In Anlehnung an Paulo Freire bedeutet das Nachdenken über die Bildung der Zukunft, sie als historischen, ethischen und politischen Prozess zu verstehen und nicht als technische Anpassung an den Markt.
Als brasilianische Pädagogin mit Migrationserfahrung in Österreich setze ich mich für eine Bildung ein, die Dialog, aktives Zuhören und eigene Fragen wertschätzt. Freire kritisierte das traditionelle Bildungssystem und die Logik, passive Lernende mit Inhalten zu „füllen“. Wie er in der „Pädagogik der Unterdrückten“ feststellt: „In der ‚Bankiers-Metapher‘ der Bildung ist ‚Wissen‘ eine Gabe derer, die sich für Wissende halten, an diejenigen, von denen sie glauben, dass sie nichts wissen“ (Freire: 1987, S. 58).
Für die Zukunft auszubilden bedeutet, Menschen dazu zu befähigen, die Gegenwart kritisch zu betrachten, Widersprüche zu erkennen und mit kollektiver Verantwortung darauf einzuwirken. Es geht nicht nur darum, Menschen an das anzupassen, was kommt, sondern sie zu befähigen, am Aufbau dessen mitzuwirken, was noch nicht existiert.
Autonomie entspringt bei Freire der Erkenntnis, dass wir unvollendete Wesen sind. In der „Pädagogik der Autonomie“ erinnert er daran: „Ich bin gerne Mensch, denn als unvollendetes Wesen weiß ich, dass ich konditioniert bin, aber da ich mir dieser Unvollkommenheit bewusst bin, weiß ich, dass ich darüber hinauswachsen kann“ (Freire: 1996, S. 53). Lehren bedeutet daher, Bedingungen zu schaffen, um mit sozialem Bewusstsein zu denken, zu hinterfragen, zu entscheiden und zu handeln.
Die Praxis verbindet Reflexion und Handeln und verhindert, dass Lernen auf mechanisches Auswendiglernen reduziert wird. Anstatt vorgefertigte Antworten zu vermitteln, sollte Bildung die Realität hinterfragen, vom Vorwissen der Lernenden ausgehen und sie zu Akteuren und Akteurinnen ihrer eigenen Bildung machen. Gut ausgearbeitete Projekte können diese Praxis stärken, in dem sie kritisches Hinterfragen, die Zusammenarbeit und gesellschaftlich relevante Lösungen artikulieren.
Befreiende Bildung erfordert auch ein Bekenntnis zu Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit. Kein Umweltproblem ist losgelöst von den sozialen Umständen, die es bewirken. Klimakatastrophen, Kriege, Ressourcenverschwendung und sozio-ökologische Ungleichheit erfordern Bewusstseinsbildung und kollektives Handeln. Marginalisierte Communities, darunter auch wir Migrant*innen, sollten als Inhaber*innen von Wissen und als Protagonist*innen des Wandels anerkannt werden.
Im digitalen Bereich steht nicht das Werkzeug im Mittelpunkt, sondern das menschliche Konzept, das dessen Nutzung anleitet. Die Alphabetisierung des 21. Jahrhunderts und die Erwachsenenbildung müssen digitale Kompetenz einbeziehen: das bewusste Lesen, Interpretieren und Erstellen von Informationen sowie das Verstehen von Algorithmen, Diskursen, Vorurteilen und Interessen. Somit ist digitale Bildung auch politisch: zu lernen, die Technik zu nutzen, ohne sich von ihr beherrschen zu lassen.
Die Erwachsenenbildung muss die Geschichten, das Wissen und die Spuren der gelebten Welt einbeziehen. Man fängt nicht bei Null an, sondern geht von vorhandenen, konkreten Erfahrungen aus, um die kritische Betrachtung der Realität zu erweitern. Lebenslanges Lernen ist ein Recht und eine Möglichkeit zur kontinuierlichen Humanisierung, die auf der gemeinsamen Sinnfindung, dem Zuhören und der kollektiven Verantwortung beruht.
„Niemand erzieht jemanden, niemand erzieht sich selbst, die Menschen erziehen sich gegenseitig, vermittelt durch die Welt“ (Freire: 1987, S. 68). Wir bilden uns gemeinsam weiter, in der kritischen Begegnung mit anderen und mit der Realität.
Vor diesem Hintergrund können Schulen, Universitäten und Gemeinschaftsräume zu Orten demokratischer Erneuerung und sozialen Engagements werden. Das anlässlich der 200-jährigen Unabhängigkeit Brasiliens im Jahr 2022 eröffnete Kulturhaus Brasilien-Österreich (Casa de Cultura Brasil-Áustria in Aracaju, der Hauptstadt des Bundesstaates Sergipe) ist ein Beispiel für diese Möglichkeit: ein Ort der Zusammengehörigkeit, Aufnahme, Freiheit und des gemeinsamen Lernens, an dem sich die Kunst des Lehrens als lebendige Praxis zeigt.
Zukünftige Generationen werden nicht nur Wissen benötigen, sondern auch den Mut, Dinge zu hinterfragen, ins Gespräch zu kommen, zu handeln und die Welt zu verändern. Abschließend möchte ich die Worte der Hoffnung teilen, die meine professionelle Berufung anleiten:
„Man muss Hoffnung haben, aber Hoffnung im Sinne des Verbs ‚hoffen‘; denn es gibt Menschen, die Hoffnung im Sinne des Verbs ‚warten‘ verstehen. Und Hoffnung im Sinne des Verbs ‚warten‘ ist keine Hoffnung, sondern Warten. Hoffnung haben bedeutet aufzustehen, Hoffnung haben bedeutet etwas anzustreben, Hoffnung haben bedeutet etwas aufzubauen, Hoffnung haben bedeutet nicht aufzugeben! Hoffnung haben bedeutet etwas voranzubringen, Hoffnung haben bedeutet, sich mit anderen zusammenzuschließen, um es anders zu machen“ (Freire: 1992). //













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