: Struktur im Mikrometerbereich instabil.
Perry seufzte.
Maschinen hatten eine bemerkenswerte Begabung dafür, schlechte Nachrichten in möglichst wenigen Worten zu überbringen.
Die heimische KI hatte die mathematischen Kurven zwar perfekt berechnet, die physikalischen Eigenschaften des Materials unter Hitzeeinwirkung jedoch nicht berücksichtigt. Die Geometrie stimmte. Die Physik war anderer Meinung.
Perry starrte auf das Display.
Struktur im Mikrometerbereich instabil.
Auch beim zweiten Lesen war die Struktur noch instabil.
Das empfand Perry als unnötig konsequent.
Er war kurz davor, das Projekt für heute aufzugeben, als jemand neben ihm stehen blieb.
Magda trat an die Kabine. Sie war leitende Lern-Mentorin des Labors. Mitte fünfzig, ehemalige Feinmechanikerin und Industriedesignerin, inzwischen Kuratorin für praktisches Wissen.
An ihrer schlichten Schürze steckte ein altmodischer Messschieber.
Perry hatte großen Respekt vor Menschen, die im Jahr 2035 noch Werkzeuge bei sich trugen, die weder ein Betriebssystem noch einen Ladezustand besaßen.
Magda warf einen Blick auf seinen Bildschirm.
Dann auf das 3D-Modell.
Dann auf Perry.
„Das Material verzeiht die scharfen Winkel der spätmittelalterlichen Skizzen nicht, stimmt’s?“
Perry sah wieder auf die Fehlermeldung.
„Offenbar hat Messing wenig Respekt vor historischer Authentizität.“
„Messing hat vor sehr wenig Respekt.“
Perry mochte sie sofort.
„Die Trigonometrie stimmt haargenau“, sagte Perry leicht frustriert. „Aber die Software sagt, dass das Messingpulver beim Sintern an den Übergängen der Stundenlinien brechen wird.“
Magda nickte.
„Dann haben wir immerhin schon geklärt, wer von euch beiden recht hat.“
„Ich?“
„Das Messing.“
Magda lächelte, legte eine Hand auf die Kante des Terminals und rief das 3D-Modell auf den großen Tischbildschirm.
Ihre Aufgabe bestand nicht darin, die Berechnungen der KI zu ersetzen. Dafür war die KI sehr gut. Ihre Aufgabe bestand darin, jene unangenehmen Momente zu erkennen, in denen eine vollkommen korrekte Berechnung auf die Wirklichkeit traf und die Wirklichkeit sich weigerte, mitzuspielen.
„Weißt du, Perry“, sagte sie und vergrößerte die kritische Stelle am Fuß des Gnomons, „die KI rechnet mit idealen Bedingungen. Aber Messing ist kein mathematisches Objekt. Es reagiert, wenn der Laser es berührt.“
„Unkooperativ.“
„Material.“
„Das meinte ich.“
Magda zoomte weiter hinein. „Regiomontanus hat seine Linien für Pergament und handgefertigte Platten entworfen. Wenn wir diese Kante hier um nur 0,2 Millimeter abrunden und eine kleine Hohlkehle einfügen, fangen wir die mechanische Spannung ab. Man wird es später kaum sehen, aber das Bauteil wird halten.“
Perry betrachtete die winzige Änderung.
„Das war’s?“
„Das war’s.“
„Zwei Zehntelmillimeter?“
„Die Wirklichkeit ist manchmal erstaunlich kleinlich.“
Mit wenigen Bewegungen passte Magda das Modell an. Dabei erklärte sie nicht nur die Änderung, sondern auch das Wissen dahinter, jenes Gespür für Material, das sich nicht vollständig in Daten übersetzen ließ.
Das Display sprang auf Grün.
Perry betrachtete es misstrauisch. Vor wenigen Sekunden hatte dieselbe Maschine sein Projekt noch für strukturell unzureichend gehalten. Nun war sie offenbar restlos überzeugt.
Maschinen konnten ihre Meinung mit beeindruckender Geschwindigkeit ändern, solange man ihnen neue Zahlen gab.
