Maike Luhmann: Einsamkeit. Warum sie uns alle betrifft.

Maike Luhmann: Einsamkeit. Warum sie uns alle betrifft.
Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2026, 335 Seiten.

Einsamkeit ist ein schmerzhaftes Gefühl. Einsamkeit tut weh. Alleinsein, die Abwesenheit anderer Menschen, kann man genießen. Maike Luhmann, Professorin für Psychologische Methodenlehre an der Ruhr-Universität Bochum, renommierte Forscherin zum Thema Einsamkeit, sorgt für klare Begriffe.

Einsamkeit hält die Professorin nicht für eine Krankheit, sondern für einen normalen Teil menschlicher Existenz. Krank machen kann Einsamkeit allerdings, wenn sie zu lange dem Menschen anhaftet. Sich einsam zu empfinden, soll als Warnruf verstanden werden, sich um die eigenen sozialen Bedürfnisse zu kümmern.

Wie Einsamkeit entsteht, beantwortet die Autorin (S. 93): „Einsamkeit entsteht, wenn unsere Bedürfnisse nach Nähe, Vertrauen und Zugehörigkeit nicht ausreichend erfüllt sind.“ Das ist eine subjektive Wahrnehmung, die von verschiedenen Gefühlen begleitet wird. Wegen des sozialen Kontexts ist die Qualität der Beziehungen wichtiger als ihre Anzahl. Einsamkeit wird deshalb auch als ein „sozialer Schmerz“ interpretiert.Menschen erweisen sich als „Mischwesen“, indem sie sowohl Zeit brauchen, um alleine zu sein, als auch Zeit, um mit anderen zusammen zu sein.

Wie komplex es ist, diese Gefühlswelt und den fließenden, subjektiv spürbaren Übergang in Einsamkeit zu benennen, kommt im Gedicht „Kleines Solo“ (1947),1 hier nur die Anfangsstrophe, von Erich Kästner (1899–1974) zum Ausdruck:

Einsam bist du sehr alleine.

Aus der Wanduhr tropft die Zeit.

Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.

Träumst von Liebe. Glaubst an keine. Kennst das Leben.

Weißt Bescheid. Einsam bist du sehr alleine –

und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Als Forschungsthema, schildert Maike Luhmann, hat sich Einsamkeit erst in den letzten eineinhalb Jahrzehnten etabliert. Durch einen interdisziplinären Ansatz wird die politische Dimension des Themas sichtbar – oder auch umgekehrt: durch das Interesse der Politik am übergreifenden Thema Einsamkeit, wurden interdisziplinäre Herangehensweisen notwendig, um praxisorientierte Antworten zu finden.

Sehr deutlich vermittelt die Autorin (S. 13): „Denn Einsamkeit ist kein rein privates Problem, sondern eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.“ Damit räumt sie mit dem Klischee „der einsamen alten Witwe“ auf. In Zusammenhang mit der übermäßigen Nutzung von Smartphones und „Social Media“ haben schon genug aktuelle Studien auf die zunehmende Vereinsamung in allen Lebensphasen hingewiesen. Diesbezüglich Bildungsangebote zu bieten, wird von der Erwachsenenbildung, speziell von Volkshochschulen, bereits als dringender gesellschaftlicher Bedarf erkannt.2

Ein Problem der Forschung ist es, Einsamkeit zu messen. Maike Luhmann, als Methodikerin, hält bislang standardisierte Fragebögen für das verlässlichste Mittel. Die Nutzungszeiten von Internet und Handy geben auch Auskunft, sind aber weniger aussagekräftig.

Unsicher ist es zu bestimmen, wann Einsamkeit als soziales Ereignis beginnt. Sehr deutlich war eine Zunahme in der Zeit der Pandemie in Deutschland festzustellen, aber das lässt sich nicht generalisierend auf andere Länder übertragen.

Für den „Schutz vor Einsamkeit“ wappnet uns die Autorin mit dem Bild der „Reisegruppe“. In dieser umgeben uns Eltern, Geschwister, Freund*innen, Kolleg*innen, Nachbarn. Mit ihren unterschiedlichen Rollen bewahren sie uns vor emotionaler (Intimität fehlt), sozialer (Freundschaften fehlen) oder kollektiver (Zugehörigkeit zu größerer Gemeinschaft fehlt) Einsamkeit.

Soweit die Forschungslage gesichert ist, gehören „romantische Partnerschaften“ zum wichtigsten Schutz vor Einsamkeit. Soziale Verbundenheit, meint die Autorin, können wir allerdings in unterschiedlichen Beziehungen und Lebenssituationen erfahren. Maike Luhmann urteilt (S. 93): „Wichtig ist nur, dass wir überhaupt eine Reisegruppe haben, die uns durch unser Leben begleitet.“

Unter der Bezeichnung „Hindernislauf“ erwähnt die Autorin Risikogruppen, z. B. ältere Menschen über Mitte siebzig, Menschen mit geringer Mobilität und/oder Verlust von Partner*in, gesundheitlich eingeschränkte Menschen sowie seit einiger Zeit auch Jugendliche und junge Erwachsene. Hilfe erschließt sich inzwischen auch durch Zugang per Internet.3

Angeregt wird, als Alternativen zu „einsamen Orten“ in bestimmten Wohnvierteln – z. B. Begegnungszonen, Parks, Grünanlagen oder Uferbereiche entsprechend baulich zu gestalten, damit Sozialkontakte erleichtert werden. Im „digitalen Zeitalter“ erleben wir gegenwärtig, wodurch Kontakte reduziert werden: Home Office, Smartphone, Roboter ersetzen viele bislang übliche Sozialformen. Umsichtig warnt die Autorin vor einer „Einsamkeitsspirale“, die dazu verführt, sich „Love Scammern“ (Liebesbetrügern) auszuliefern.

Maike Luhmann bestärkt zum Schluss nochmals ihr Anliegen. Einsamkeit ist keine private Angelegenheit. Ursachen haben gesamtgesellschaftliche Gründe und weitreichende Folgen. Deshalb sollten viele Institutionen und Personen Verantwortung übernehmen, um Schaden abzuwehren (S. 254): „Politik, Wirtschaft, Bildung, Gesundheitssystem, Wohlfahrtsverbände – und jeder und jede einzelne von uns.“

Das informative, didaktisch gut aufbereitete Buch ist sicherlich ein Beitrag dazu. Es unterstützt die Arbeit von Volkshochschulen, die mit ihrer allgemeinbildenden und am Gemeinwohl orientierten Zielsetzung wichtige soziale Aufgaben erfüllen. //

1   Siehe: https://www.deutschelyrik.de/kleines-solo.html

2   Siehe: https://magazin.vhs.or.at/magazin/2023-2/281-winter-202324/bildungsthemen/bildung-ohne-viel-aufwand-alternative-erwachsenenbildungs-aktivitaeten-fuer-einsame-oft-bildungsferne-buerger/ [20.9.2026].

3   Siehe: https://plattform-gegen-einsamkeit.at/%C3%BCber-uns [20.9.2026].

Lenz, Werner (2026): Maike Luhmann: Einsamkeit. Warum sie uns alle betrifft. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Herbst 2026, Heft 287/77. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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