Zukunftskompetenzen stehen heute im Zentrum jeder innovativen Bildungsstrategie, um die Herausforderungen einer sich wandelnden Gesellschaft und Arbeitswelt zu meistern. Gemeint sind damit der technologische Fortschritt, die sozial-ökologische Transformation, demografische Prozesse sowie der Erhalt des Friedens. Es geht aber ebenso um die Weiterentwicklung zu einer solidarischen Demokratie, die für Meinungsvielfalt und Zusammenhalt steht und diese Werte gleichzeitig gegen autoritäre Tendenzen und Spaltung verteidigt. Auch der Arbeitsmarkt wandelt sich: In unterschiedlichen Branchen werden – selbst unter schwierigen konjunkturellen Bedingungen – aktuell Fachkräfte gesucht. Gleichzeitig haben mindestens 1,7 Millionen Erwachsene (vgl. PIAAC: 2024) im erwerbsfähigen Alter Probleme beim Lesen, Schreiben oder Rechnen im Alltag.
Die KEBÖ-Verbände schaffen bereits jetzt mit über 2,5 Millionen Teilnahmen pro Jahr an rund 10.000 Kursorten und Bibliotheken in Österreich Bewusstsein und Bereitschaft für den Wandel. Die Leistungen der Verbände in diesem Kontext sind evident:
- Sie unterstützen Bildungsentscheidungen durch Beratung unter Einbeziehung aller mitgebrachten Kompetenzen von Teilnehmenden.
- Sie passen ihre Formate inhaltlich und zeitlich flexibel an die Bedürfnisse und Möglichkeiten der Lernenden an.
- Sie sind führend in Bereichen wie Grundbildung, bei Schulabschlüssen, Vorqualifikation und beruflicher Qualifikation, bei der Integration, bei der Vermittlung digitaler Kompetenzen und wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie beim Zugang zu gedruckter und/oder gespeicherter Information.
- Sie stehen für Mehrsprachigkeit, Gesundheitsbildung, Kreativität und Nachhaltigkeit.
- Sie sind Zentren der politischen Bildung, der Demokratiebildung und vermitteln Medienkompetenz sowie Ethik- und Wertebildung.
- Sie sprechen – v.a. im Vergleich zu anderen Bereichen der Weiterbildung – überdurchschnittlich viele Frauen an, binden alle Generationen in Lernprozesse ein, stehen für Integration und Diversität, legen einen besonderen Fokus auf vulnerable Gruppen und wirken damit Richtung Chancengleichheit im Bildungssystem.
- Sie reagieren rasch und arbeiten vernetzt – gemäß den jeweiligen Herausforderungen an die Gesellschaft bzw. auch ganz konkret des Arbeitsmarktes.
- Sie verbinden höchste Professionalität mit ehrenamtlichem Engagement für Bildung.
- Und sie sind mit ihrem dichten Netz an Lern- und Begegnungsorten eine unverzichtbare Säule des Zusammenlebens in den Städten und Gemeinden.
Jetzt geht es um die Neuausrichtung des Bildungswesens, die die Innovationskraft der Erwachsenenbildung als Ressource nutzt. Es geht darum, Erwachsene aller Altersgruppen besser zur aktiven Mitgestaltung ihrer Zukunft zu ermächtigen. Auch, indem wir lernen, über bisherige Zustände hinauszudenken. Eine solche „transformative Bildung“ ist weit mehr als das Generieren von (Fach-)Wissen, sondern soll vor allem zum verantwortlichen Handeln befähigen. Genau diese Herausforderung steht im Zentrum und ist Gemeinschaftsaufgabe.
Zukunftskompetenzen umfassen dabei keineswegs nur digitale Kompetenzen im technischen Sinn. Um Kontrolle, Qualität und Sicherheit durch und für Menschen in allen automatisierten Abläufen zu gewährleisten („human in the loop“), aber vor allem, um unser künftiges Zusammenleben insgesamt positiv zu gestalten, sind etwa Nachhaltigkeitsbewusstsein, soziale und emotionale Intelligenz, Kreativität, kritisches Denken und Problemlösungskompetenz essenziell. Solche – vielfach auch als „transversal“ bezeichnete – Kompetenzen gelten zurecht als Schlüssel für die Zukunft. Bildung entwickelt sich so als eine, wenn auch nicht die einzige, zentrale Antwort auf große Transformationsprozesse. Der Erwerb von solcher „Futures Literacy“ darf dabei nicht vom sozialen oder geografischen Hintergrund abhängen.