„Früher hätte man deinen Entwurf vielleicht als unvollständig abgelehnt“, sagte sie, während das Display auf Grün sprang. „Heute geht es darum, dass du etwas mit nach Hause nimmst, das funktioniert.“
Sie deutete auf das nun grün leuchtende Modell.
„Die KI gibt dir die Daten, Perry. Aber den Umgang mit der Wirklichkeit müssen Menschen einander weiterhin zeigen.“
Perry nickte.
„Und die Hohlkehlen.“
„Vor allem die Hohlkehlen.“
Als der Laser mit hochfrequentem Surren anlief, klopfte Magda Perry kurz auf die Schulter.
„Der Druck dauert gut zwei Stunden. Geh runter ins Forum, trink einen Kaffee. Ich passe hier oben auf.“
Perry warf einen letzten Blick auf den Drucker.
„Kann noch etwas schiefgehen?“
Magda überlegte.
„Natürlich.“
„Gut.“
„Du wolltest eine ehrliche Antwort.“
„Nein. Ich wollte Beruhigung.“
„Dann bist du im falschen Labor.“
Erleichtert verließ Perry das Labor und ging hinunter ins Erdgeschoss, zum Herzstück des Hauses: dem analogen Forum.
Das Forum war bewusst als Gegenpol zur Hightech-Welt gestaltet. Schwere Eichentische, tiefblaue Polstersessel und Wände aus schallschluckendem Moos verliehen dem Raum die Atmosphäre einer lebendigen Universitätsbibliothek.
Es gab keine Hologramme.
Keine schwebenden Benutzeroberflächen.
Und, soweit Perry feststellen konnte, nichts, das ungefragt seinen Puls analysierte.
Das allein machte den Raum bemerkenswert fortschrittlich.
Beim Betreten wechselte Perrys Bildungs-ID automatisch auf „gesprächsbereit“. Auf der Anzeigetafel über der Bar erschien sein aktuelles Thema: „Mathematische Astronomie des 15. Jahrhunderts / Regiomontanus“.
Perry betrachtete die Anzeige.
Es war eine sehr effiziente Methode, Gleichgesinnte zu finden und alle anderen rechtzeitig zu warnen.
Er holte sich einen tiefschwarzen Espresso und setzte sich ans Ende eines langen Holztisches. Nach den Tagen intensiven Selbststudiums tat ihm die lebendige Atmosphäre gut. Stimmen, das Klirren von Tassen, gedämpftes Lachen. Plötzlich war da wieder eine Welt jenseits von Formeln und historischen Tabellen.
Der Espresso war ausgezeichnet.
Perry hielt das für ein wesentliches Merkmal jeder glaubwürdigen Bildungsutopie.
Die matten Displays in der Tischplatte erwachten dezent zum Leben und zeigten die Profile der Menschen am Tisch.
Direkt gegenüber saß Elena, 35, Biologin, die an einem optischen Modell zur Proteinfaltung arbeitete. Über ihrem Tischabschnitt rotierte eine komplexe organische Helix.
Perry betrachtete sie kurz.
Er verstand nichts von Proteinfaltung.
Das beruhigte ihn. Nach drei Tagen mittelalterlicher Astronomie war es angenehm, wieder von Dingen umgeben zu sein, von denen er auf ganz gewöhnliche Weise keine Ahnung hatte.
Elena bemerkte Perrys Profil, blickte auf und lächelte.
„Spätmittelalterliche Astronomie?“, fragte sie und nahm einen Schluck Tee. „Das klingt nach einer ganz anderen Art von Geometrie. Suchst du nach Mustern oder restaurierst du?“
„Ein bisschen von beidem“, antwortete Perry. Er legte einige der bereits gefertigten mechanischen Kleinteile aus seinem Rucksack auf den Tisch. „Ich versuche, die sphärische Trigonometrie hinter dem Schattenwurf zu verstehen. Regiomontanus hat das damals ohne Taschenrechner gelöst, nur mit Tabellen und räumlichem Vorstellungsvermögen.“
Elena sah auf die Teile.
