Was braucht lebensbegleitendes Lernen heute?

Der Europäische Verband für Erwachsenenbildung (EAEA) arbeitet im Bereich der Erwachsenenbildung, und wir konzentrieren uns auf die nicht-formale und die allgemeine Erwachsenenbildung, aber bearbeiten natürlich auch Bereiche, die Erwachsene betreffen. Wir haben zirka 120 Mitglieder in 43 Ländern, die über die EU-Grenzen hinausgehen. Die EAEA vertritt dadurch eine sehr große Anzahl an Organisationen, an Lernenden und an Verbänden. Wir bieten ein großes Netzwerk und arbeiten auch an verschiedenen Projekten, in denen wir versuchen, innovativ zu arbeiten und neue Ansätze zu entwickeln.

In Brüssel laufen derzeit die Vorbereitungen für die nächste Generation von Erasmus+ (aber auch alle ­anderen Programme, wie zum Beispiel ESF); hier sind wir derzeit stark engagiert, dass die Erwachsenenbildung erstens nicht verschwindet und zweitens auch entsprechend dotiert wird.

Im „Manifest für die Erwachsenenbildung im 21. Jahrhundert“2 haben wir uns mit der Frage auseinandergesetzt, welche Rolle die Erwachsenenbildung bei der Gestaltung von Gesellschaft hat. Klar ist, dass wir dazu die Kompetenzen und Fähigkeiten brauchen, um dies zu gestalten, und das geht nicht ohne Erwachsenenbildung.

Aus den Themen, die EAEA in den letzten Jahren behandelt hat, habe ich drei ausgewählt, die wir für sehr wichtig halten: Lebenskompetenzen, Demokratie und Beteiligung sowie Transformation.

Lebenskompetenzen: Lernende im Mittelpunkt

Das erste Thema ist Lebenskompetenzen – Life Skills. Was wir damit meinen, ist ‚Basisbildung plus‘, also eine Basisbildung, die eingebettet ist in die Bedürfnisse der Lernenden, die einen Kontext herstellt mit deren Leben. Das Konzept beruht teilweise auf der Arbeit unseres englischen Mitglieds „Learning and Work Institute“, welches das Projekt des „Citizens‘ Curriculum“ entwickelt hat.

Lebenskompetenzen sind Bausteine für Unabhängigkeit und Selbstwirksamkeit. Sie sind eine Kombination verschiedener Fähigkeiten, die es Erwachsenen ermöglichen, lebenslang zu lernen und Probleme zu lösen, um ein unabhängiges Leben zu führen und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Ein auf Lebenskompetenzen ausgerichteter Ansatz in der Erwachsenenbildung kann Einzelpersonen, Organisationen und Gemeinschaften zugutekommen, die Teilnahme an der Erwachsenenbildung steigern und zum Aufbau inklusiver Gesellschaften und nachhaltiger Umgebungen beitragen.

Frühere Untersuchungen (Beer: 2013) des Learning and Work Institute (Großbritannien) haben gezeigt, dass „Lernangebote erwachsene Lernende eher ansprechen und motivieren, wenn sie einen Bezug zu lokalen Bedürfnissen, Gegebenheiten oder einem bestimmten Kontext haben“ (Stevenson et al.: 2016)3.

Das Curriculum wird derzeit in Wales mit leichten Adaptierungen wieder eingesetzt. Die Ergebnisse des Projekts sind wirklich großartig.

Die vom Learning and Work Institute durchgeführten Auswertungen des „Citizens‘ Curriculum“ zeigen, dass die Lernenden ihr soziales und bürgerschaftliches Engagement deutlich gesteigert haben: 73 Prozent haben neue Freunde gefunden, und 59 Prozent berichten von einem verbesserten sozialen Leben. Auch beim Bereich der Selbstwirksamkeit wurden hohe Werte verzeichnet: Über 60 Prozent der Lernenden konnten ihr Selbstvertrauen stärken und berichten von einer höheren Lebenszufriedenheit. Deutliche Verbesserungen wurden zudem bei der Einstellung zum Lernen und zu den beruflichen Perspektiven festgestellt: Ganze 94 Prozent gaben an, motivierter zu lernen, 49 Prozent haben ihre berufsbezogenen Fähigkeiten verbessert4.

