Themenkonjunkturen und Zäsuren im Spiegel einer Verbandszeitschrift: Die Österreichische Volkshochschule 1950 – 2025

1. Vorbemerkung

Beim vorliegenden Text handelt es sich, bis auf einige kleine Veränderungen, um den Wiederabdruck eines bereits 2006 erschienen Buchbeitrags, der hier unter Miteinbeziehung der Analyse der letzten beiden Dekaden in überarbeiteter und erweiterter Fassung abgedruckt wird. Es wird der Versuch unternommen, entlang ausgewählter Parameter einen deskriptiven Querschnitt über die bisherige Entwicklung einer Zeitschrift zu präsentieren. Schon aus diesem Grund handelt es sich nicht um eine tiefengenaue Analyse – dazu wäre eine deutlich aufwendigere empirische Untersuchung der Inhalte der Zeitschrift wie beispielsweise der Strukturdaten, der Themen- und Sachbereiche, der unterschiedlichen Beitragsformen, der Provenienz der Beiträge nach klaren Auswertungskategorien et cetera nötig –, sondern um einen unsystematischen Versuch, das Augenmerk auf ein diskursives Medium zu richten, dem bis heute wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde: der Zeitschrift Die Österreichische Volkshochschule. Wobei unter Diskurs im hier zu behandelnden Kontext eine Sprech- und Denkpraxis zu verstehen ist, die systematisch die Dinge erzeugt, von denen sie spricht.1

Mitteilungen oder Fachzeitschriften wurden innerhalb der akademischen Erwachsenenbildung bisher nur selten eingehend in den Blick genommen. Eine der wenigen Ausnahmen für den deutschen Sprachraum bildet die umfangreiche, mittlerweile aller dings nicht mehr ganz rezente Studie von Wilhelm Kurze und Kurt Tschenett, die 1977 die Ergebnisse einer methodisch elaborierten und auch empirisch fundierten Inhaltsanalyse der beiden Zeitschriften Volkshochschule im Westen und Hessische Blätter für Volksbildung2 vorgelegt haben, jedoch mit Einschränkung auf lediglich sieben Jahrgänge von 1968 bis 1975.

Grundsätzlich handelt es sich bei Fachzeitschriften – vor allem wenn sie sowohl als Standes- als auch als Verbandspresse fungieren – um Druckwerke mit vergleichsweise geringer Auflagenhöhe beziehungsweise Reichweite, mit klar eingegrenzten Zielgruppen, die „häufig optimale Multiplikatoreigenschaften aufweisen“3. Als Mitteilungs- und Diskussionsorgane haben derartige Periodika oftmals starke diskursive Prägekraft. In ihrer kommunikativen Nutzungshäufigkeit rangieren sie gleich nach persönlichen Gesprächen mit Fachkolleg*innen und noch vor der Lektüre von Forschungsberichten oder dem Besuch von Tagungen.4

Ähnlich wie auch die Volkshochschule im Westen, das langjährige Verbandsorgan des Deutschen Volkshochschul-Verbandes, trifft auch für die Österreichische Volkshochschule, die etwa zum gleichen Zeitpunkt gegründet wurde, zu, dass sie nicht konsequent oder ausschließlich eine Verbandszeitschrift war beziehungsweise ist, insofern sie über ihre Funktion als „Kommunikationsmittel zur Integration, Ansprache, Verteidigung und Werbung“ (so eine alte Definition der Verbandszeitschrift) hinaus vor allem eine fachspezifische Funktion erfüllt, indem sie erwachsenenbildnerische Themata erarbeitet und behandelt.

Im Folgenden wird auf die Entstehungsgeschichte der Österreichischen Volkshochschule sowie auf die ihr zugedachten Aufgaben und Ziele eingegangen und die bisherigen Bezugnahmen auf Geschichte und Tradition der Zeitschrift kurz skizziert.

