Volksbildung als Beruf
Zu den Anfängen der Verberuflichung von Volksbildung in der ausgehenden Habsburgermonarchie und am Beginn der Ersten Republik

Organisatorisch-disponierend und pädagogisch-vermittelnd

Unter Volksbildnern beziehungsweise Erwachsenenbildnern kann man prinzipiell zwei Gruppen von Menschen unterscheiden: jene, die bei der ideellen und materiellen Gründung sowie laufenden administrativen Organisation einer Volksbildungseinrichtung tätig und für die Entwicklung und organisatorische Umsetzung des Bildungsangebots zuständig sind, und jene, ungleich größere Gruppe der Lehrenden – seien es nun Vortragende, Fachgruppen-, Arbeitsgemeinschafts-, Kurs- oder Seminarleiter. Beide Gruppen stehen in einer interdependenten, symbiotischen Beziehung: Die erste Gruppe von Volks- beziehungsweise Erwachsenenbildnern schafft die materiellen und organisatorischen Voraussetzungen für die Tätigkeit der zweiten Gruppe. Natürlich gab und gibt es auch den „Mischtypus“, also jenen, der sowohl organisatorisch-disponierende als auch pädagogisch-vermittelnde Aufgaben in einer Person vereint. Seit der Formationsphase der organisierten Volksbildung mit der Entstehung von bürgerlich-liberalen Volksbildungsvereinen ab den 1870er-Jahren stellt jedenfalls das Zusammenwirken dieser beiden Gruppen die essenzielle Grundlage für eine gedeihliche, und mit zunehmender Komplexität der Gesellschaft sowie gestiegenen bildungspolitischen Herausforderungen sich ausdifferenzierende Bildungsarbeit dar.

Spricht man von „Volksbildung als Beruf“, so meint man ein relativ klar von anderen Berufen abzugrenzendes Berufsfeld, dessen Zugang durch eine mehr oder weniger klar geregelte Berufsausbildung beziehungsweise durch spezifische Qualifikationsanforderungen geregelt ist, das über eine Definition des Aufgaben- und Tätigkeitsprofils, über Besoldungskriterien sowie ein mehr oder weniger klares Selbst- und Außenbild verfügt, wodurch die Grundlage zur Ausbildung eines eigenen Berufs- oder Standesethos sowie einer eigenen Berufsvertretung – ja mitunter sogar einer eigenen „Lobby“ – gegeben ist.

In diesem Sinne eines hauptamtlichen oder teilzeitbeschäftigten, selbstständigen oder lohnabhängigen, pädagogisch oder administrativ tätigen Erwachsenenbildners ist der Prozess der Verberuflichung im weiten Feld der Erwachsenenbildung ein relativ junges Phänomen. Im deutschsprachigen Raum ist er ein Produkt der Bildungsreform und Bildungsexpansion der 1960er- und 1970er-Jahre.

Beruf(ung) Volksbildung

Vereinzelt, und in Ansätzen, gab es den Beruf des Volks- und Erwachsenenbildners freilich auch schon davor. Doch begriffen frühe Volksbildner ihre Tätigkeit primär als eine für „das Volk“ – womit oft die unteren, bildungsfernen Schichten und Klassen gemeint waren – und nicht als eine personenbezogene Dienstleistung. Diese „innere Berufung“, ja „Mission“, für das geistige (und in weiterer Folge natürlich auch materielle) Wohl „des Volkes“ einen Beitrag leisten zu wollen, war der zentrale Bezugspunkt und nicht die Ausbildung eines eigenen Berufsstands.1 Der ursprüngliche volksbildnerische „Berufsethos“ bestand darin, dass die Darbietung (Popularisierung) wissenschaftlich gesicherten Wissens aus allen Gebieten der Natur, der Kultur aber auch der Kunst den Menschen helfen würde, sich selbst und die Welt besser zu verstehen und somit denkfähiger und rationaler zu machen. Dieses, von Anfang an idealistisch-überhöhte, der Aufklärung und dem neuhumanistischen Bildungsideal verpflichtete Selbstverständnis des Volksbildners sowie das von Anfang an geltende Prinzip der Freiwilligkeit in der Volksbildung – was sowohl die freiwillige Teilnahme der Lernenden als auch jene der Lehrenden umfasste – erwiesen sich, neben finanziellen Gründen, für viele Jahrzehnte als Hemmschuh für einen Prozess der Verberuflichung.

