„Wir sind Nachricht.“ Um dies zu realisieren, sind freie, vom Staat unabhängige Nachrichtenagenturen sowie Kooperationen zwischen Medien, Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik notwendig.
Nach dieser Formel empfiehlt Clemens Pig, Medien- und Informationsmanager, zum Generaldirektor des ORF ab 2027 bestellt, sollte sich eine Medienlandschaft, die Demokratie stärken will, gestalten.
Das Buch erscheint angesichts einer Kommunikationsordnung, die aufgrund technologischer und politischer Entwicklungen in Bewegung geraten ist. Wie verlässliche Informationen zu den Menschen gelangen können, welches Regelwerk in der Europäischen Union dafür zugrunde gelegt werden sollte und wie sich die Medien unabhängig, eigenständig finanzieren können, will der Autor mit seinem Buch beantworten. Die übergreifende, leitende Fragestellung des Sachbuchs lautet (S. 16): „Wie verbinden sich Qualitätsjournalismus und digitale Öffentlichkeit so, dass Demokratie stärker wird?“
In unkonventioneller aber sehr informativer Art bietet das Buch zu Beginn einen „Atlas“, eine Sammlung von Aussagen zur neuen Welt- und Kommunikationsordnung. Interviews, Zitate und Graphiken dokumentieren die politischen Machtverschiebungen. Die Zentren der Macht und die einflussreichsten Medien befinden sich gegenwärtig in den USA, in China und Russland. Die Europäische Union ist, trotz der zweitgrößten Bevölkerung von etwa 450 Millionen Menschen, kein Player in dieser Liga.
Der Autor beschreibt die „Rückkehr der Imperien“ und den „Kampf um die Wahrheit“. Diesbezüglich spielt der Einfluss auf die internationalen Nachrichtenagenturen und die wirtschaftliche Macht der neuen Technologiegiganten eine große Rolle. Gegen die bereits bestehende Monopolisierung der digitalen Medienwelt werden dringendst Pläne für Maßnahmen, Aktionen und Initiativen vorgeschlagen, die unabhängigen Journalismus fördern sollen.
Mitbedingt durch die Corona-Pandemie ab März 2020 registriert der Autor, dass das Vertrauen der Menschen in öffentliche Institutionen und Medien erschüttert wurde. Er bezeichnet diesen Zeitraum als „Decade of Disillusion“. Clemens Pig diagnostiziert damit auch den Zeitpunkt für die Trennung, wo Qualitätsjournalismus und Wissenschaft „die Wahrheit“ suchten und soziale Medien die „Wahrhaftigkeit“ – unmittelbar, laut und emotional hochgespült – vermittelten. Seiner Meinung nach vollzog sich Anfang der 2020er-Jahre, „der Einstiegspunkt für populistische Kommunikation im großen Stil“ (S. 46).
Als Reaktion auf damalige intensive Kampagnen der Desinformation entstand eine neue redaktionelle Disziplin – „Fact-Checking“. Dies ist ein Instrument zur Prüfung faktenbasierter Berichterstattung, unter anderem von Texten, Bildern und Videos. Mit dem Ende der Pandemie und mit Beginn des unmittelbar folgenden Krieges gegen die Ukraine, im Februar 2022, begann zugleich ein „War of Information“.
Mit „Democracy Dies in Darkness“, dem Motto der Washington Post, signalisiert der Autor, wie schwer es für faktenbasierte Informationen ist, sich zu behaupten. Lügen von Technoplattformen verbreiten sich schneller, weil sie mit Emotionen, Erregung und Empörung einhergehen. Technologieunternehmen, kritisiert der Autor, haben sich der Verpflichtung zu Faktenschutz und somit zum Schutz der Öffentlichkeit entzogen. Dieser Vorwurf trifft seiner Meinung nach auch auf Regierungen zu, die die Öffentlichkeit nicht oder zu wenig vor den Einflüssen von „Fake-News“ schützen. Politische Verantwortung ist weltweit gegeben – überall wo sich Menschen der Mobiltelefone und der sozialen Medien bedienen.