2. Zur Gründungsgeschichte – Aufgaben und Ziele

Die Österreichische Volkshochschule (ÖVH) stellt innerhalb der österreichischen Erwachsenenbildungszeitschriften-Landschaft die älteste noch existierende Zeitschrift dar. In den Hessischen Blättern wurde die „ÖVH“ (so das geläufige Akronym) anlässlich des fünfzigjährigen Bestehens als „älteste Fachzeitschrift für Erwachsenenbildung in den deutschsprachigen Ländern, ­möglicherweise sogar in Europa“5 apostrophiert, was zweifellos nicht unrichtig ist, insofern sie neben ihrer bisherigen Erscheinungsdauer unausgesprochen das editorische Erbe früherer Organe, wie zum Beispiel des Zentralblattes für Volksbildungswesen (1901 ff.), strukturell und inhaltlich weiterführt.

Feststeht, dass innerhalb der bisherigen 75 Jahre des Bestehens der Österreichischen Volkshochschule eine Reihe von Erwachsenenbildungszeitschriften umbenannt, neu gegründet oder eingestellt wurden. An dieser Stelle sei insbesondere an die Erwachsenenbildung in Österreich erinnert, die, nach ihrer Gründung (1920) unter dem Titel Volksbildung und nach mehreren Umbenennungen nach 1945, im Jahr 1995 schließlich eingestellt wurde. Kaum eine andere Zeitschrift der Erwachsenenbildung (zumindest im deutschsprachigen Raum) verfügt über eine vergleichbare Kontinuität und Tradition, über eine ähnlich breite Themenvielfalt, und nimmt eine vergleichbare Rolle als Multiplikator für Erwachsenenbildung auch über die Landesgrenzen hinaus ein, wie das Organ des Verbands Österreichischer Volkshochschulen hinsichtlich der publizistischen Verbindung von Theorie und Praxis der Erwachsenenbildung.

Gegründet wurde die Zeitschrift in unmittelbarem Zusammenhang mit der Gründung des Verbands Österreichischer Volkshochschulen. Beides – sowohl die Verbandsgründung als auch die Schaffung eines medialen „Sprachrohrs“ – waren direkter Ausdruck des Bemühens um verstärkten Kontakt, um ­Integration und engere Kooperation der österreichischen Volkshochschulen, die, wie Herbert Grau im Hinblick auf eine UNESCO-Tagung am Mondsee im Sommer 1950 anmerkte, so gut wie keinen Kontakt untereinander hatten. Grau präzisierte diesen Umstand, indem er in der ersten Ausgabe der Österreichischen Volkshochschule schrieb: „Wir wussten nicht einmal, wo in Österreich Volkshochschulen bestanden.“6

Zusätzlich motiviert wurden die Bemühungen um eine verstärkte Kooperation unter den österreichischen Volkshochschulen angesichts der Tatsache, dass im Jänner 1950 in Salzburg eine Tagung über die Stellung der Volkshochschulen in Österreich stattgefunden hatte, an der kein einziger Vertreter einer Volkshochschule teilgenommen hatte. In ersten Gesprächen zwischen den Leitern der Salzburger und der Linzer Volkshochschule wurde die Notwendigkeit einer engeren Fühlungnahme zwischen allen österreichischen Volkshochschulen diskutiert und in der Folge auch mit dem Zentralsekretär des Wiener Verbandes die Möglichkeiten einer praktischen Umsetzung besprochen. Angelegentlich eines informellen Zusammentreffens österreichischer Volkshochschulleiter in Weyeregg am Attersee, das vom 19. bis 24. August 1950 stattfand, wurde schließlich der Entschluss gefasst, einen Verband zur gemeinsamen Interessenvertretung zu gründen, der in keiner Weise die Freiheit der einzelnen Einrichtungen beeinträchtigen sollte.7