Aus welchen Berufen rekrutierten sich nun die frühen, zumeist ehrenamtlich tätigen Volksbildner der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts? An erster Stelle stand hier natürlich der „prädestinierende“ Beruf des Pädagogen, sei es nur der Volks-, Mittel- oder Hochschullehrer; des Weiteren waren es Wissenschafter, Ärzte, Juristen, Techniker und – insbesondere auf dem Land – Priester, die ihre volksbildnerische Arbeit als Vortragende außerhalb ihrer Arbeitszeit, insbesondere an den Sonntagen, ausübten. Primär waren es Männer, denn einerseits bedurfte es für die Initiierung von volksbildnerischen Aktivitäten und Einrichtungen ein öffentlich-politisches Auftreten, das Frauen in dieser Zeit weitgehend versagt war, andererseits fiel in das „Anforderungsprofil“ eines zunächst primär im Vortragswesen tätigen Volksbildners neben der umfassenden fachlichen Kenntnis des zu vermittelnden Wissensstoffes auch die Notwendigkeit eines rhetorischen Talents samt kraftvoller Stimme sowie aufgrund der teilweise notwendigen Reisetätigkeit auch ein körperlich robustes „Naturell“.

Wanderlehrer und Dozenten

Entgegen der Stabilitas loci der heutigen Erwachsenenbildner in Volkshochschulen, Gewerbe- und Berufsförderungsinstituten, Arbeiterkammern und Gewerkschaftsschulen, kirchlichen Bildungsheimen, Pfarr-, Arbeiter- und Volksbüchereien, aber auch in der Landes- beziehungsweise ministeriellen Verwaltung gab es in der ausgehenden Habsburgermonarchie sowie in der Ersten Republik die ländlichen – primär landwirtschaftlichen – Wanderlehrer und Wanderlehrerinnen, die während der Monarchie vom k.k. Ackerbauministerium, danach von den Landes-Landwirtschaftskammern in den Bundesländern besoldet wurden. Andere, der Volksbildung zur Verfügung stehende Wanderlehrer waren durch den zuständigen Landesschulrat vom Schuldienst beurlaubte Lehrer. Als quasi „Urania en miniature“ veranstalteten diese Lichtbildervorträge und reisten, teils über Jahrzehnte hinweg, von Ort zu Ort und von Land zu Land, um der geneigten, wenngleich oft nicht entsprechend vorgebildeten Bevölkerung in populärer, „volkstümlicher“ und teils auch unterhaltender Weise naturwissenschaftliche, hygienische, rechtliche aber auch landeskundliche und historische Themen näher zu bringen.2

Anders waren die Verhältnisse in der Großstadt, insbesondere in der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien wo sich dank der durchwegs ehrenamtlich tätigen „Gründungsväter“ der erst später so genannten Volkshochschulen wie Ludo Moritz Hartmann, Anton Menger, Adolf Stöhr, Emil Reich, Eduard Leisching und Ludwig Koessler seit den 1880er-Jahren die „Wiener Richtung“ der wissenschaftszentrierten Volksbildung mit ihren vier Säulen ausbildete: der Wiener Volksbildungsverein (die spätere Volkshochschule Margareten – polycollege), die volkstümlichen Universitätsvorträge der Universität Wien, als eine Einrichtung der universitären Volksbildung im Geiste der University Extension, das „Volksheim“ (die spätere Volkshochschule Ottakring) und das Volksbildungshaus Urania. In der Hauptstadt eines 50-Millionen-Reiches war jedenfalls ausreichend akademisch-wissenschaftlich geschultes Personal für eine nebenberufliche und ehrenamtlich ausgeübte Vortrags- und später auch Kurstätigkeit vorhanden, noch dazu wo vielen eine universitäre Karriere verwehrt blieb.

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs wurden die Vorträge der Dozenten, wie man die Lehrenden am Volksheim und im Wiener Volksbildungsverein in Anlehnung an universitäre Gepflogenheiten nannte, noch gänzlich ohne Honorar oder Aufwandsentschädigung abgehalten. Erst im Kursjahr 1919/20 wurden sie, nicht zuletzt aufgrund der verheerenden ökonomischen Nachkriegssituation, zwecks Gewährung eines bescheidenen Honorars vorstellig. Da die beiden Volkshochschulen völlig außerstande waren, die nötigen hohen Summen aufzubringen, konnte zumindest vom Staatsamt für Unterricht und der Stadt Wien für das Sommersemester 1920 eine finanzielle Hilfe, welche wenigstens die Straßenbahnauslagen deckte, gewährt werden. Die Dozenten versprachen, in Zukunft unter allen Umständen weiter zu unterrichten, auch wenn es sich um eine einmalige Hilfe erweisen sollte, da weitere Aufwandsentschädigungen völlig unsicher waren.3