Diese Erklärung formuliert einige Visionen, Leitprinzipien und konkrete Handlungsfelder für die Zukunft des lebensbegleitenden Lernens in Österreich. Im Sinne der UNESCO-Vier-Säulen-Definition (lernen zu wissen, zu handeln, zusammenzuleben und zu sein) bekennen wir uns zu einem breiten, inklusiven Verständnis von Lernen. Bildung ist nach diesem Verständnis vor allem ein Menschenrecht und ein unverzichtbares Fundament demokratischer Gesellschaften. Dieses Recht hat maßgeblichen Einfluss auf ein erfülltes, gesundes und langes Leben. Dieses Recht bedeutet, dass Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft oder sozialem Status ein gleichberechtigter Zugang zu Lerngelegenheiten garantiert wird.
Lebensbegleitendes Lernen umfasst dabei:
- alle Lernaktivitäten im formalen, non-formalen und informellen Bereich;
- Wissenserwerb, Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftliche Teilhabe;
- Lernen sowohl in Institutionen als auch überall dort, wo Menschen leben, arbeiten und sich begegnen.
Wir streben eine ressortübergreifende Verankerung dieses umfassenden Erwachsenenbildungsbegriffs in allen Bereichen und Programmen der Europäischen Union, des Bundes und der Länder sowie in der gesamten Gesellschaft an. Wir wollen die individuellen Teilnahmemotive in den Mittelpunkt aller Betrachtungen stellen. Wir betonen den Wert des sozialen Lernens in den Erwachsenenbildungseinrichtungen. In Zeiten zunehmender Individualisierung bieten diese Einrichtungen einzigartige Räume für Zugehörigkeit und sozialen Zusammenhalt. Und wir fordern bildungspolitisch dazu auf, das dichte Netz der gemeinnützigen Erwachsenenbildung in Österreich auf allen Ebenen zu sichern, aber auch zu nutzen. Dies braucht dringend eine konjunkturunabhängige Finanzierung, die vorausschauend in die Zukunft investiert.
Die Erwachsenenbildung ist ein öffentliches Gut, das allen Menschen zugutekommen soll. Sie darf nicht den Mechanismen des freien Marktes überlassen werden, bei denen Gewinnmaximierung oft über dem Gemeinwohl steht. Gemeinnützige Organisationen haben den Vorteil, dass sie ihre Ressourcen vollständig in die Erfüllung ihres Bildungsauftrags investieren können, anstatt Gewinne an private Eigentümer, Gesellschafter oder Aktionäre auszuschütten. Dies ermöglicht eine nachhaltige und qualitativ hochwertige Bildungsarbeit.
Strategische Ziele
Das gemeinsame Ziel aller Akteurinnen und Akteure muss darin bestehen, die gesamtgesellschaftliche Teilnahme und Teilhabe an hochwertiger Bildung (SDG 4) zu erhöhen und zu intensivieren.
Besondere Anstrengungen haben hier jenen Personen zu gelten, die bisher im Bereich der gesamten Weiterbildung zu wenig erreicht werden. Das sind vor allem formal gering qualifizierte Personen, aber auch Frauen sind im Kontext der Weiterbildungsteilnahme unterrepräsentiert. Im Zentrum unserer Betrachtungen stehen stets die Lernenden, also deren Bedürfnisse für den Alltag ebenso wie jene für die individuelle persönliche und berufliche Entwicklung. Durch Orientierung an den individuellen Motiven der Teilnehmenden fördern wir das Bildungsinteresse im Sinne der Gesellschaft und des Arbeitsmarktes. Zu diesen Motiven gehören die Verbesserung von Alltagskompetenzen genauso wie die berufliche Entwicklung bzw. die Um- und Neuorientierung.
Die KEBÖ erkennt strategische Herausforderungen entlang von drei Domänen:
- Basis- und Grundkompetenzen für alle Menschen sichern;
- spezifische Fähigkeiten wie berufliche Fachkompetenz sowie individuelle Handlungs- und Entscheidungskompetenz am Arbeitsmarkt und im Alltag stärken;
- Gemeinschafts- und Bürgerschaftskompetenzen aktivieren und entwickeln.