Nach zahlreichen Verhandlungen zwischen der Salzburger Volkshochschule in der Person Otto Zwickers, dem Verband Wiener Volksbildung in der Person Wolfgang Speisers und Herbert Grau als Leiter der Linzer Volkshochschule, wurde ein „Proponentenkomitee des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen“ gebildet, dem zusätzlich Wolfgang Schaukal als Geschäftsführer der Österreichischen Urania für Steiermark sowie Emmy Wöss als Sekretärin der Innsbrucker Volkshochschule angehörten. Dieses überaus aktive Komitee leitete nach einer Zusammenkunft in Radstadt, die vom 16. bis 17. September 1950 stattfand, die nötigen Schritte zur Gründung eines „Österreichischen Volksbildungsverbands“, wie es in einem ursprünglichen Entwurf hieß, ein und ersuchte bereits am 8. November 1950 namens des „überparteilichen Verbandes Österreichischer Volkshochschulen“ beim Unterrichtsausschuss des Nationalrates anlässlich der Parlamentsdebatte über das Budget 1951 um eine Erhöhung der „Bundessubvention für die Volkshochschulen“8 (nicht: Erwachsenenbildung!) an.
Zudem wurde vom ausgebildeten Juristen Speiser begonnen, an einem ersten Entwurf für ein „Bundesgesetz zur finanziellen Sicherung der Volkshochschulen“ zu arbeiten.9

Nachdem schon im September landesweit von einzelnen größeren Volkshochschulen ein so genannter „Anlaufbetrag“ für die Verbandsgründung bezahlt und Vertreter nominiert worden waren – zum Beispiel für die Volkshochschule Innsbruck Dr. Otto Winter als erster Sekretär der Arbeiterkammer – fixierte das Proponentenkomitee im Oktober 1950 den Termin für die konstituierende Hauptversammlung des Verbands Österreichischer Volkshochschulen im Dezember sowie die Gründung eines „Zentral-Mitteilungsblattes“ wie aus einem Schreiben Zwickers (dem späteren ersten Finanzreferenten des Verbands Österreichischer Volkshochschulen) an Speiser Anfang November 1950 hervorgeht.10 Die Finanzierungsdebatte riss nicht ab und wurde bald auch im Verbandsorgan geführt11 und bewirkte 1954 anlässlich der Kulturenquete im österreichischen Parlament schließlich einen ungeheuren Erfolg, nämlich die Erhöhung der Subventionsmittel (nun für die gesamte „Erwachsenenbildung“) auf das Achtfache des bisherigen Förderbetrags, und im Anschluss daran die Realisierung des Zweigstellenausbaues in den Ländern sowie die Etablierung von Haus Rief als Zentrum für internationale Begegnung und Auseinandersetzung in der Erwachsenenbildung. Am 8. Dezember 1950 fand dann nach intensiven Vorgesprächen und Ausarbeitung der Satzungen im Klubsaal der Wiener Urania die Gründungsversammlung des Verbands Österreichischer Volkshochschulen statt.12

Obwohl die Satzungen, die im Übrigen bereits am 10. Oktober desselben Jahres fertig ausgearbeitet vorlagen, keinen direkten Bezug auf das Verbandsorgan enthalten und unter dem Zweck des Verbandes lediglich darauf verweisen, dass dieser unter anderem auch in „Austausch und Vermittlung der Erfahrungen zwischen den einzelnen Mitglieder“ beziehungsweise in der „Herausgabe volksbildnerischer Schriften“ bestünde, wurde bereits einen Tag nach Verbandsgründung dem frisch nominierten Generalsekretär des Verbandes, Dr. Wolfgang Speiser, das Referat „Mitteilungsblatt“ übertragen, das allerdings sowohl von Wiener als auch von Linzer Seite bereits länger zuvor ventiliert worden war.13

In derselben Sitzung teilte Speiser bereits den Inhalt der kommenden ersten Ausgabe mit, die künftig unter dem Namen Die Österreichische Volkshochschule erscheinen werde. Über Inhalt und Titel der Zeitschrift hatte sich Speiser – der als Zentralsekretär des kurz zuvor geschaffenen Wiener Verbandes und als Direktor der Wiener Urania nun drei Funktionen gleichzeitig innehatte – neben Otto Zwicker14 und Herbert Grau unter anderen auch mit dem ersten Präsidenten des österreichischen Dachverbandes, Dr. Josef Lehrl, bereits seit mehreren Wochen beratschlagt gehabt.