Etwas besser stelle sich die Situation bei den Vorträgen und Kursreihen der volkstümlichen Universitätsvorträge dar, die in Wien seit 1895 ausschließlich von Universitätsprofessoren, Universitätsdozenten und Universitätsassistenten abgehalten wurden. Dank der Subventionen seitens des k.k. Ministeriums für Kultus und Unterricht, mit denen im allgemeinen 50 Prozent des Aufwands abgedeckt werden konnte, war es möglich, den Vortragenden ein Honorar von 30 Kronen pro Kursabend auszubezahlen. Demnach erhielt ein Vortragender für einen Kurs, der stets sechs Abende umfasse, ein Honorar von 180 Kronen, was etwas höher war als das monatliche Anfangsgehalt eines Gymnasiallehrers – also insbesondere für den universitären Mittelbau eine nicht unbeträchtliche Einnahmequelle darstellte.4

Volksprofessoren

Für den Aufbau und die Sicherung eines breiten, universitär gestützten Volksbildungssystems war dies freilich ungenügend. So forderte Ludo Moritz Hartmann bereits 1908 – vergeblich – nach vom Staat bezahlten Volkshochschullehrern, nach „Volksprofessoren“: „In der Überzeugung, daß das gesamte Volkshochschulwesen nicht eine private Liebhaberei ist, sondern einem unleugbaren Bedürfnis entspringt, daß weiter auch die ausgedehnteste Gebefreudigkeit einmal erlahmen muß, wird der Staat zu der Überzeugung gebracht werden müssen, daß er für Anstellung ordentlich bezahlter Volksprofessoren zu sorgen hat. Erst dann, wenn die Vollendung dieser Aufgabe der Volkshochschulbildung durchgeführt ist, wird man sagen können, daß die Arbeit, welche aufgewendet wurde, zu einem guten Ende gebracht wurde.“5

1921 sprach sich Ludo Moritz Hartmann – abermals vergeblich – für staatlich bezahlte Volkshochschullehrer aus, da die Volkshochschulen nicht mit den Volks- und Mittelschulen oder auch mit den Hochschulen konkurrieren könnten, wenn den Volkshochschullehrern nicht ein Hauptberuf geboten werden könne. Solche Volksprofessoren sollten in ihrem Gehalt etwa jenem der Mittelschullehrer gleichgestellt sein. Da dies ein privater Verein, welcher stets die organisationsrechtliche Grundlage einer Volkshochschule war, nicht leisten konnte, hätte der Staat eine gewisse Anzahl von Lehrern und Lehrerinnen zu systematisieren. Die Volksprofessoren im Hauptberuf hätten eine größere Lehrverpflichtung auf sich zu nehmen. Zugleich sollte es aber weiterhin Volkshochschullehrer im Nebenberuf geben. Denn gerade dadurch würden die fachlich besten Männer und Frauen als Lehrende an die Volkshochschulen kommen, denn sie würden sich der wissenschaftlichen Forschung, die sie im Nebenberuf weiter betreiben können, weniger entfremden, als an der Mittelschule, da sie sich nur an den Nachmittagen und Abenden der Volkshochschularbeit widmen würden: „Natürlich müßte die Auswahl von der Volkshochschule selbst getroffen, dem Staate oder der Stadt nur ein Bestätigungsrecht gewahrt werden.“ Denn die Volkshochschule beanspruchte für sich die Autonomie und Lehrfreiheit, so wie sie an der Universität gegeben war, und sie werde darauf nimmermehr verzichten, so Hartmann.6

Leitsätze zur Heranbildung von Volksbildnern

Am 1. und 2. November 1918 – also in den allerletzten Tagen der Monarchie – wurde seitens der universitären Volksbildung eine Volksbildungstagung an der Universität Wien abgehalten, auf der folgende – Papier gebliebene – Leitsätze zur Heranbildung von Volksbildnern verabschiedet wurden: Als Volksbildner würden keineswegs ausschließlich akademisch gebildete Kräfte in Betracht kommen, sondern Persönlichkeiten all jener Berufe, die im öffentlichen Leben stehen und die Fähigkeiten besitzen, gemeinverständlich und dabei streng sachlich vor einem größeren Auditorium zu sprechen – in erster Linie also Lehrer aller Kategorien. Die Vorbereitung zur Volksbildungsarbeit sollte eine fachliche und eine pädagogisch-methodische sein. Die fachliche Ausbildung hätte aufgrund des Berufsstudiums zu erfolgen, die methodisch-pädagogische Ausbildung sollte in Kursen von acht bis zehn Wochen Umfang an den Universitäten erworben zu werden. Neben dem Besuch von theoretischen Vorlesungen über die Entwicklung des Volksbildungswesens in den verschiedenen Kulturländern sowie über soziale Wissenschaften müsste ein Hauptgewicht auf den Besuch von Volksbildungseinrichtungen und Übungen in der Herstellung und im Gebrauch von Demonstrationsmaterial liegen. Die Leitung der methodisch-pädagogischen Ausbildung wäre von bereits an den Universität wirkenden Kräften durch Lehraufträge zu erfüllen. Hervorragenden jungen Leuten sollten staatliche Stipendien die Teilnahme an den Ausbildungskursen ermöglicht werden.7