Handlungs- und Maßnahmenfelder
Entlang dieser drei Domänen formulieren wir folgende vier Handlungs- und Maßnahmenfelder:
2.1) Up- und Reskilling für alle Erwachsenen: Niemand soll zurückgelassen werden
Maßnahmen
- Ausbau des Programms Level Up-Erwachsenenbildung (Basisbildung und Schulabschlüsse) zumindest entsprechend dem Bedarf nach den PIAAC-Ergebnissen. Entwicklung und Umsetzung niederschwelliger Angebote (z. B. Lesecafés, aufsuchende Bildungsarbeit, etc.).
- Ausbau kostenfreier Berufs- und Schulabschlüsse für Erwachsene aller Altersgruppen bis inkl. NQR 5/ Sekundarstufe II. Stärkung nicht-traditioneller Wege zum Lehrabschluss bzw. der Berufsreife- und Studienberechtigungsprüfung als gleichwertige und moderne Zugangswege zu höherer Bildung.
- Stärkung von Formaten zur Förderung der Mehrsprachigkeit, Kreativität und (anderer) transversaler Kompetenzen sowie Stärkung von Formaten zur Stressprävention und zur (mentalen) Gesundheitsbildung für alle Erwachsenen.
- Etablierung eines standardisierten Verfahrens zur Validierung inner- und außerbetrieblich erworbener bzw. mitgebrachter Kompetenzen.
Ziele
- Der Anteil an Personen mit niedrigen Grundkompetenzen sinkt nachhaltig zumindest Richtung des Niveaus von PIAAC 2011/12.
- Der Anteil an Studierenden mit nicht-traditionellen Hochschulzugängen steigt auf 15 Prozent und macht in allen Hochschulbereichen zumindest zehn Prozent aus.
- Der Wert von Formaten, die Mehrsprachigkeit, Gesundheitsbildung, Kreativität und (andere) transversale, also überfachliche, Kompetenzen für alle Erwachsenen fördern, ist allgemein anerkannt. Diese Formate werden ebenso dauerhaft finanziert.
- Validierungsverfahren unter Einbindung der Erwachsenenbildung sind gesetzlich etabliert.
2.2) Digitale Fertigkeiten für alle – in Beruf und Alltag
Maßnahmen
- kostenfreie – primär analoge – Digital-Grundkurse als permanentes Angebot der Erwachsenenbildung unter besonderer Berücksichtigung der Medienkompetenz. Ausbau mobiler bzw. aufsuchender Vermittlungsformen.
- Die Neugier für neue Tools und Plattformen, Kollaborationsfähigkeit im virtuellen Raum sowie kritisches bzw. ethisches Denken beim Einsatz von Artificial Intelligence (AI) wird durch innovative Formate und Maßnahmen gestärkt. Trainer*innen der Erwachsenenbildung sind hier zentrale Zielgruppe und fungieren als Multiplikator*innen.
- Investitionen in die digitale Infrastruktur der Erwachsenenbildung. Regionale und lokale Bildungszentren bzw. Bibliotheken sorgen so für niederschwelligen Zugang.
- Niemand darf von Bildung ausgeschlossen werden. Analoge Formate sind daher ebenso wichtig wie Konzepte für verschiedene Mischformen, also hybride Lernformate, die die Bildungsteilnahme und Inklusion tatsächlich erhöhen.
Ziele
- Es existiert ein permanentes Angebot an kostenfreien Digital-Grundkursen. 80 Prozent der Bevölkerung sollen mindestens über grundlegende digitale Kompetenzen verfügen.
- Pro Jahr werden durch gezielte und öffentlich finanzierte Fortbildungsmaßnahmen 2.500 Trainer*innen der Erwachsenenbildung (= zirka fünf Prozent der Trainer*innen im Rahmen der KEBÖ) im Sinne fachlicher und überfachlicher digitaler Kompetenzen geschult.
- Es gibt ein öffentlich finanziertes Investitionsprogramm in die digitale Infrastruktur gemeinnütziger Erwachsenenbildungseinrichtungen.
- Neben analogen Formaten werden insbesondere auch innovative Mischformen speziell gefördert, die nachweislich eine permanent hohe und sozial ausgewogene Teilnahme von Erwachsenen an Bildungsformaten sichern. Dafür existiert ein Konzept mit entsprechenden Standards.