„Fünfzehntes Jahrhundert?“
„Ja.“
„Keine KI?“
„Nein.“
„Keine Simulation?“
„Nein.“
„Nicht einmal eine Tabellenkalkulation?“
„Papier.“
Elena schwieg einen Moment.
„Barbaren.“
Perry nickte ernst.
„Hochbegabte Barbaren.“
Elena nahm eines der kleinen Zahnräder in die Hand und drehte es im Licht.
„Das ist das Schöne an alten Systemen. Man kann die Logik noch mit bloßem Auge erkennen. Bei meinen Proteinen muss ich mich oft auf die Wahrscheinlichkeitsmodelle der KI verlassen. Da verliert man leicht das Gefühl für die physische Form.“
Perry betrachtete die organische Helix über ihrem Tisch.
„Und die KI weiß, was sie tut?“
„Meistens.“
„Das klingt beruhigend.“
„Ist es nicht.“
Perry nahm einen Schluck Espresso.
„Gut. Ich hatte schon Sorge, nur die Astronomie hätte ihre Probleme.“
Aus der beiläufigen Frage entwickelte sich ein Gespräch, das von der Ästhetik historischer Diagramme bis zu überraschenden Ähnlichkeiten zwischen Kristallstrukturen und Sternbildern wanderte. Es gab keinen Lehrplan, kein Ziel und nichts zu beweisen. Für zwanzig Minuten teilten zwei interessierte Menschen einfach ihre Welten.
Sie kamen dabei zu mehreren interessanten Erkenntnissen, zwei gewagten Analogien und mindestens einer Behauptung über Kristallstrukturen, die keiner von beiden anschließend vor einer Fachkommission hätte verteidigen wollen.
Das spielte keine Rolle.
Nicht jeder Gedanke musste sofort recht haben, um interessant zu sein.
Am Abend holte Perry den fertigen Druck ab. Dank Magdas Hohlkehle war das Messing makellos verschmolzen.
Perry betrachtete das kleine Modell von allen Seiten.
Die Wirklichkeit hatte sich schließlich doch zur Zusammenarbeit bereit erklärt.
Als Perry am darauffolgenden Tag gegen neunzehn Uhr ins Forum zurückkehrte, dimmte sich das Licht. Die Anwesenden erhoben sich nach und nach und strömten in die angrenzende, amphitheaterähnliche Halle.
Jeden Donnerstagabend fand hier der „Marktplatz der unfertigen Ideen“ statt, das informelle Herzstück der mitteleuropäischen Lernkultur.
Der Name war wörtlich gemeint.
Es gab keine Jury, keine angemeldeten Keynotes und vor allem keine fertigen, glattpolierten Ergebnisse. Die einzige Regel war einfach: Wer wollte, bekam exakt fünf Minuten am Mikrofon, um ein Problem, eine Entdeckung oder ein unfertiges Projekt vorzustellen.
Die fünf Minuten waren eine vergleichsweise späte Ergänzung der Regeln.
Offenbar hatte die Menschheit auch im Jahr 2035 noch keine andere zuverlässige Methode gefunden, Menschen davon abzuhalten, zwanzig Minuten über etwas zu sprechen, das sich in vier erklären ließ.
Ein junger Mann machte den Anfang. Unter großem Applaus demonstrierte er, wie er den Algorithmus einer alten Drohne so umprogrammiert hatte, dass sie Vögel beim Nestbau nicht mehr störte.
Danach erzählte eine ältere Frau von ihren Schwierigkeiten mit der Grammatik des Altisländischen und bat das Publikum um Eselsbrücken.
Niemand fragte, warum sie Altisländisch lernte.
Das war eine weitere inoffizielle Regel des Hauses.
Wer freiwillig Altisländisch lernte, hatte vermutlich einen Grund. Und falls nicht, war das ebenfalls ein Grund.
Perry spürte einen spontanen Impuls.
Das kam selten vor.
