Daniel Stähr: Die neuen Propheten. Wie Ökonomen unsere Zukunft verspielen.

Daniel Stähr: Die neuen Propheten. Wie Ökonomen unsere Zukunft verspielen.
Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2026, 332 Seiten.

Kritik an einzelnen ökonomischen Denkweisen ist nicht ausreichend. „Der Einfluss der Wirtschaftswissenschaften als Ganzes muss massiv reduziert werden.“ (S. 18). Denn: Die Erkenntnisse von Ökonomen*innen betreffen uns in allen Lebensbereichen.

Gegen ihre Dominanz und für Aufklärung im politischen Diskurs hat Daniel Stähr sein Buch verfasst. Die Metapher der Propheten verwendet er, wegen der zur Schau getragenen Allmacht und des Mangels an Selbstkritik vieler Wirtschaftswissenschafter*innen. Sie verkünden ihre Aussagen oft wie „gottgegebene Wahrheiten“ und als besten Weg in das „gelobte Land“. Nicht zuletzt findet Daniel Stähr irritierend, dass sich die Wirtschaftswissenschaften zu einer „sozialen Universalwissenschaft“ ernannt haben, die alle gesellschaftlichen Probleme beantworten könne.

Daniel Stähr, Absolvent ökonomischer Studien, Autor und Essayist in marktführenden Medien, hat sein Buch in drei Teile gegliedert: Teil 1 „Ideologien und Institutionen“, Teil 2 „Theorie und Praxis“, Teil 3 „Macht und Vorurteile“.

Der erste Teil gibt Auskunft über Entstehen und Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt in England vom 18. Jahrhundert bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Ab dann übernehmen Fakultäten an US-amerikanischen Elite-Universitäten die Vormachtstellung. Im Rahmen begrifflicher Klärungen verweist der Autor auf die Verbindung der wissenschaftlichen Ökonomie mit der wachsenden Dominanz des Neoliberalismus seit den 1960er Jahren. Die Diffusität dieses Begriffs erläutert der Autor in Anlehnung an Naomi Klein: seine Form wandelt sich, wie sich auch sein Name und seine Identität ständig ändern. Eindeutig ist er auf Konkurrenz ausgerichtet und hat in effizienter Leistung sein höchstes Ziel.

Daniel Stähr registriert durch den Neoliberalismus eine „Ökonomisierung des menschlichen Lebens“ – eine Maximierung des Humankapitals in Form von Selbstoptimierung. Menschen werden zum „Unternehmer ihrer selbst“ (Michel Foucault), sie werden zu ihren „eigenen Minikapitalisten“ (S. 60). Insgesamt bescheinigt Daniel Stähr dem Neoliberalismus in seinen Konsequenzen einen „zutiefst undemokratischen Kern“.

Durch die Konzentration ihrer wissenschaftlichen Machtposition auf wenige Fakultäten und wissenschaftliche Journale sowie auf geringe interdisziplinäre Kooperationen hätte sich die Ökonomie zu einer „insularen Wissenschaft“ gewandelt. Sie betrachte sich als teilnahmslose Beobachterin der Welt. Dadurch ist sich der gesamte Wissenschaftskomplex, bemängelt Daniel Stähr, seiner Verantwortung für den unmittelbaren Einfluss, wie die Welt funktioniert, zu wenig bewusst und verleugnet diesen sogar (S. 110).

Im zweiten Teil setzt sich der Autor mit Chancen und Problemen theoretischer und empirischer Wirtschaftsforschung auseinander. Ökonometrie verwertet statistische Methoden und Daten, um ökonomische Zusammenhänge zu verstehen. Dies hat eine Wende zu mehr angewandter Forschung gebracht. Es wird ein Einblick gegeben, welche Arbeitsweisen und Modellierungen wissenschaftlich angewendet und verwendet werden. Denn von diesen hängen die Problemlagen ab, die behandelt werden, sofern sie nämlich für das spezifische methodische Instrumentarium zugänglich sind. Treten vorausgesetzte Modelle anstelle der Realität, urteilt der Autor, können daraus sehr negative Folgen entstehen. Entsprechende Beispiele aus der Arbeits- und Denkweise von Ökonom*innen bietet der Autor unterhaltsam, lehrreich und auch ein wenig schockierend. Letzteres betrifft ökonomische Aussagen zur Pandemie, die sehr selbstüberschätzend vorgenommen wurden.