2.3) Partizipation stärken, Demokratie und Wissenschaft erlebbar machen
Maßnahmen
- ressortübergreifende Implementierung teilnehmendenzentrierter und partizipativer Elemente (z. B. im Sinne von „Community Learning“) als wichtiges Zuschlagskriterium in allen Förderprogrammen, die die Erwachsenenbildung betreffen;
- Erhalt und Ausbau lokaler Lernzentren bzw. Bibliotheken insbesondere in ländlichen Regionen bzw. strukturschwachen Gebieten;
- Unterstützung für barrierefreie Angebote und für Angebote zur Inklusion älterer Lernender;
- Stärkung der Österreichischen Gesellschaft für politische Bildung (ÖGPB) als bewährte Schnittstelle zwischen Bund, Ländern und Erwachsenenbildung im Bereich politischer Bildung sowie verbandsübergreifender Initiativen;
- Förderung von politischer Bildung, Citizen Science-Projekten, Experimentierwerkstätten, Vortragsreihen mit Wissenschaftsthemen, gezielt mit Angeboten für unterrepräsentierte Gruppen, also z. B. Personen mit niedrigem Formalabschluss und/oder geringem Einkommen bzw. Betreuungspflichten;
- permanente Evaluierung und Stärkung der breiten Wirkung von Erwachsenenbildung im Sinne der Entwicklung von Toleranz, gesellschaftlichem Engagement und Zusammenhalt.
Ziele
- Teilnehmendenzentrierte und partizipative Elemente sind als wichtiges Zuschlagskriterium in allen Förderprogrammen implementiert.
- Die Anzahl an lokalen Lernzentren (örtliche Einrichtungen und weitere Einsatzorte) bzw. Bibliotheken liegt im Rahmen der KEBÖ weiter bei über 10.000 Orten in Österreich.
- Barrierefreie Angebote und Angebote, die nachweislich ältere Menschen ansprechen, werden ggf. zusätzlich gefördert.
- Die Förderungen der ÖGPB zur Umsetzung von lokalen Projekten sind durch Bund und Länder erhöht.
- Für Projekte, die Wissenschaft erlebbar machen, Wissenschaft kommunizieren und vor allem tatsächlich Teilnehmende an Forschung partizipieren lassen, existiert eine eigene Förderschiene für die Erwachsenenbildung.
- Die Wirkung des sozialen Lernens bzw. der Erwachsenenbildung im Sinne breiterer individueller und gesellschaftlicher Effekte ist evaluiert und als Förderkriterium etabliert. (Als Vorbild kann hier z. B. die BeLL-Studie dienen, die den breiteren Nutzen non-formaler Erwachsenenbildung untersuchte.)
2.4) Die sozial-ökologische Transformation unterstützen
Maßnahmen
- Ausrollung von kostenfreien Formaten und Konzepten, die Wiederverwendung („Re-Use“), Reparatur und Ressourcenschonung praxisnah vermitteln. Für die tagtägliche Praxis der KEBÖ-Verbände ist das Prinzip Nachhaltigkeit ebenfalls verbindlich.
- Ausrollung von Maßnahmen im Bereich Green Jobs, insbesondere auch zur Aktivierung von Frauen in Technik- und Handwerksberufen.
- Stärkung von Netzwerken, die die sozial-ökologische Transformation unterstützen und der Erwachsenenbildung ermöglichen, ihre Kompetenz einzubringen.
- Stärkung des Konzepts von transformativer Bildung, also des pädagogischen Handelns für den gesellschaftlichen Wandel.
Ziele:
- Nachhaltigkeit kann als Querschnittsmaterie in allen Bereichen der Erwachsenenbildung nachgewiesen werden. Die KEBÖ-Verbände wirken hier selbst beispielgebend, verfügen über entsprechende Konzepte und setzen diese um.
- Mindestens 3.000 Teilnehmende an Maßnahmen im Bereich Green-Jobs pro Jahr. Der Bildungs- und Vermittlungsauftrag wird in diesem Sinne im AMS-Kontext gleichwertig wahrgenommen.
- Netzwerke und Projekte, die die sozial-ökologische Transformation unterstützen, werden gefördert und in regelmäßigen Abständen präsentiert.
- Ein Curriculum für Lernprozesse zu nachhaltigen Lebensweisen ist entwickelt und in Umsetzung.
