Christoph Thun-Hohenstein: Zukunftsmutig.

Christoph Thun-Hohenstein: Zukunftsmutig.
Wien: Verlag Kremayr & Scheriau 2026, 166 Seiten.

Zwei diametrale Positionen lassen sich in der Debatte über „Kunst und Klima“ unterscheiden:

  • Die Welt brennt, die Kunst sieht zu und beschäftigt sich mit sich selbst.
  • Die Kunst aktiviert sich gegen Klimanotstand, sie will unbequem sein, skandalisieren und weh tun.

Christoph Thun-Hohenstein plädiert für einen mittleren Weg: Er fordert „feinfühlige konstruktive Kunst höchster Qualität, um die Menschen zu klimaschützenden Handlungen zu bewegen. Sonst wird es bald die Künstliche Intelligenz an ihrer Stelle tun.“ (S. 39).

Der Autor hat viel Erfahrung als Kulturmanager. In den letzten drei Jahrzehnten war er erfolgreicher und geehrter Direktor im Austrian Cultural Forum New York, Generaldirektor des Museums für angewandte Kunst in Wien und zuletzt Sektionsleiter für Internationale Kulturangelegenheiten im österreichischen Außenministerium. Seine Erfahrungen in der internationalen Kunst- und Kulturszene sowie sein Wissensstand über internationale Kulturpolitik fließen informativ in sein Buch ein. Seine Initiativen, sein Bemühen um Vermittlung von Kunst und Kultur sowie sein Engagement, sich aktiv mit den Gefahren für Klima und liberale Demokratien auseinanderzusetzen, erlauben es, ihm das etwas bodenständige Etikett eines aufklärenden Wissensvermittlers, eines Erwachsenen- und Weiterbildners zuzusprechen.

Hinsichtlich allfälliger Attributionen äußert der Autor seine Präferenz und führt damit Leserin und Leser zu den Intentionen seines Buches. Er nennt sich „Zukunftsdesigner und Zukunftskurator“ (curare, lat.: pflegen, sorgen, heilen), er akzeptiert auch „Futurist“ (angelehnt an eine avantgardistische Kunstrichtung zu Beginn des 20. Jahrhunderts). Optimal scheint ihm aber die Bezeichnung „artistic futurist“ – er will in der Gegenwart zu einer verbesserten Welt beitragen und mit anderen und für andere eine hoffnungsvolle Zukunft im Zusammenwirken mit Künstlicher Intelligenz ermöglichen.

Christoph Thun-Hohenstein nimmt die Leserschaft mit auf seine Streifzüge durch die Wiener Kunstszene in Kaffeehäusern, Ateliers und Wohnungen. Er schildert seine Enttäuschung gegenüber arrivierten Künstlern, Hochschullehrern aber auch Studierenden, die seiner Mahnung zu gesellschaftlichem Engagement eher reserviert gegenüberstehen. Er schildert die spürbare Ablehnung der Kunstschaffenden, wenn er fragt (S. 39): „Warum gibt es noch immer viel zu wenig herausragende Klimakunst, die uns Mut macht?“

Als Vortragender in einem anonym bleibenden Milliardärs-Klub erringt der Autor Aufmerksamkeit für die Idee einer regenerativen Kreislaufwirtschaft, einer Kreislaufkultur, wenn nicht sogar Lebenskultur.
Aber er verliert seine Zuhörer, nur Männer, nach Ende seines Vortrags ziemlich schnell und er erkennt, dass Milliardäre nichts an ihren Geschäftsmodellen ändern wollen, sondern sich lieber in ihren Extravaganzen verlustieren. Zu seinen positiven Erfahrungen gehört ein mehrwöchiger Unterricht in einem Schulversuch an einer Wiener Volksschule, wo er das Thema Zukunft relativ frei mit den Schülerinnen und Schülern gestalten kann.

Traumsequenzen, Dialogszenen, fiktive Reden, Auszüge aus Vorträgen geben ein buntes stilistisches Bild. Thematisch konzentriert fordert Christoph Thun-Hohenstein die „Zukunftspotenziale“ der „Mitte“ ein. Das sind die Menschen guten Willens, die „Wachstum durch Regeneration“ ersetzen wollen, durchwegs mit Hilfe Künstlicher Intelligenz. Diesbezüglich wagt der Autor, realutopisch und visionär, ein Modell: in einer künftigen politischen Verbindung zwischen Indien und Europa, wie sich durch eine „Superintelligenz“ und ganzheitliche Regeneration, unter Teilnahme inspirierender Künstlerinnen und Künstler eine verbesserte Welt schaffen lässt. Doch ist der Autor vorsichtig und realistisch genug, wenn er die Unmöglichkeit, die Zukunft vorherzusagen, akzeptiert.

Am Ende des Buches präsentiert Christoph Thun-Hohenstein zehn Botschaften, gebündelt in zehn Schlagwörtern, die er als leitend ansieht, um die Zukunft zu gestalten. Dieses „Gegenprogramm“ zu „dem Gejohle jener, die alles schon immer besser wussten“, beginnt mit Wahrheitsliebe. Er versteht die einzelnen Begriffe als Sprossen, deren Erklimmung immer das Beherrschen der vorhergehenden bedingt. Es folgen Transparenz, Weltkompetenz, Naturliebe, Kreislaufkultur, Ganzheitlichkeit, Fantasie, Kooperationsbegeisterung, Teamintelligenz und schließlich Zukunftsmut.

Letzterer soll „Mutmenschen“ vereinen, um zur gemeinschaftlichen Regeneration beizutragen. Notwendig dafür sind aber nicht nur intellektuelle Kompetenzen und Qualifikationen, sondern auch emotionale Energie, um sich zu begeistern und tatkräftig zu engagieren – um sich einzumischen!

Eingewoben, nicht explizit angesprochen, können aus dem Buch viele Gedanken zu einer Bildungsreform in Schulen und Hochschulen abgeleitet werden. Ein Vorfahre des Autors, Leo von Thun-Hohenstein (1811–1888), hat 1849 die Thun-Hohensteinsche Bildungsreform – Modernisierung von Gymnasium und Universität – als Unterrichtsminister auf Basis von Reformplänen von Franz Exner (1802–1853) und Hermann Bonitz (1814–1888) politisch realisiert.1

Als vielleicht kongenialer Nachfahre blickt Christoph Thun-Hohenstein in die offene Zukunft – auch in die eines „zukunftsmutig“ zu schaffenden, attraktiven ­Bildungswesens. Denn Wissen und Haltungen, Werte und Ziele sind ja erst noch zu vermitteln!

Für Angebote in Erwachsenenbildung und Weiterbildung ergeben sich bei der Lektüre zahlreiche Anknüpfungspunkte, um Diskussionsrunden und Seminare inhaltlich und praxisorientiert zu gestalten. //

1   Siehe: https://bifodok.adulteducation.at/public/project/128982 [20.9.2026].

Lenz, Werner (2026): Christoph Thun-Hohenstein: Zukunftsmutig. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Herbst 2026, Heft 287/77. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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