„Pragmatische“ Volksbildner

Das Ende der Monarchie und die Ausrufung der Republik Deutschösterreich am 12. November 1918 führte in vielen gesellschaftlichen Bereichen und Politikfeldern zu einer Aufbruchsstimmung – so auch in der Volksbildung. Aus den Wahlen zur konstituierenden Nationalversammlung im Februar 1919 gingen die Sozialdemokraten als stärkste Partei hervor. Gemeinsam mit den Christlichsozialen bildeten sie eine Koalitionsregierung unter Regierungschef Staatskanzler Karl Renner. Dieser ernannte im März 1919 den sozialdemokratischen Lehrer und Schulreformer Otto Glöckel zum Unterstaatssekretär für Unterricht im Staatsamt für Inneres und Unterricht. Am 30. Juli 1919 erließ dieser ein „Regulativ für die Organisation des Volksbildungswesens in Deutschösterreich“, mit dem das Unterrichtsamt die „oberste Leitung und Beaufsichtigung“ des gesamten Volksbildungswesens in Deutschösterreich beanspruchte. Auf Basis dieses, rechtlich durchaus umstrittenen „Regulativs“ wurde ein, bereits zuvor von Teilen der freien Volksbildung gefordertes Volksbildungsamt als eigene Abteilung im Unterrichtsministerium begründet, dem bundesstaatliche Volksbildungsreferenten in allen Bundesländern außer in Vorarlberg und Wien als nachgeordnete Dienststellen beigegeben wurden. Mit diesem, sehr klein gehaltenen Stab an ministeriellen Beamten, „pragmatischen Angestellten“ in den Bundesländern sowie Vertragsangestellten als Kanzleipersonal waren die ersten hauptamtlichen Volksbildner und Volksbildnerinnen der organisatorisch-disponierenden Gruppe geschaffen worden, wobei die meisten der bundesstaatlichen Volksbildungsreferenten dienstfrei gestellte, beziehungsweise ehemalige Mittelschullehrer respektive Schulinspektoren waren.

Darüber hinaus ermöglichte das Unterrichtsministerium auf der Ebene der Volksbildungseinrichtungen durch die Zuweisung eines Bundesbediensteten die eine oder andere hauptamtlich bezahlte Volksbildnerstelle. Auf diese Weise konnten an der Volkshochschule „Volksheim“ Ottakring ein organisatorisch-disponierender (der Staatsbibliothekar Richard Czwiklitzer) und ein pädagogisch-vermittelnder (der Mittelschullehrer Edgar Zilsel) Mitarbeiter als quasi „lebende Subvention“ für die Einrichtung tätig sein. Eine Ausnahme von der Regel einer sehr spärlich ausgestatteten, und darüber hinaus oft auch ehrenamtlich tätigen Personalstruktur einer Volkshochschule in der Zwischenkriegszeit stellte die Urania Wien dar, die neben einem, ebenfalls vom Bundesministerium für Unterricht dienstzugeteilten Mittelschullehrer (Adolf Hübl als Leiter der Filmabteilung) Mitte der 1920er-Jahre über 91 voll- und 36 nebenberuflich Angestellte verfügte.8