Clemens Pig sieht im Vertrauensverlust der Bevölkerung und in der Diskreditierung des kritischen Journalismus Munition für die Kampfzone, in der Vertreter*innen des zurückkehrenden Imperialismus gemeinsam mit den disruptiven Technologien die Macht an sich reißen wollen.
Er bedauert die Schwächung der Demokratie und sucht auf folgende Weise nach Abhilfe. Zu den vier bestimmenden Säulen der Demokratie, Legislative, Exekutive, Judikative und Medien, stellt er eine fünfte: die aufgeklärte Informationsgesellschaft. Clemens Pig erläutert: Nachdem das Internet seit etwa drei und die sozialen Medien seit etwa zwei Jahrzehnten negative gesellschaftliche Energien hervorbrachten, und Gleiches von den neuen synthetischen Medien zu befürchten ist, bedarf es einer Wende zu den sichtbar gewordenen Bedürfnissen der User*innen der Informationsgesellschaft (S. 153): „selbst zu kommunizieren, selbst Themen einzubringen, selbst Teil der Medienwelt und selbst Quelle zu sein“.
Sein „Zukunftsmodell“ erklärt Clemens Pig entlang von drei Fragen:
- The Why? Das betrifft Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Wirklichkeit, wobei es darum geht, den bestehenden Vertrauensverlust zu minimieren und vor allem Wege zu finden, wie auch junges Publikum zu erreichen ist.
- The How? Es bezieht sich auf Regulierung, Innovation und Kooperation sowie auf die ordnungspolitische Kraft der Europäischen Union, die eine demokratische Version der digitalen Welt organisieren soll.
- The What? Dies umfasst Medienpolitik, Journalismus und Geschäftsmodelle, „die Wahrheit wieder sichtbar und damit finanzierbar machen“ (S. 172).
Mit optimistischem Blick auf neue, positive Rahmenbedingungen, auf einen „neuen gemeinsamen Social-Media-Raum der Redaktionen“, beschreibt der Autor eine von ihm erhoffte künftige Arbeitssituation. Diese ist nicht mehr vom „Kampf um Aufmerksamkeit“ und von Empörung gesteuert. Er sieht in dieser realutopischen Zukunft Texte ohne „Werbevorhang“, sachliche Interaktionen, maßvolle konstruktive Kritik und keine aufgeregte Rechthaberei. In dieser Zukunft fühlt sich der Autor nicht mehr als „Protagonist einer Empörungsshow“, sondern verbunden mit der Realität.
Durch die Interviews und Textauszüge bietet das Buch viele Verbindungen zum Diskussionsstand über die aktuelle Situation der Medien, zur Lage der Produzent*innen von Nachrichten vor und hinter der Bühne sowie zum Verhalten der Nutzer und Nutzerinnen. Die Lektüre lässt mitdenken und mithoffen, wie sich die Nachrichtenwelt gestalten könnte. Dass dazu aber auch Veränderungen in den bestehenden Machtverhältnissen – ökonomischer, politischer, bewusstseinsmäßiger Art – notwendig sind, bleibt nicht verborgen. Im Offenlegen dieser Herausforderungen und Erwartungen an eine kritische Bevölkerung, liegt der didaktische Wert des Buches für entsprechende Veranstaltungen in der Erwachsenenbildung.
Im theoretischen Anspruch der Publikation erweitert – oder transformiert – sich eine Ansicht des Medienwissenschaftlers Marshall McLuhan. Er urteilte Mitte der 1960er-Jahre: „Das Medium ist die Botschaft.“
Clemens Pig personalisiert Nachrichten. Er betrachtet Menschen nicht nur als Konsument*innen von Nachrichten. Er mahnt und motiviert, er weckt und inspiriert (S. 178):
„Ich bin Nachricht. Wir alle sind Nachricht.“ //












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