Die Klimakrise ist eine soziale und politische Krise. „Wir müssen uns radikal verändern.“ (S. 14). Johannes Siegmund, politischer Theoretiker, engagierter Mitbürger, Lehrender in Universität und Erwachsenenbildung, schont Leserin und Leser nicht. Er macht klar, die Gewalt der Klimakrise erlaubt keine Neutralität. Er nennt zwei Pole des politischen Kampfes um das Klima: „Klimarassismus“ und „Klimasolidarität“. So betitelt er auch die beiden Hauptteile seines Essays.
Klimarassismus bringt der Autor mit „globaler Ungleichheit und globaler Gewalt“ und den „Verwüstungen des Kapitalismus“ in Zusammenhang. In einigen Fallvignetten geht er nicht nur klimatischen Katastrophen (New Orleans 2005, Mosambik 2012, Haiti 2017) nach – er zeigt auch die damit verbundene Benachteiligung der armen, schwarzen Bevölkerung.
Katastrophen treten zwar plötzlich ein, sind aber die Folge schon lange andauernder Desaster, konstatiert der Autor. Seit der europäischen kolonialen Landnahme und Versklavung ab dem 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart des Neokolonialismus besteht die Bedrohung des „globalen Südens“.
Die Klimakrise, belegt Siegmund (S. 55), „[…] wurde auch nicht von der einen Menschheit, sondern von tendenziell reichen, weißen Menschen im globalen Norden ausgelöst“. Für den Forscher steht fest: Die rassistische Geschichte des Kapitalismus lässt durch die Klimakrise einen neuen Schub von Rassismus befürchten, der sich in Schließung von Grenzen, Verteidigung von Besitz und Wohlstand oder Verwandlung von Ländern in Todeszonen manifestiert. Die koloniale Gewalt schreibt sich fort. Um Klimarassismus – als Ideologie zum Ökofaschismus gesteigert – „wirksam zu bekämpfen“, sind der westliche Lebenswandel sowie die nationalen und globalen Machtverhältnisse zu verändern.
Hoffnung sieht der Autor in der Klimasolidarität. Dies erläutert er im zweiten Teil, wobei er optimistisch davon ausgeht (S. 64): „Eine gerechte und solidarische Welt ist bereits im Entstehen.“ Und zwar überall, wo schon jetzt in der Klimakrise solidarisch gehandelt wird. Siegmund plädiert für „radikale Solidarität“ in der Klimakrise, die sich als „zärtliche Streitbarkeit“ äußert. Er propagiert ein soziales und politisches Menschenbild, das sich in Notsituationen durch gemeinsames Handeln, voneinander lernen, miteinander sprechen und einander zuhören auszeichnet – er hofft auf Menschen, die einander vertrauen und Teil einer Gemeinschaft sein wollen. Gemeinsames Erleben von Sinnhaftigkeit stärkt „radikale Solidarität“.
Diese „Klimasolidarität“ von diversen Aktivisten*innen, Gruppen und Strategien ist die soziale und politische Basis, „für den Kampf gegen den fossilen und rassistischen Kapitalismus“ (S. 78). Siegmund weist darauf hin, dass Klimasolidarität sich auch der bestehenden strukturellen Gewalt stellen muss: wie selbstverständlich wir Ressourcen verbrauchen, Rohstoffe und Produkte aus der ganzen Welt konsumieren, uns durch Grenzen und Zäune abschotten.
Das zeigt, wir sind Teil des strukturellen Problems – durch unsere Privilegien sind wir in die Klimakrise verwoben. Erst wenn wir das anerkennen, wenn wir uns unserer „Klimaschuld“ stellen, kann solidarische Haltung entstehen.
Im abschließenden Kapitel, „Plädoyer für eine Zukunft für alle“ erinnert Siegmund, dass in den meisten historischen Widerstandsbewegungen bereits ökologische – Kampf gegen Landraub, um Arbeitsplätze, gegen Versklavung, gegen Enteignung und vieles andere mehr – Dimensionen inhärent waren. Klimasolidarität hat schon sicheres Fundament. Wo sie zurzeit gelebt wird, schafft sie Zukunft.
Der Autor ermutigt, zärtlich und streitbar zu sein, bereit zu (ver)lernen, zuzuhören und die eigenen Privilegien zu reflektieren. Er meint, es liegt an uns, ob sich Rassismus oder Solidarität durchsetzen.
Johannes Siegmund legt eine engagierte Streitschrift vor, die bewusst machen will: Sollen positive Veränderungen für das Klima erreicht werden, ist Kampf und Solidarität gegen bestehende strukturelle Gewaltverhältnisse notwendig. Die verwendete Kampfrhetorik soll nicht abschrecken – denn auch mit Bildung und Lernen kann man sich zu neuen Erkenntnissen, kritischem Bewusstsein und solidarischem Handeln „durchkämpfen“.
Der Essay ist ein gewichtiger Beitrag zur politischen Bildung, der die Welt mit ihren Lebensbedingungen realistisch beschreibt, sowie Wege in eine hoffnungsvolle Zukunft aufzeigt. //












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