Normalerweise prüfte Perry spontane Impulse zunächst auf Plausibilität, mögliche Nebenwirkungen und, sofern verfügbar, technische Dokumentation.
Diesmal nicht.
Die frisch gedruckte Sonnenuhr lag schwer und kühl in seiner Hand. Er trat an das kleine Terminal am Rand der Bühne, scannte seine Bildungs-ID und stand wenige Augenblicke später auf dem Podium.
Er bereute die Entscheidung ungefähr in dem Moment, als er bemerkte, dass nun tatsächlich alle zu ihm sahen.
Hinter ihm erwachte die große Hologramm-Leinwand. Das System griff auf seine CAD-Daten und die historische Skizze aus dem „Kalendarium“ zu. Über den Köpfen der Zuschauer entfaltete sich das filigrane, goldene Drahtgittermodell der Sonnenuhr.
Es sah beeindruckend aus.
Deutlich beeindruckender als Perry sich fühlte.
Er hielt das kleine Messingmodell in die Höhe.
„Das“, begann Perry und hielt das kleine Messingmodell in die Höhe, „ist das Ergebnis meiner ersten Tage im Sabbatical. Ich wollte die Formel zur Berechnung der Sonnenhöhe nicht nur auf dem Papier lösen, sondern verstehen, wie die Menschen im 15. Jahrhundert Zeit in Raum übersetzten.“
Mit einer Handbewegung ließ er das Hologramm rotieren.
Das Hologramm gehorchte sofort.
Perry war dankbar, dass wenigstens einer von ihnen wusste, was er tat.
„Mein Problem war der Gnomon, der schattenwerfende Faden. Verschiebt man den Breitengrad von Wien nach Venedig, stimmt der Schattenwurf nicht mehr, wenn der Winkel nicht exakt angepasst wird.“
Perry ließ die entsprechenden Linien im Hologramm aufleuchten.
„Mathematisch hatte ich das im Griff. Zumindest war ich davon überzeugt. Aber als ich das Modell tatsächlich bauen wollte, kam mir die Wirklichkeit dazwischen.“
Einige im Publikum lachten.
Perry entspannte sich ein wenig.
„Die Wirklichkeit hat diese unangenehme Angewohnheit.“
Mehr Leute lachten.
Das war gefährlich.
Perry hatte einmal einen Vortrag über Datenbankmigration gehalten, bei dem ein Witz funktioniert hatte. Die folgenden sieben Minuten waren für alle Beteiligten schwierig geworden.
Er beschloss, es nicht zu übertreiben.
„Und genau dort, an der Grenze zwischen digitaler Theorie und echtem Material, hat mir Magda gestern den entscheidenden Hinweis gegeben.“
Perry vergrößerte die kritische Stelle am Hologramm und zeigte, wie sich der Fehler auf den Schattenwurf ausgewirkt hatte und wie die kleine Hohlkehle die mechanische Spannung im Bauteil auffing.
„Zwei Zehntelmillimeter“, sagte er. „Mehr war es nicht.“
Er hielt kurz inne.
„Fünfhundert Jahre Astronomie, sphärische Trigonometrie, eine Lern-KI, ein industrieller Nano-Sinter-Drucker und am Ende fehlten zwei Zehntelmillimeter.“
Perry sah zu Magda, die irgendwo am Rand der Halle stand.
„Magda nennt das Materialkenntnis.“
Magda hob eine Augenbraue.
„Ich nenne es inzwischen Demut.“
„Ich glaube, das war meine wichtigste Erkenntnis diese Woche: Ein Fehler bedeutet nicht unbedingt, dass das Modell schlecht ist. Manchmal zeigt er einfach nur die Stelle, an der die Wirklichkeit komplizierter ist.“
Er ließ das Hologramm noch einmal langsam über den Köpfen kreisen.
„Oder kleinlicher.“
Magda nickte zufrieden.
Perry hielt die Sonnenuhr hoch.
„Falls jemand von euch nächste Woche Lust hat, über die Mechanik von Astrolabien zu philosophieren: Ich bin Donnerstag wieder hier.“
Er wollte bereits gehen, hielt dann aber noch einmal inne.