Eine wichtige Aufgabe des neu geschaffenen Volksbildungsamts war neben vielen anderen auch die Förderung der Ausbildung und Rekrutierung von Volksbildnern: „Alljährlich soll eine Reihe von Volksbildnerkursen stattfinden, in denen methodologische, wie praktische Einführungen in das Wesen und die Wirkungsmöglichkeiten der Volksbildungsarbeit und auch kurze Einleitungen in Wissensgebiete, die im Dienste der Volksbildungsarbeit leicht praktisch verwertbar sind, geboten werden. Solche Volksbildnerkurse sollen künftig nicht nur in Wien, sondern womöglich auch in Graz und Innsbruck stattfinden; auch werden als Teilnehmer nicht nur Lehrpersonen aller Schulgattungen, sondern auch sonstige geistig Tätige: Ärzte, Techniker, Juristen, Forstbeamten usf., die die Eignung zu volksbildnerischer Tätigkeit besitzen und denen sich Gelegenheit zur Betätigung auf dem Gebiete der Volksbildung bietet, zugelassen werden. Schließlich soll aber auch schon die heranwachsende Generation für den Volksbildungsgedanken gewonnen werden; es dürften daher auch Volksbildnerkurse für Lehramtskandidaten und Hochschüler veranstaltet werden. So soll unseren deutschen Alpenlanden allmählich ein ganzer Stock von fähigen Volksbildnern erwachsen, die als Apostel der großen Idee in alle Teile unseres Staates hinausziehen und sich der edlen Aufgabe einer geistigen und sittlichen Höherbildung unserer Bevölkerung mit zuverläßlicher Sachkunde und mit nimmermüdem Eifer widmen werden.“9 Die hier bereits anklingenden, ebenfalls nicht niedrig gesteckten Erwartungshaltungen an die volksbildnerische Tätigkeit fanden in der weiteren Diskussion ihre Fortsetzung, ja Steigerung.

Auswahl der „Geeigneten“

Unter dem geistesgeschichtlich-ideellen Einfluss der nach dem Ersten Weltkrieg aus Deutschland kommenden „Neuen Richtung“ auch auf die pädagogisch-praktische Volksbildungsarbeit in Österreich wurde auf der Volksbildungstagung vom 25. bis 30. September 1921 in Braunau am Inn auch über die Auswahl und Ausbildung von Volksbildnern diskutiert: Man war der Meinung, dass der Volksbildner nicht eigentlich erzogen, sondern durch äußere Ereignisse an die Volksbildung herangebracht werden könne, wobei man sich bemühen müsse, die „Geeigneten herauszufiltern“. Die „neuen“ Volksbildner der „Neuen Richtung“ müssten sich gewissermaßen aus sich selbst entwickeln. Man sollte sie nicht nach ihren formalen Bildungsabschlüssen beurteilen, vor allem sollten sie „lebendig Wirken“. Wichtige Mittel der Ausbildung wären die Aussprache und die gemeinschaftliche Denkarbeit unter Fachleuten verschiedenster Richtungen im Rahmen von Arbeitsgemeinschaften. Der deutsche Volksbibliothekar der „Neuen Richtung“, Walter Hofmann, meinte, dass die Universität nicht die „geeignete Pflanzstätte“ zur Ausbildung von Volksbildnern wäre. Denn für ihn waren Einfachheit und Anspruchslosigkeit die wichtigsten Eigenschaften des Volksbildners. Der Volksbildner müsse zuhören können, auch wenn der „Mann aus dem Volk“ etwas sage, was nicht richtig wäre. Vor allem benötige der Volksbildner Güte und Hilfsbereitschaft. Dabei wurde auch auf die Ideale der Wandervogelbewegung verwiesen, wo die Herausbildung von Führernaturen eine wichtige Rolle spiele, die mit sich selbst um den sittlichen Halt rangen. Andere wieder meinten, dass der „neue Volksbildnerschlag“ nicht Führer, sondern Mitarbeiter brauche.10

Jedenfalls, so der bundesstaatliche Volksbildungsreferent für Tirol, Josef Dinkhauser, stelle der Beruf des Volksbildners hohe Anforderungen: „Der Volksbildner muß nicht nur eine gediegene wissenschaftliche Ausbildung empfangen haben, es muß ihm auch die Gabe eigen sein, Wissen nicht nur als toten Stoff, sondern als eine lebendige Wahrheit zu vermitteln.“11

Unter Voraussetzung eines wissenschaftlich einwandfreien, sachlichen Wissensbesitzes müssten bei einem geeigneten Volksbildner die geistigen und seelischen Kräfte besonders entwickelt sein, um gedeihliche volksbildnerische Arbeit entwickeln zu können, so der zunächst als Ministerialkonzipist und später als Ministerialvizesekretär tätige Referent im Volksbildungsamt, Heinz Kindermann: „Zunächst fordern wir vom Volksbildner, daß er mehr sei als bloßer Vermittler von Wissensresultaten, daß er es vermöge, jedes von ihm darzustellende Wissensgebiet in wechselseitiger Erhellung von Wissens- und Lebenserfahrung gemeinsam mit seinen Hörern bis zu seinen endgültigen ethischen Wirkungserscheinungen, bis zu seinen rein menschlichen Grundlagen zurückzuverfolgen; ferner fordern wir, daß er diese letzten ethischen und rein menschlichen Werte derart an das allgemein menschliche Empfinden seiner Hörer assimiliere, daß dadurch [] jeder den Weg zu seiner eigenen und eigenartigen Stellung zum Ganzen der Volkskultur finde.“12