Alle gemeinsam: EB-Kompetenz nutzen – Netzwerke ausbauen
Eine Schlüsselrolle im Rahmen einer zukunftsgerichteten Bildungsstrategie spielen gut moderierte Schnittstellen und Übergänge zwischen Erwachsenenbildung, Schule, Arbeitsmarkt bzw. Beschäftigung, Weiter- bzw. höherer Bildung. Entscheidend sind hierbei ein gut ausgebautes System der Bildungs- und Berufsberatung und weitere Begleitmaßnahmen (z. B. sozialpädagogische Betreuung). Zentral ist weiters die Anerkennung bzw. Validierung von bereits vorhandenen Fähigkeiten bis hin zu informell erworbenen Kompetenzen von Teilnehmenden. Ebenso wichtig sind der Anspruch auf individuelle Absicherung und Finanzierung in Form von Weiterbildungszeiten und die Absicherung der Lebenskosten während der Weiterbildung. Diese Aspekte spielen eine entscheidende Rolle, um auf dem Arbeitsmarkt unterrepräsentierte Gruppen zu aktivieren bzw. insgesamt wichtige, sowohl im Alltag wie beruflich verwertbare Kompetenzen zu entwickeln und die Mobilität von Lernenden, und damit auch von Arbeitskräften, zu erhöhen. So können wir sowohl den gesellschaftspolitischen Herausforderungen wie auch dem Fachkräftemangel begegnen. In diesem Sinne sollen auch Netzwerke von Erwachsenenbildungseinrichtungen, Schulen, Hochschulen, Betrieben, NGOs und Zivilgesellschaft weiter gestärkt und ausgebaut werden. Ein großes Potenzial besteht darüber hinaus in einer systematischeren Vernetzung mit Forschungseinrichtungen, in der Erwachsenenbildungseinrichtungen und Forschung gemeinsam innovative Ansätze erproben.
Gemeinsam müssen Beratung, Begleitung, Validierung, Unterstützung und Sensibilisierung gestärkt werden, um individuelle Lernpfade für alle Menschen, die in Österreich leben, zu unterstützen. Das bedeutet u. a.:
- Kostenlose, flächendeckende und aufsuchende Bildungsberatung ist eine wesentliche Voraussetzung für eine informierte Bildungsentscheidung.
- Unterstützung für Ansätze, die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aktiv für Bildungsfragen oder ggf. als Beraterinnen und Berater bzw. als Trainerinnen und Trainer einbinden und ausbilden und so in unterschiedliche Communities wirken.
- Kinderbetreuung und sozialpädagogische Begleitung sind inklusive und daher erfolgskritische Faktoren in der Erwachsenenbildung.
- Bildungsdurchlässigkeit durch Entbürokratisierung erhöhen: Die unbürokratische Validierung non-formal und informell erworbenen Wissens im Nationalen Qualifikationsrahmen ist notwendig.
- Gleichberechtigung der Erwachsenenbildung: Eine – gegenüber Schulen und Hochschulen – gleichberechtigte Stellung der Erwachsenenbildung für bestimmte Abschlüsse (z. B. ePSA, BRP, SBP) sowie in Validierungsverfahren bzw. im Kontext der geplanten Ausrollung von Microcredentials ist im Rahmen einer sich rasch wandelnden Wissens- und Migrationsgesellschaft unerlässlich. Insbesondere auch den Zugang zur Lehre gilt es in diesem Sinne für alle Bildungsbereiche zu entformalisieren.
- Ein Rechtsanspruch auf individuelle Absicherung und Finanzierung in Form von Weiterbildungszeiten und die Absicherung der Lebenskosten während der Weiterbildung sind notwendig.
- Es bedarf einer gemeinsamen Kraftanstrengung in Form einer dauerhaften Kampagne aller Akteurinnen und Akteure, um die Weiterbildungsquote zu erhöhen und insbesondere, um formal niedrig qualifizierte Personen bzw. Personen mit Grundbildungsbedarf zu erreichen.