„Vorausgesetzt natürlich, Astrolabien haben keine Hohlkehlen.“
„Haben sie“, rief Magda aus dem Publikum.
Perry sah sie an.
„Natürlich haben sie das.“
Als Perry die Bühne unter warmem Beifall verließ, fühlte sich der Abend plötzlich größer an als sein kleines Projekt. Er hatte etwas beigetragen und irgendwo im Raum wartete vermutlich schon der nächste Gedanke darauf, daran anzuknüpfen.
Vielleicht sogar ein Gedanke ohne Hohlkehle.
Perry hielt das inzwischen für unwahrscheinlich.
Der Donnerstagabend hatte Wellen geschlagen. Als Perry am Freitagmorgen sein Terminal aktivierte, warteten drei neue Benachrichtigungen auf ihn.
Drei waren überschaubar.
Perry hatte Arbeitstage erlebt, an denen sein Terminal innerhalb der ersten Minute eine dreistellige Zahl angezeigt hatte. Einer davon hatte mit einem ausgefallenen Speicherknoten in Bratislava begonnen und mit einem sehr langen Gespräch über die Definition des Wortes „redundant“ geendet.
Drei Benachrichtigungen waren beinahe erholsam.
Der Algorithmus der VHS hatte die Resonanz auf seinen Beitrag ausgewertet und schlug ihm ein temporäres „Lern-Cluster“ für das Wochenende vor, eine informelle, selbstorganisierte Kleingruppe rund um historische Astronomie.
Perry öffnete den Vorschlag.
Teilnehmende: 3
Gemeinsame Interessenüberschneidung: 87 %
Voraussichtliche Produktivität: hoch
Perry betrachtete die letzte Zeile.
„Alethea?“
„Ja?“
„Wie berechnet man voraussichtliche Produktivität bei drei Menschen, die sich noch nie getroffen haben?“
Eine kurze Pause.
„Mit einer erheblichen Zahl von Annahmen.“
„Das dachte ich mir.“
Er nahm einen Schluck Kaffee und bestätigte die Teilnahme.
Zwei Stunden später saß Perry wieder im Ressourcen-Zentrum, diesmal in einem der gläsernen Co-Working-Cubes im ersten Stock.
Mit ihm am Tisch saßen Lea, eine Astronomiestudentin im ersten Semester, und Linus, ein junger Softwareentwickler, der in seiner Freizeit interaktive Sternenkarten programmierte.
Die vom Algorithmus errechnete Interessenüberschneidung von 87 Prozent war für Perry zunächst nicht erkennbar.
Lea hatte drei astronomische Fachzeitschriften geöffnet und sprach schnell.
Linus hatte vier Terminals geöffnet und sprach überhaupt nicht.
Perry hatte Regiomontanus mitgebracht.
Nach ungefähr fünf Minuten stellte sich heraus, dass der Algorithmus vermutlich doch nicht völlig geraten hatte.
Perry brachte sein Wissen über Regiomontanus’ Originaltexte und Magdas Hinweise zur praktischen Umsetzung ein. Lea ergänzte modernes astronomisches Fachwissen: Durch die Präzession der Erdachse hatten sich die Positionen der Himmelskörper seit 1474 geringfügig verschoben, weshalb Regiomontanus’ historische Tabellen für das Jahr 2035 kleine Abweichungen aufwiesen.
Linus sah von seinem Terminal auf.
„Wie klein?“
„Klein genug, dass man sie ignorieren könnte“, sagte Lea.
Linus nickte.
„Also groß genug, dass wir sie korrigieren müssen.“
Lea sah ihn an.
„Du bist Softwareentwickler.“
„Ja.“
„Das merkt man.“
Linus nahm das als Kompliment und begann, die mathematischen Korrekturen in ein Open-Source-Skript zu übertragen.
Gemeinsam fütterten sie eine VR-Simulation mit ihren Daten und korrigierten einander, sobald jemand ins Stocken geriet.