Für Kindermann müsste also der intensiven intellektuellen Fähigkeit eines Volksbildners eine ebenso starke „Beseelungsfähigkeit“ gegenüberstehen. Der ideale Volksbildner habe soziales Pflichtgefühl, altruistische Volksliebe und Lebensmut und strebe fortwährend nach einer ethisch wertvollen Lebensgestaltung im Dienste des Volks. Die Erwartungen und Anforderungen an die Volksbildner und Volksbildnerinnen waren somit hochgesteckt, idealistisch, ja unrealistisch. Und angesichts der selbst gegebenen Aufgabe, einen Beitrag „zur geistigen, seelischen und sittlichen Erneuerung des deutschen Volkes“ zu leisten, stellte sich die Frage, wer dafür als würdig zu erachten sei. In der praktischen Ausbildungsarbeit habe man dafür zwei Wege einzuschlagen: erstens jenen der Auswahlberatung zur unmittelbaren Gewinnung von Volksbildnern, und zweitens jenen der Schaffung von Institutionen, die eine Ausbildung zum Volksbildner zum Ziel haben, so Kindermann. 13

Volksbildnerkurse

Bereits seit 1919 bestand an der Wiener Lehrerakademie – einer Fortbildungsschule mit akademischem Charakter für Lehrer und Lehrerinnen – ein Lehrauftrag für das gesamte Gebiet der Volksbildung und Volkshochschulbewegung, welcher dem Professor an der Technischen Hochschule in Wien sowie Direktor der Urania Wien, Franz Strunz, übertragen war.14 Unter seiner Teilnahme veranstaltete der Ausschuss für volkstümliche Universitätsvorträge an der Universität Wien im Auftrage des Staatsamtes für Unterricht vom 22. September bis zum 4. Oktober 1919 den ersten deutschösterreichischen Volksbilderkurs.15 Die Freie Vereinigung für technische Volksbildung hielt im April und Mai 1920 ebenfalls im Einvernehmen mit dem Volksbildungsamt Volksbildnerkurse speziell für Techniker ab.16

Seitens der Abteilung Volksbildung im Unterrichtsministerium schritt man ab Anfang der 1920er Jahre daran, auch in den Bundesländern Volksbildnerkurse zu veranstalten. Unter Bedachtnahme auf die damals viel stärker ausgeprägten Unterschiede zwischen Stadtkultur und Landkultur sollten diese der Rekrutierung und Ausbildung eines Grundstocks von Volksbildnern dienten.

So fand zwischen 10. und 13. Juni 1922 ein Kurs für ländliche Volksbildner aus Niederösterreich statt, in dem über „das Wesen“ des deutschösterreichischen Bauern und seine Kulturwelt, über Heimat- und Naturschutz in der Volksbildungsarbeit, über ländliche Wohlfahrts- und Heimatpflege sowie über die Pflege des Gemeinschaftslebens auf dem Dorfe referiert wurde.17 Zwischen 19. und 22. Juni 1922 fand dann in Wien ein Kurs für Volksbildner aus den Industrieorten Niederösterreichs statt, auf der Ludo Moritz Hartmann über die Volksbildung und die Entwicklung der Arbeiterschaft sprach. Weitere Referate behandelten das Berufsleben und die Bildungsbedürfnisse des Arbeiters, den Heimat- und Naturschutz in den Industrieorten aber auch das Thema „Natur und Industriearbeiter“.18

Um die „seelisch Begabten“ in der Lehrerschaft der Volks-, Bürger- und Mittelschulen in die Aufgaben der Volksbildung einzuführen, fanden ab dem Sommer 1920 Volksbildnerkurse an den Universitäten Innsbruck (für die Bundesländer Tirol und Vorarlberg) und Graz (für die Bundesländer Steiermark und Kärnten) statt, wo die lokale Professorenschaft Vorträge hielt, die ganz im Zeichen der „Heimatbildung“ der „Neuen Richtung“ standen, bei welcher als Ausgangspunkt jedweder Volksbildung die Heimatkenntnis, Heimatkunde und Heimatpflege angesehen wurde.19

Darüber hinaus wurden vom Volksbildungsamt Volksbildnerkurse für die Zöglinge der obersten Jahrgänge der staatlichen Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanstalten veranstaltet.20

