„Die Tore auf! Die Köpfe auf! Laßt Licht und Lust von allen Seiten einströmen. Das Verlangen, jenes Werk der Niederlegung des alten Festungsgürtels auch auf geistigem Gebiete in Angriff zu nehmen, der Ruf nach einer geistigen Stadterweiterung.“
(Neue Freie Presse, 23. Jänner 1911, S. 4.)
Diese Worte sprach Friedrich Jodl im Jahre 1911 anlässlich der Eröffnung des Volksbildungshauses Margareten. Das Gebäude in der Stöbergasse war in jener Zeit – gemeinsam mit dem Volksheim Ottakring und der Wiener Urania – ein architektonischer Ausdruck des von Jodl artikulierten Verlangens. 1934 sollte dieses Netzwerk der Stammhäuser der Wiener Volksbildung auch noch durch die Volkshochschule Alsergrund erweitert werden. Nachdem diese Entwicklung in der Zeit des Nationalsozialismus ihr vorläufiges Ende fand, wurde nach 1945 die Realisierung von Räumen zum Zwecke der Volksbildung und die Idee eines flächendeckenden gemeinwohlorientierten Bildungsnahversorgers wieder aufgegriffen. An diesem Punkt setzt das 2025 publizierte Werk „Zentren geistiger Stadterweiterung“ – der Titel referenziert auf die oben zitierten Worte Jodls – der beiden Architekt*innen Carina Sacher und Lukas Vejnik an. In dieser Monografie sollen die Bedeutung der Architektur und der Stadtplanung für die Wiener Volkshochschulen, die entsprechenden baugeschichtlichen Kontinuitäten und Brüche angesichts der sich verändernden Bildungsrealitäten sowie die internationalen Einflüsse dargestellt und die gesellschaftspolitische Bedeutung einer Architektur für die Erwachsenenbildung insgesamt erörtert werden (vgl. S. 12). Mit dieser Zielsetzung verweisen die Autor*innen auf eine eklatante Forschungslücke, denn obwohl sich zahlreiche Arbeiten mit den Bauaufgaben von Kindergärten, Schulen und Universitäten bzw. dem sozialen Wohnbau in Wien auseinandergesetzt haben, wurde den Stätten für die Erwachsenenbildung im Allgemeinen sowie der Baugeschichte der Wiener Volkshochschulen in der Zweiten Republik in ihrem Zusammenspiel mit Stadtplanung und Sozialpolitik im Speziellen bislang wenig Aufmerksamkeit zuteil.
Sacher/Vejnik widmen sich zunächst vor allem einer von ihnen identifizierten zweiten Phase der Bautätigkeit der Wiener Volkshochschulen (nach einer ersten, der zuvor erwähnten Leuchtturmprojekte vor 1945): Der Entwicklung der „Volksheime“. Diese „kulturellen Mittelpunkte in den Wiener Außenbezirken“ (Karl Foltinek) wurden zwischen 1955 und 1966 errichtet und sollten eine Diskussionskultur und politische Bildung in den neu errichteten Wohnsiedlungen ermöglichen. Inspiriert wurden diese dezentralen Bildungsstätten von den in Cambridgeshire errichteten Village Colleges und der Community-Centre-Bewegung.
Es folgt die Darstellung der die kleinteiligen „Volksheime“ ablösenden und bis 1984 gebauten „Häuser der Begegnung“, die die Autor*innen einer dritten Bauphase zuordnen. Dem geänderten städtebaulichen Planungskonzept folgend wurden diese als großzügige hybride Bildungs- und Kulturzentren konzipiert. Sacher/Vejnik verweisen dabei nicht nur auf deren äußerst nüchterne Architektursprache, sondern auch auf die zeitgenössische Kritik, wonach durch funktionale Verflechtung und externe Vermietung der Bildungsauftrag oftmals zu kurz gekommen wäre.
Den Abschluss des Buches, in welchem auch die bauliche Entwicklung „klassischer“ Volkshochschulen sowie der spezialisierten Einrichtungen berücksichtigt und einzelne Protagonist*innen vor den Vorhang geholt werden, bildet ein Ausblick, der in ein Plädoyer für die zeitgemäße Adaptierung der Konzepte, die Kooperation der handelnden Akteur*innen, eine Bündelung unterschiedlicher Angebote und einen niederschwelligen Zugang zu Bildung und Kultur mündet.
Der Anhang beinhaltet nicht nur Pläne und einen Überblick zu den besprochenen Bauten, er dokumentiert auch die Kenntnis der facheinschlägige Literatur durch die Autor*innen sowie deren umfangreichen Recherchen vor allem bei der Wiener Baupolizei sowie im Österreichischen Volkshochschularchiv und im Wiener Stadt- und Landesarchiv.
Nicht zuletzt dadurch befindet sich die vorliegende Darstellung, welche die Auszeichnung „Eines der schönsten Bücher Österreichs 2025“ erhalten hat, auf einer bemerkenswert fundierten historischen Basis. Zudem ist es Sacher/Vejnik vortrefflich gelungen, die Atmosphäre der Wiener Volkshochschulen mit einzubeziehen, wodurch das Buch weit über eine bloße Darstellung von Architektur hinausgeht. //












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