Bei Life Skills geht es darum, die Fähigkeiten auf verschiedenen Ebenen zu identifizieren und den oder die Lernenden in den Mittelpunkt zu stellen. Dies ist ebenfalls eine Priorität, obwohl ich das eher als horizontales Thema sehe. Es wird immer wichtiger, nicht ein Curriculum zu nehmen und die Leute in diesen Rahmen hineinzuzwingen, sondern umgekehrt: Wir beginnen mit den Lernenden, klären mit ihnen ihre Bedürfnisse ab und versuchen dann, ein abgestimmtes Lernangebot zu entwickeln. Dieser Ansatz wird in England und Irland immer stärker verwendet. Da dies den Bedürfnissen der Menschen sehr entspricht, bewirkt dies eine große Motivation, auch tatsächlich zu lernen und auch weiter zu lernen. Lernen ist hier absolut relevant, und Relevanz fördert die Motivation.

Demokratie und Beteiligung

Das nächste Thema ist Demokratie und Beteiligung. Es gibt in vielen Ländern gute Traditionen und Angebote, was die Beteiligung und Demokratie betreffen. Die Themenvielfalt ist sehr groß – Demokratie und Digitalisierung, Demokratie in der Nachbarschaft, gemeinsame Aktionen et cetera. Es gibt auch hervorragende Projekte, Methodiken und Beispiele dazu (siehe z. B. das DARE-Netzwerk5).

Transformation

Das dritte Thema, das ich herausstreichen möchte, ist Transformation, und zwar auf verschiedenen Ebenen:

  • Individuelle Ebene, die einzelne Person betreffend. Wir wissen gerade in der Basisbildung, was es für jemanden bedeuten kann, zu lernen und das eigene Leben zu verbessern;
  • Gemeinschaftliche Ebene, z. B. in der Familie und im Freundeskreis, aber auch am Arbeitsplatz sowie im lokalen Bereich;
  • Gesellschaftlich kann Erwachsenenbildung Veränderungen auslösen, begleiten und erfolgreich machen. Ein wichtiger Bereich ist Nachhaltigkeit, aber Transformation betrifft natürlich auch Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Die EAEA hat eine Reihe von Podcasts auf der Website ‚Beyond Learning‘ und es gibt dazu auch ein Beispiel aus Polen.

In einer der Folgen von „Beyond Learning“ werden die Zuhörer*innen zu einem Rundgang durch Open ­Jazdów eingeladen, eine Gemeinschaft im Zentrum von Warschau, die Nichtregierungsorganisationen und lokale Familien zusammenbringt. Die Siedlung wurde ursprünglich 1945 gegründet, um Stadtplaner und Ingenieure unterzubringen, die die Stadt wiederaufbauten, nachdem sie im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört worden war. Als die Stadtverwaltung von Warschau 2010 ihre Pläne zum Abriss der Häuser bekanntgab, schlossen sich Anwohner*innen mit NGOs zusammen und verwandelten die Siedlung in einen Ort des Aktivismus und der Erwachsenenbildung. Heute sind 18 der 26 Häuser an Nichtregierungsorganisationen vermietet, deren Initiativen soziale, ökologische und kulturelle Nachhaltigkeit miteinander verbinden: von städtischem Gartenbau über Imkereiprojekte und Kurse zum Kochen am offenen Feuer bis hin zu einem „Klimalesesaal“, der Besucher*innen dazu einlädt, sich über Klimaschutzmaßnahmen zu informieren.

Ich möchte auf die Resultate eines unserer Projekte verweisen, die Erwachsenenbildungsinstitutionen helfen sollen, selbst nachhaltig zu werden bzw. dies zu überprüfen und zu monitoren.6

Wenn wir Transformationen anstoßen oder begleiten möchten, dann müssen wir diese Prozesse auch für uns selbst durchführen, damit wir uns und unsere Einrichtungen verändern. Das betrifft unter anderem die Methodik, aber auch vieles mehr.

Veränderungen sind nicht immer einfach, stoßen auf Widerstände und verlangen viel Energie und Einsatz. Was wir dazu brauchen, sind unter anderem:

  • Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen;
  • eine Veränderung der Arbeitsmethode, zum Beispiel was die Mitbestimmung von Lernenden betrifft;
  • erfolgreiche Strategien, wie zum Beispiel aufsuchende Bildungsarbeit;
  • Wir empfehlen natürlich auch den Beitritt zu EAEA!

In diesem Kontext muss ich leider auch von Entwicklungen berichten, die in einigen Ländern, aber auch auf der EU-Ebene für NGOs und die Erwachsenenbildung sehr schwierig sind, und die möglicherweise auch in anderen Ländern drohen.