Idealtypische Vorgangsweise „intensiver“ Volksbildungsarbeit

Seitens des Volksbildungsamts und somit der staatlichen Volksbildungspolitik stellte man sich die Auswahl der „seelisch Begabten“ beziehungsweise der „geistig und gefühlsmäßig Empfänglichen“ aller Schichten der Bevölkerung für die schwierige Aufgabe der Volksbildung etwa folgendermaßen dar:

Man beginne mit der Veranstaltung eines volkstümlich-wissenschaftlichen Vortrags; etwa einem zu Leben und Werk von Peter Rosegger – bei dem sich im Sinne der geforderten „Volkstümlichkeit“ und „Lebensnähe“ mannigfache Anknüpfungspunkte für die Zuhörerschaft ergäben. Am Ende des Vortrags mache man klar, dass es noch viel zur Einbettung in die geistesgeschichtlichen Zusammenhänge zu erfahren gäbe: Die dafür Interessierten sollten sich melden. Mit diesen „Empfänglichen“ sollte nun eine „Arbeitsgemeinschaft“ von maximal 25 Personen gebildet werden. In einer an die Universitätsseminare gemahnenden Methode sollten dann in gemeinsamen Arbeit von Lehrer und Hörern die Wissensresultate gemeinsam erarbeitet werden: „Denn nur diese Arbeitsweise gibt jedem einzelnen Teilnehmer Gelegenheit, selbständig in die Materie einzudringen und die längst von anderen gefundenen Wissensresultate mit neuer Entdeckerfreude nachzuerleben.“ So lerne man eine geistige Diskussion, die man später selbständig mit sich selbst zu führen im Stande wäre. So gelange man zu einer kritischen Unabhängigkeit, die für die Festigung des Charakters und der Persönlichkeit unerlässlich wäre. Und nur so habe der Volksbildner Gelegenheit, die Persönlichkeit eines Teilnehmers einer Arbeitsgemeinschaft zu erfassen und seine Willensstärke, Urteilsklarheit und persönliche sowie sachliche Feinfühligkeit zu fördern, welche als unentbehrliche Voraussetzung jeglicher Lebenskultur angesehen wurde.21 //

1  Nittel, Dieter (2000): Von der Mission zur Profession? Stand und Perspektiven der Verberuflichung in der Erwachsenenbildung. (Theorie und Praxis der Erwachsenenbildung). Bielefeld: Bertelsmann, S. 87.

2  Zum Wanderlehrer Georg Müller: F. Steinbach, Eine „Urania“ im Kleinen. In: Neues Wiener Tagblatt, Sonntag, 22. September 1895. In: Österreichisches Staatsarchiv (ÖStA), Allgemeines Verwaltungsarchiv (AVA), Unterricht allgemein (1848–1940), Volksbildung 1933, 2D2, Ktn. 438, GZl. 36047/33: Schreiben des Wissenschaftlich-humanitären Vereins „Kosmos“ vom 1. Dezember 1933.

3  Die Tätigkeit des Wiener Volksbildungsvereines im Vereinsjahr 1919/20 (1921). In: Volksbildung. Monatsschrift für die Förderung des Volksbildungswesens in Österreich, 2 (10–11), 341.

4  Altenhuber, Hans (1995): Universitäre Volksbildung in Österreich 1895–1937. (Zur Geschichte der Erwachsenenbildung, Bd. 1). Wien: ÖBV, S. 45, S. 80 f.

5  Hartmann, Ludo M. (1908): Volksprofessuren. In: Bericht über die Verhandlungen des III. Deutschen Volkshochschultages am 27. April 1908 in Dresden in der Technischen Hochschule. Veranstaltet vom Verbande für volkstümliche Kurse von Hochschullehrern des deutschen Reiches und vom Ausschusse für volkstümliche Universitätsvorträge an der Wiener Universität. Leipzig: Eigenverlag, S. 70. Siehe auch: http://www.adulteducation.at/de/literatur/textarchiv/603/ [4.2.2016].

6  Hartmann, Ludo M.: Volkshochschulen und Volksprofessuren. In: Arbeiter-Zeitung, 30. Dezember 1921. In: Österreichisches Volkshochschularchiv, Bestand Urania Wien, Box „Allgemeine Volksbildungsangelegenheiten“, Mappe 2.

7  Über die Heranbildung von Volksbildnern. Vortrag, gehalten auf dem Volksbildungstag zu Wien am 1. November 1918 von Professor Dr. Ed[uard] Brückner, Obmann des Ausschusses für volkstümliche Universitätsvorträge an der Universität Wien. 2. Teil (1919). In: Volksbildung. Monatsschrift für die Förderung des Volksbildungswesens in Deutschösterreich, 1 (2), 56–60.