Die KEBÖ begrüßt in diesem Kontext auch den Ansatz der „Hochschulstrategie 2040“ ausdrücklich und unterstützt das Ziel eines offenen, inklusiven und gesellschaftlich verantwortlichen Hochschulsystems. Damit dieser Anspruch wirksam umgesetzt werden kann, ist lebenslanges Lernen (LLL) systematisch, strukturell und finanziell in der Hochschulentwicklung zu verankern. Die Verortung der Erwachsenenbildung in der Hochschulsektion des BMFWF eröffnet hierfür substanzielle Chancen für Innovationsimpulse und nachhaltige Synergien. Die gemeinnützige Erwachsenenbildung verfügt über ausgewiesene Expertise in niederschwelliger, diversitätsorientierter Bildungsarbeit und fungiert als zentrale Brückeninstanz entlang des gesamten Student Life Cycle – von der Studienvorbereitung über studienbegleitende Unterstützungsangebote bis hin zu Reskilling- und Upskilling-Formaten. Als Erprobungsräume für neue Lehr- und Lernmodelle stärkt sie die Agilität, Durchlässigkeit und soziale Dimension des Hochschulsystems, insbesondere für nicht-traditionelle Studierende, berufstätige Erwachsene und bildungsbenachteiligte Personen, und leistet einen wesentlichen Beitrag zur Reduktion vererbter Bildung.
Vor diesem Hintergrund spricht sich die KEBÖ für eine kooperative Hochschullandschaft aus, in der Erwachsenenbildung als strategische Partnerin verankert ist – etwa in gemeinsamen Weiterbildungsformaten, Brückenangeboten, Wissenschaftskommunikation, regionalen Bildungsallianzen, in der Forschung und Curriculumsentwicklung sowie – wie bereits erwähnt – bei Anerkennungs- und Validierungsverfahren bzw. Micro-Credentials.
Strukturelle Rahmenbedingungen, Finanzierung und Qualitätssicherung
Österreich verfügt in der Zweiten Republik über eine lange und erfolgreiche Tradition und Kooperation der wesentlichen Akteurinnen und Akteure in der Erwachsenenbildung. Diese kooperative Praxis (Multilevel Governance) beruht auf den vier Säulen Finanzierung und Förderung, Qualitätsrahmen und Zertifizierung, Professionalisierung (in der Erwachsenenbildung) sowie Bildungsinformation und -beratung. Die Konferenz der Erwachsenenbildung Österreichs (KEBÖ) bündelt wiederum auf Verbandsebene zehn wichtige Weiterbildungsverbände, die gemeinsam mit dem bifeb das „Kooperative System der Erwachsenenbildung“ bilden. Ergänzend vernetzt das Ländernetzwerk innerhalb der neun Bundesländer. Die Erwachsenenbildungsforschung in Österreich liefert die empirische Grundlage für zielgerichtete Politik- und Praxisentwicklung. International beachtete „Leuchttürme“ wie Level Up-Erwachsenenbildung, Bildungsberatung Österreich, Ö-Cert oder auch die Weiterbildungsakademie (wba) sind ohne diese kooperative Praxis nicht denkbar.
In diesem Zusammenspiel unterstützen wir eine Aufwertung der Erwachsenenbildung im Sinne von Ressortaufteilungen bzw. Benennungen im Rahmen der Bundesregierung. Vor allem befürworten wir für die Abteilung Erwachsenenbildung und die übergeordneten Stellen im für Erwachsenenbildung zuständigen Ressort (aktuell BMFWF) eine gesamtösterreichische Steuerungsrolle für folgende Handlungsebenen die Erwachsenenbildungsagenden betreffend:
- in der Abstimmung mit anderen Ressorts (Arbeit, Soziales, Gesundheit, Integration, Umwelt, Digitalisierung und Klimaschutz) und selbstverständlich auch innerhalb des Ressorts (Frauen, Wissenschaft)
- in der Strategieentwicklung, Förderplanung und Evaluation zwischen Bund und Ländern (siehe beispielhaft Level Up-Erwachsenenbildung)
- in der Einbindung der Trägerorganisationen der Erwachsenenbildung, EB-Wissenschaft und der Zivilgesellschaft
Dazu bedarf es einer weiteren Stärkung des Kooperativen Systems der Erwachsenenbildung (getragen von bifeb und KEBÖ) durch die Abteilung Erwachsenenbildung und die Ausstattung aller beteiligten Akteurinnen und Akteure mit den dafür notwendigen Ressourcen. Parallel zur Weiterentwicklung des bifeb 2026 ff. gilt es daher, jetzt die bundesweit tätigen gemeinnützigen Trägerinnen und Träger in der Erwachsenenbildung (KEBÖ) zu stärken.