NGOs werden in ihrer Arbeit, Struktur und Finanzierung unterminiert – etwas, das man im Allgemeinen nur von autoritären Staaten kennt. Förderungen werden gekürzt, in verschiedenen Sektoren werden die Basisförderungen abgeschafft. Audits werden stärker eingesetzt, administrative Forderungen werden schwieriger. Dies bedeutet, dass Kompetenzen und Innovation verschwinden und dass Gemeinnützigkeit untergraben wird. Leider haben einige unserer Mitglieder auch Probleme mit (sehr) rechtsgerichteten Regierungen. So werden in Flandern nur mehr beruflich orientierte Kurse günstiger angeboten, was zu Preiserhöhungen und weniger Teilnahmen geführt hat. In Finnland wurden die Förderungen von NGOs um 30 Prozent gekürzt. In Schweden wurden Strukturen, die seit mehr als 100 Jahren bestehen, abgeschafft; das heißt, hier geschehen Dinge, die vor ein paar Jahren noch vollkommen unvorstellbar waren.

Welche systemischen Bedingungen sind wichtig, um die zukünftige Arbeit der Erwachsenenbildung abzusichern?

Was wir brauchen, ist eine stabile Förderung, eine Infrastruktur, die das begleitet und langfristiges Planen ermöglicht. Es werden z.  B. verschiedene Projekte als Good-practice beschrieben (z. B. in einer neuen Studie der OECD), die aber zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht mehr (in dieser Form) existieren. Kein anderer Bildungsbereich ist diesem Stop-and-go-Denken so ausgeliefert wie die Erwachsenenbildung.

Dieses kurzfristige Denken führt immer wieder zu einem enormen Verlust an Kompetenzen und Erfahrungen und natürlich auch zu einem Verlust von Vertrauen zwischen Regierungen und NGOs.

Governance ist eine wichtige Frage, und ich bin immer mehr der Meinung, dass wir für lebensbegleitendes Lernen eine bessere Koordination brauchen. Es ist in Österreich so wie in den meisten anderen Ländern: Verschiedene Teile der Erwachsenenbildung sind in verschiedenen Ministerien, Regionen et cetera untergebracht, zum Beispiel im Sozialministerium, im Bildungsministerium, im Wissenschaftsministerium, teilweise im Gesundheitsministerium (Gesundheitsbildung) oder im Justizministerium, wenn es um Bildung in Gefängnissen geht. Eigentlich sollte dies alles besser koordiniert werden, um Überlappungen zu vermeiden und eine bessere Zusammenarbeit und Vernetzung zwischen den verschiedenen Bereichen zu fördern. Ich plädiere daher für eine Koordinationsstelle für das Lifelong Learning, die einen Überblick über alle diese Teile hat und dadurch die Infrastruktur besser unterstützen kann.

In Österreich funktioniert die Zusammenarbeit mit Sozialpartnern und anderen Stakeholdern sehr gut – dies ist auch ein wichtiger Teil einer erfolgreichen Zukunftsstrategie.

Weiters brauchen wir Flexibilität für und mit Anbietern sowie die Beteiligung von Lernenden. Die Mitbestimmung der Lernenden ist für die Demokratie innerhalb der Erwachsenenbildung wichtig.

Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft die Entwicklung der Gemeinnützigkeit. In Belgien gab es in letzter Zeit einige Vorstöße, gemeinnützige Vereine so zu besteuern wie etwa Betriebe. Für die Gesellschaft ist es enorm wichtig, dass die Gemeinnützigkeit im Allgemeinen und die der Bildung im Speziellen weiter besteht.

Ich lade dazu ein, eine Mitgliedschaft bei EAEA zu erwägen. Weitere Informationen finden sich auf der Website der EAEA.7 //

1   Leicht gekürzte Fassung des Referates, das Gina Ebner bei der KEBÖ-Jahrestagung am 22. September 2026 in der Volkshochschule Graz hielt.

2   Siehe: https://eaea.org/our-work/influencing-policy/manifesto-for-adult-learning-in-the-21st-century/ [30.9.2026].

3   https://eaea.org/wp-content/uploads/2020/01/Life-skills-and-participation-in-adult-learning_December-2019.pdf p. 3

4   https://eaea.org/wp-content/uploads/2020/01/Life-skills-and-participation-in-adult-learning_December-2019.pdf p. 7

5   Siehe: https://dare-network.eu/#:~:text=The%20Democracy%20and%20Human%20Rights%20Education%20in%20Europe,formal%2C%20non-formal%20and%20informal%20education%2C%20and%20life-long%20learning [30.9.2026].

6   Siehe: https://smalei.eu/ [30.9.2026].

7   Vgl. https://eaea.org/our-members/why-join/ und https://eaea.org/our-members/how-to-join/ [30.9.2

Ebner, Gina (2026): Zukunft Lernen: Jetzt ist die Zeit, Erwachsenenbildung neu zu denken. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Herbst 2026, Heft 287/77. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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