Wenn Perry bei der modernen astronomischen Nomenklatur unsicher wurde, half Lea. Wenn Lea sich durch die mittelalterliche Rechenweise kämpfte, sprang Perry ein. Und wenn beide wussten, was sie wollten, aber nicht, wie sie es der Software beibringen sollten, war Linus zur Stelle.
Es war eine erstaunlich effiziente Arbeitsteilung.
Jeder wusste etwas, das die anderen nicht wussten.
Und niemand wusste genug, um allein gefährlich zu werden.
Nach knapp drei Stunden glaubten sie, es geschafft zu haben.
Linus startete die Simulation.
Über dem Tisch erschien der Wiener Nachthimmel des Jahres 1474. Tausende Lichtpunkte spannten sich über den virtuellen Horizont, exakt berechnet aus historischen Daten, moderner Astronomie und mehreren hundert Zeilen Code, von denen Linus behauptete, sie seien „eigentlich ziemlich simpel“.
Perry hatte gelernt, solche Aussagen von Softwareentwicklern nicht persönlich zu nehmen.
Er beugte sich zufrieden vor.
Dann runzelte Lea die Stirn.
Perry kannte dieses Stirnrunzeln inzwischen.
Es war nicht das Stirnrunzeln eines Menschen, der nachdachte.
Es war das Stirnrunzeln eines Menschen, der gerade entdeckt hatte, dass jemand anders besser noch einmal nachdenken sollte.
„Das kann nicht stimmen.“
Perry sah zum Himmel.
Er fand, dass er ausgesprochen überzeugend aussah.
Leider war das bei falschen Himmeln offenbar kein Qualitätsmerkmal.
Lea deutete auf einen Stern knapp über dem Horizont.
Perry verglich die Position mit Regiomontanus’ Tabelle. Die Werte passten. Auch Linus’ Umrechnung war korrekt.
„Dann stimmt die Simulation“, sagte Perry.
Lea schüttelte den Kopf.
„Nein. Der Stern dürfte von Wien aus zu dieser Uhrzeit gar nicht sichtbar sein.“
Perry blickte zum virtuellen Stern.
Der Stern zeigte keinerlei Anzeichen, sich von diesem Argument beeindrucken zu lassen.
„Vielleicht weiß er das nicht.“
Lea sah Perry an.
„Der Stern?“
„War nur ein Vorschlag.“
Sie gingen die Berechnungen noch einmal durch. Zeile für Zeile. Linus überprüfte den Code. Lea kontrollierte die astronomischen Daten. Perry ging zurück zu den historischen Tabellen.
Zwanzig Minuten später entdeckte er den Fehler.
Er hatte eine historische Zeitangabe behandelt, als wäre sie eine moderne Uhrzeit.
Perry starrte auf die Tabelle.
Die Tabelle starrte nicht zurück, was Perry in diesem Moment als unnötig selbstgefällig empfand.
„Das war ich.“
Linus sah auf.
„Was?“
„Der Fehler. Ich war das.“
Linus lehnte sich zurück und grinste.
„Sehr beruhigend. Ich dachte schon, mein Code wäre schuld.“
„Freut mich, dass ich helfen konnte.“
Lea lachte.
Perry sah wieder auf Regiomontanus’ Tabelle.
Fünfhundert Jahre hatte sie darauf gewartet, dass jemand sie falsch las.
Nun war es endlich so weit.
Sie setzten die Berechnung zurück und begannen noch einmal.
Eine Stunde später war es tatsächlich geschafft: ein digitales Werkzeug, das historische Sternenkarten in Echtzeit auf die Gegenwart umrechnete.
Linus startete die Simulation ein letztes Mal.
Der Himmel erschien.
Lea prüfte die Sterne.
Perry prüfte die Zeitangaben.
Linus prüfte den Code.
Dann warteten sie.
Nichts ging schief.
Nach einigen Sekunden wurde ihnen klar, dass dies vermutlich der Erfolg war.
„Also“, sagte Lea. „Funktioniert es?“
Linus betrachtete sein Terminal.
„Ich sehe keinen Fehler.“
Perry nickte.