Die wichtigsten Handlungsfelder und die dafür notwendigen Umsetzungsziele können an dieser Stelle wie folgt zusammengefasst werden:
Qualitätssicherung
Wir bekennen uns zu Qualitätssicherung, Monitoring und Evaluierung, um die Weiterentwicklung der Erwachsenenbildung in Österreich zu garantieren. Evidenzbasierte Weiterentwicklung bedeutet für uns in diesem Kontext:
- Teilnehmer*innen-Zusammensetzung und -Feedback standardisiert von der EB-Wissenschaft auswerten lassen;
- begleitende Evaluierungen zur Langzeitwirkung von LLL-Maßnahmen; Fokus auf Benachteiligungsindikatoren;
- aktive Einbindung gemeinnütziger EB-Anbieter*in-nen in alle Evaluations- und Entscheidungsprozesse;
- einen klaren Blick für das Verhältnis von Mehrwert, aber auch eben Mehraufwand für die Bildungsinstitutionen bzw. die entsprechende Finanzierung dieses Aufwandes.
- Ö-Cert soll darüber hinaus als österreichweit verbindlicher Nachweis für Qualitätsstandards in der Erwachsenenbildung anerkannt und kontinuierlich weiterentwickelt werden. Dies schafft Vertrauen bei Teilnehmenden, Arbeitgeber*innen und der Politik und ist beispielsweise essenziell im Kontext der aus unserer Sicht notwendigen Wiedereinführung bzw. Weiterentwicklung der Bildungskarenz.
Schlussbemerkung
Die Erwachsenenbildung ist weder Ergänzungsangebot noch Reparaturwerkstatt im Bildungsbereich – sie ist das strategische Herzstück eines lernenden Österreichs. Zukunftskompetenzen wie digitale Handlungsfähigkeit, nachhaltiges Denken, soziale und emotionale Intelligenz, Kreativität, kritisches Denken und Problemlösungskompetenz werden zum Leitmotiv, das alle Bildungsaktivitäten und -strukturen durchdringt.
Die KEBÖ-Verbände übernehmen hier mit der Politik und allen erfolgskritischen Partnerinnen und Partnern Verantwortung und bringen ihre Expertise und ihr Netzwerk ein. Gemeinsam gestalten wir eine Bildungslandschaft, die nicht auf Abschlüsse reduziert ist, sondern auf Entfaltung und Teilhabe setzt.
Insgesamt geht es um die Etablierung einer neuen, positiven Kultur des lebensbegleitenden Lernens, in der Erwachsenenbildungseinrichtungen ein selbstverständlicher und anerkannter Teil des Bildungssystems sind.
Ergänzungen aus den Rückmeldungen aus der österreichischen Erwachsenenbildungslandschaft, insbesondere aus den Beiträgen der Ländernetzwerke
Die KEBÖ hat zu ihrem Entwurf aus allen Bundesländern – in hohem Ausmaß positive –Rückmeldungen erhalten. Wir verstehen das als Ausdruck einer lebendigen und selbstbewussten Erwachsenenbildungslandschaft und als wertvollen Beitrag zur Weiterentwicklung einer gemeinsamen Erwachsenenbildungsagenda. In den Rückmeldungen spiegeln sich konkrete Erfahrungen aus der regionalen Praxis ebenso wie ein hohes Bewusstsein für die strukturellen Voraussetzungen gelingender Erwachsenenbildung. Uns allen ist wichtig:
- Erwachsenenbildung stärken – strukturell, finanziell, politisch;
- regionale & niederschwellige Bildungsinfrastruktur sichern;
- Basisbildung, Grundkompetenzen & Digitalisierung ausbauen;
- Inklusion und soziale Teilhabe verbessern;
- Professionalisierung, Qualität & Beratung systematisch stärken.
Ergänzende Forderungen bzw. Präzisierungen betrafen hier Vorschläge zu Finanzierungsmodellen, Qualitätssicherungskosten und ESF Vereinfachungen, zur Bildungsberatung als eine Schlüssel-Infrastruktur und konkrete Forderungen zur Kostenübernahme für Zertifizierungen & Retestierungen bzw. z. B. zur Schulraumüberlassung für Erwachsenenbildungseinrichtungen.
Einige weitere eingebrachte Punkte wollen wir wie folgt präzisieren:
Professionalisierung und ehrenamtliches Engagement
Professionelle Strukturen sind unverzichtbar, um Qualität, Verlässlichkeit, transparente Prozesse sowie anerkannte Bildungsabschlüsse sicherzustellen und den gestiegenen Anforderungen an Dokumentation, Qualitätssicherung und Nachvollziehbarkeit gerecht zu werden. Gleichzeitig ist das Ehrenamt ein wichtiger ergänzender und stützender Bestandteil der Erwachsenenbildung: Es ist häufig lokal verankert, ermöglicht niederschwellige Zugänge, schafft Vertrauen und trägt wesentlich zur sozialen Einbettung und Reichweite von Bildungsangeboten bei.