Daniel Stähr bekämpft nicht den Respekt vor der Wissenschaft, sondern will uns vor uneingeschränktem Vertrauen schützen.

In der Diskussion über Märkte und Preise findet sich ein für die Weiterbildung interessantes Beispiel. In Stockholm wurden im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts etwa 600 günstige Mietwohnungen in guter Lage mittels Lotterie vergeben. Die Begleituntersuchung zeigt: Die Bewohner*innen arbeiteten und verdienten in den ersten Jahren weniger. Faule Leute? Keineswegs! Aufgrund ihrer neuen finanziellen Sicherheit bezüglich des Wohnens investierten sie Zeit in ein Studium und waren motiviert sich weiterzubilden.

Auch eine stärkere sozioökonomische Durchmischung war ein Effekt der Wohnungsvergabe durch eine Lotterie. Für Daniel Stähr ein positives Beispiel, wie der Miet- und Wohnungsmarkt nicht allein durch Preise beeinflusst werden kann. Diese Überlegungen zum „Effizienzdiktat des Marktes“ oder „Markt in den Diensten des Gemeinwohls“ führen zum dritten Teil.

Teil 3 kritisiert eine gewisse „Blindheit“ der Wirtschaftswissenschaften für bestehende Machtstrukturen. Der Autor weist u. a. auf fehlende Geschlechtergerechtigkeit im Verhältnis weiblicher zu männlichen Wissenschaftern hin. Aber auch in der Forschung, in Aussagen zur Klimakrise, in Bezug auf die Gruppe der Frauen, speziell auf die von ihnen geleistete unbezahlte und unsichtbare Care-Arbeit, auf die Pflegekrise oder die zu geringe Berücksichtigung nicht weißer Klientel, registriert er mangelnde wissenschaftliche Analyse. Viele dieser Problembereiche sind von der Forschung ausgeschlossen.

Diese „Blindheit“ führt der Autor auf die fehlende wissenschaftliche Vielfalt und somit auf eingeschränkte Fragestellungen hin.

Daniel Stähr betont das Privileg der Wirtschaftswissenschaften, „mit ihren Argumenten überhaupt gehört und wahrgenommen zu werden“ (S. 290). Er fordert, die Wirtschaftswissenschaften sollten sich von der Dominanz ihrer Argumentation befreien und stärker mit anderen Gesellschaftswissenschaften kooperieren.

Er verlangt wissenschaftliche Vielfalt, die mit allen Sinnen die Herausforderungen der Gegenwart, wie z. B. Finanzkapitalismus oder Klimakatastrophe, wahrnimmt.

Daniel Stähr warnt mit seinem Buch vor einer monopolistischen Deutung der Welt. Er plädiert dafür, Vielfalt zu akzeptieren. Es ist keine Abwendung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und der Expertise ihrer Vertreter*innen, sondern er ruft auf, das vielstimmige Potenzial aller Sozialwissenschaften zu nutzen.

Für die Erwachsenenbildung bedeutet dies, wissenschaftliche Aussagen auch im Prozess ihrer Entstehung und in ihren komplexen Zusammenhängen zu diskutieren – und somit gezielt die kritischen Kompetenzen der Adressaten*innen zu fördern, zu pflegen und zu erweitern. Deshalb erscheint das Buch, in wissenschaftlichem Stil verfasst, nicht nur in den einschlägigen Fachbereichen, sondern auch für die Professionalisierung sehr attraktiv. //

Lenz, Werner (2026): Daniel Stähr: Die neuen Propheten. Wie Ökonomen unsere Zukunft verspielen. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Herbst 2026, Heft 287/77. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Zurück nach oben