„Nehmen wir das.“
Sie luden das Werkzeug in die öffentliche Bildungs-Allmende hoch. Wenige Sekunden später erschien die Meldung:
Veröffentlicht. Frei zur Weiterverwendung.
Damit gehörten vier Stunden Arbeit plötzlich allen.
Perry gefiel der Gedanke.
Das Lern-Cluster löste sich anschließend genauso unkompliziert wieder auf, wie es entstanden war. Keine Abschlussbesprechung, kein Zertifikat, keine achtseitige Evaluation darüber, ob die Zusammenarbeit den zuvor definierten Kompetenzzielen entsprochen hatte.
Lea musste zu einer Vorlesung.
Linus wollte den Code „noch ein bisschen aufräumen“, eine Formulierung, die Perry inzwischen als Warnsignal verstand.
Und Perry wollte einen Kaffee.
Damit waren alle wesentlichen organisatorischen Fragen geklärt.
Auf dem Weg nach draußen, ein kühles Getränk von der Bar in der Hand, wurde Perry im Foyer von einem älteren Mann angesprochen, der sich als pensionierter Uhrmacher vorstellte.
„Ihr Gnomon-Problem“, sagte er mit einem Funkeln in den Augen. „Haben Sie eigentlich die Materialdehnung des Fadens bei unterschiedlicher Luftfeuchtigkeit berücksichtigt? Messing und Seide reagieren da ziemlich verschieden.“
Perry blieb stehen.
Er sah den Mann an.
Dann sah er in Richtung Ausgang.
Der Ausgang war nur noch wenige Meter entfernt gewesen.
„Nein“, sagte Perry.
„Sollten Sie.“
„Natürlich.“
Der Uhrmacher nickte zufrieden.
„Temperatur wäre übrigens auch interessant.“
Perry schloss für einen kurzen Moment die Augen.
Es stellte sich heraus, dass die Wirklichkeit nicht nur kleinlich war.
Sie hatte auch Anschlussfragen.
Dann lächelte er, zog sein Terminal hervor und tippte den Hinweis ein.
„Wie heißen Sie eigentlich?“
Der Mann nannte ihm seinen Namen und begann anschließend einen Satz mit den Worten: „Wenn Sie schon dabei sind …“
Perry öffnete vorsichtshalber eine zweite Notiz.
Als er später durch die nächtliche Leopoldstadt nach Hause ging, lag das fertige Modell schwer und kühl in seiner Manteltasche: eine mathematisch exakte, funktionsfähige Replik der Regiomontanus-Sonnenuhr.
Zumindest unter der optimistischen Annahme konstanter Luftfeuchtigkeit.
Perry beschloss, diesen Gedanken vorerst nicht weiterzuverfolgen.
Die erste Woche hatte ihm gezeigt, dass dieses neue Lernen gerade dort seine Kraft entfaltete, wo unterschiedliche Welten aufeinandertrafen: in der Stille seiner Wohnung, in Magdas Gespür für Material, in der spontanen Zusammenarbeit des Lern-Clusters und in einem beiläufigen Satz an der Bar.
Nichts davon hätte für sich allein gereicht.
Die KI konnte rechnen, aber kein Messing fühlen. Magda konnte Messing fühlen, hatte aber wenig Interesse daran, spätmittelalterliche Sternentabellen zu entziffern. Lea kannte den Himmel, Linus den Code, und ein pensionierter Uhrmacher hatte im Vorbeigehen ein Problem entdeckt, an das keiner von ihnen gedacht hatte.
Perry griff in die Manteltasche und umschloss das kühle Messing der Sonnenuhr.
Elf Wochen lagen noch vor ihm.
Er dachte an Astrolabien, historische Zeitrechnung, Materialdehnung, Luftfeuchtigkeit und die statistisch sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo bereits jemand auf ihn wartete, um ihm zu erklären, was er als Nächstes übersehen hatte.
Perry lächelte.
Und plötzlich erschienen ihm elf Wochen viel zu kurz. //











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