Steuerung, Governance und Priorisierungen
Verschiedene Fragen und Vorschläge (z. B. Einrichtung einer eigenen Bund-Länder-Konferenz Erwachsenenbildung) betrafen Fragen der Zuständigkeiten. Festzuhalten ist in diesem Kontext, dass das EB-Förderungsgesetz hier bereits jetzt eine klare – wenn auch keineswegs exklusive – Bundeszuständigkeit regelt. Für die KEBÖ (als Bundesdachverband) ist daher im Bereich Steuerung und Prioritätensetzung zunächst diese Bundesperspektive von zentraler Bedeutung. Eine bundesweite Gesamtsteuerung der Erwachsenenbildungsagenden, insbesondere entlang der gesetzlichen Grundlagen, wird von uns als klare ministerielle Verantwortung verstanden. Damit ein kohärentes und wirksames System der Erwachsenenbildung gesichert werden kann, ist die systematische Einbindung der KEBÖ Verbände in alle relevanten Strategie-, Förder- und Evaluationsprozesse auf Bundesebene essenziell.
Zugleich misst die KEBÖ der Stärkung des bewährten „Kooperativen Systems der Erwachsenenbildung“ – getragen vom Ministerium bzw. der zuständigen Abteilung, dem bifeb, und der KEBÖ – besondere Bedeutung bei, da dieses die tragende Basis der nationalen Erwachsenenbildungsarchitektur bildet. Die Länder und ihre Netzwerke werden dabei ausdrücklich als strategische Partnerinnen und Partner gesehen, die eine aktive Rolle in der Sicherung, Weiterentwicklung und regionalen Verankerung der Erwachsenenbildung entlang der unterschiedlichen regionalen Bedarfe und Bedürfnisse übernehmen.
Aus dieser Perspektive leiten sich klare weitere Prioritäten für die KEBÖ ab: Im Zentrum steht die nachhaltige Stärkung des gemeinnützigen Erwachsenenbildungsnetzes sowie die Sicherung des breiten inhaltlichen Ansatzes, wie er im Erwachsenenbildungs-Gesetz verankert ist. Dieser Ansatz versteht Erwachsenenbildung nicht eindimensional, sondern als umfassendes Bildungsangebot, das gesellschaftliche, kulturelle, demokratische und individuelle Bildungsbedarfe und Bedürfnisse gleichermaßen berücksichtigt.
Abschließend kann in diesem Kontext nochmals ein Punkt unterstrichen werden: Das Erwachsenenbildungs-Förderungsgesetz definiert Erwachsenenbildung zu Recht als Aufgabe im öffentlichen Interesse und verpflichtet den Staat, den offenen, niederschwelligen und leistbaren Zugang für alle sicherzustellen.
Diese gesetzliche Verpflichtung zielt auf eine flächendeckende Grundversorgung mit Bildungsangeboten ab, die zentrale gesellschaftliche Funktionen erfüllen: den Erwerb von Grundkompetenzen, die Förderung sozialer Teilhabe, demokratische und politische Bildung, Zugänge zu Bildungsberatung und Bibliotheken sowie zu weiterführender Qualifikation. Diese Grundversorgung ist unverzichtbar für gesellschaftlichen Zusammenhalt, Chancengerechtigkeit und die aktive Teilhabe breiter Bevölkerungsgruppen, lässt sich jedoch weder marktlogisch noch projektförmig organisieren, da sie strukturell nicht kostendeckend ist. Gerade deshalb kommt gemeinnützigen Einrichtungen der Erwachsenenbildung eine besondere Rolle zu: Sie setzen den staatlichen Bildungsauftrag kontinuierlich, qualitätsgesichert und regional verankert um und gewährleisten durch stabile Strukturen, qualifiziertes Personal und langfristige Planungssicherheit einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung für alle Menschen. Ohne stabile gesetzliche Grundfinanzierung wäre dieser öffentliche Auftrag gleichzeitig fundamental gefährdet und stünde im Widerspruch zur staatlichen Verantwortung, Erwachsenenbildung als Teil der Daseinsvorsorge nachhaltig abzusichern. //












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