8  Dostal, Thomas (2013): „Die Krisis ist die Chance der Erwachsenenbildung …“ Die Wiener Volksbildung in der Weltwirtschaftskrise 1929. In: Spurensuche. Zeitschrift für Geschichte der Erwachsenenbildung und Wissenschaftspopularisierung, 22 (1–4), 158.

9  Erläuterungen zum Regulativ für die Organisation des Volksbildungswesens in Deutschösterreich (1919). In: Volksbildung. Monatsschrift für die Förderung des Volksbildungswesens in Deutschösterreich, 1 (1), 13 .

10  Braunauer Volksbildungstagung. Teil III (1921). In: Volksbildung. Monatsschrift für die Förderung des Volksbildungswesens in Österreich, 2,117 f.

11  Dinkhauser, Josef (1925): Von den Durchführungsformen der heimischen Volksbildungsarbeit. (Führer für Volksbildner, Heft 15). Wien: Eigenverlag, S. 54.

12  Kindermann, Heinz (1921): Auswahl und Ausbildung des Volksbildners. Vortrag, gehalten bei der Braunauer Volksbildnertagung. In: Volksbildung. Monatsschrift für die Förderung des Volksbildungswesens in Österreich, (2), 55. Verfolgt man die biografische Entwicklung des später als Theater- und Literaturwissenschafter bekannt gewordenen Heinz Kindermann, der – 1933 bereits Mitglied der NSDAP – 1943 ordentlicher Professor am neu gegründeten Wiener Institut für Theaterwissenschaft wurde und sich durch heftige rassenbiologische und antisemitische Publikationen als ideologischer Vertreter des Nationalsozialismus hervortat, dann antisemitische Publikationen als ideologischer Vertreter des Nationalsozialismus hervortat, dann scheinen die „ethischen und rein menschlichen Werte“ beim Autor dieser Zeilen selbst nicht hoch angesetzt werden zu können. Siehe: Peter, Birgit & Payr, Martina (Hrsg.) (2008): „Wissenschaft nach der Mode“? Die Gründung des Zentralinstituts für Theaterwissenschaft an der Universität Wien 1943. Ausstellung am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft vom 7. Mai bis 30. September 2008. (Austria: Universitätsgeschichte, Bd. 3). Wien: LIT-Verlag.

13  Kindermann, Heinz (1921): Auswahl und Ausbildung des Volksbildners. Vortrag, gehalten bei der Braunauer Volksbildnertagung. In: Volksbildung. Monatsschrift für die Förderung des Volksbildungswesens in Österreich, 2, 56.

14  Volksbildung als Lehrgegenstand (1919). In: Volksbildung. Monatsschrift für die Förderung des Volksbildungswesens in Deutschösterreich, 1 (2), 68.

15  Österreichisches Volkshochschularchiv, Bestand Urania Wien, Box „Allgemeine Volksbildungsangelegenheiten, Mappe 1.

16  Volksbildnerkurse für Techniker (1920). In: Volksbildung. Monatsschrift für die Förderung des Volksbildungswesens in Deutschösterreich, 1 (9), 259 ff.

17  Kurs für ländliche Volksbildner Niederösterreichs (1922). In: Volksbildung. Monatsschrift für die Förderung des Volksbildungswesens in Österreich, 3, 180.

18  Der Kurs für Volksbildner aus Industrieorten Niederösterreichs (1922). In: Volksbildung. Monatsschrift für die Förderung des Volksbildungswesens in Österreich, 3, 181.

19  Tätigkeit des Ausschusses für volkstümliche Kurse an der Innsbrucker Universität (1922). In: Volksbildung. Monatsschrift für die Förderung des Volksbildungswesens in Österreich, 3 183 ff. Sowie: Volksbildnerkurs in Graz (1920). In: Volksbildung. Monatsschrift für die Förderung des Volksbildungswesens in Deutschösterreich, 1 (8), 240. Schrott, Andreas (1920): Volksbildnerkurs an der Universität Graz vom 22. bis 24. Juni. In: Volksbildung. Monatsschrift für die Förderung des Volksbildungswesens in Deutschösterreich, 1 (10), 298–304.

20  Volksbildnerkurse (1920). In: Volksbildung. Monatsschrift für die Förderung des Volksbildungswesens in Deutschösterreich, 1 (7), 214.

Dostal, Thomas (2016): Volksbildung als Beruf. Zu den Anfängen der Verberuflichung von Volksbildung in der ausgehenden Habsburgermonarchie und am Beginn der Ersten Republik. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. April 2016, Heft 258/67. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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