Die erste Ausgabe der Zeitschrift erschien bereits im Dezember 1950, und zwar in Form einer überaus bescheidenen, 13-seitigen hektografierten Ausgabe im A4-Format. Das Druckpapier der ersten Jahrgänge wurde durch Papierspenden beziehungsweise zu günstigen Konditionen von der Papierfabrik Frohnleiten zur Verfügung gestellt, der Umschlagkarton von der Mayr-Melnhofschen Karton- und Pappenfabrik und das für den Versand nötige Pack- und Konzeptpapier von der Pölser Zellulose- und Papierfabrik.15 Die Auflage betrug 2.000 Exemplare und wurde von Druckerei Josef Schwarz’ Erbin gedruckt, wobei 250 Stück als Werbenummer für Abonnements ausgesandt wurden. Tatsächlich wurden 1951 rund 56 Prozent der Gesamtkosten durch Abonnements und Verkauf erlöst (2.949,30 von 5.304,61 Schilling).

3. Formalbeschreibung der Zeitschrift: Ziele, Erscheinungsweise, Rubriken, Redaktion, Format, Layout

In dem mit „Ein Beginn“ betitelten Editorial der ersten Ausgabe finden sich sowohl die Ausgangssituation als auch das beabsichtigte Ziel des neuen Sprachrohrs der österreichischen Volkshochschulen formuliert:

„Wir wollen uns nicht in das Abenteuer einer Publikation einlassen, die nach wenigen Nummern eingestellt werden muss. So wollen wir bescheiden beginnen, wie wir es können. Wir haben keinen Redaktionsstab, es hängt alles von den Beiträgen der Dozenten, Volkshochschuldirektoren und freiwilligen Mitarbeiter der Volksbildung ab. Unser Organ wird das sein, was sie aus ihm machen. So soll die Zeitschrift in ihrer bescheidenen Weise ein Abbild der Tätigkeit der österreichischen Volkshochschulen sein. Wenn möglichst viele mitarbeiten werden, wird sie ihren Zweck erfüllen: Theoretische und praktische Probleme der österreichischen Volkshochschulen zu besprechen, von der Arbeit zu berichten und eine Plattform der Selbsterkenntnis und des Verständnisses gemeinsamer Fragen zu sein.“16

Mit dieser programmatischen Formulierung, die von Herbert Grau stammt, der in Linz bereits seit einiger Zeit ein eigenes Organ herausgab, wurde die Generallinie abgesteckt, die die Zeitschrift in ihrer Mischung aus Verbandsorgan und Fachzeitschrift für die Erwachsenenbildung über die folgenden Dekaden beibehielt. Hinsichtlich der formalen Gliederung in Editorial, Kommentar mit Blick über den nationalen Rahmen, Stellungnahmen, Berichten aus der konkreten Praxis (auch erste statische Untersuchungen auf Basis von Hörer*innenbefragungen) sowie Besprechungen neuer Fachliteratur findet sich im Kern das Konzept angelegt, wie es sich im Wesentlichen bis zur Gegenwart in der Heftgestaltung findet.

Die Intention, durch intensive geistige Auseinandersetzung an die große Tradition der Volkshochschulbewegung der Zwischenkriegszeit anzuknüpfen, wurde vom nunmehrigen Schriftleiter Wolfgang Speiser, der diese Aufgabe (gemeinsam mit Wilhelm Bründl) immerhin über 26 Jahre (bis Anfang 1977) ausfüllte, klar ausgesprochen, in dem er meinte, dass es insbesondere auch im Hinblick auf die Rezeption von Fachliteratur „keinen geistigen Bruch geben (darf) zwischen den bewährten Vorkriegsvolksbildnern, welche die ausführliche Literatur dieser Zeit kennen, und den wenigen Glücklichen der Nachkriegsgeneration, die die neuesten volksbildnerischen Zeitschriften, Broschüren und Bücher aus dem Ausland lesen. Darum ist es Aufgabe von uns allen, gleichmäßig aufzuholen: Das bewährte Schrifttum der Vorkriegszeit und die Publikationen, vor allem des westlichen Auslandes, seit 1945.“17

Tatsächlich war es, neben aller Westorientierung, eher die gesamteuropäische, stark internationale und fallweise auch globale Perspektive und Orientierung einzelner Remigrés, die die Zeitschrift lange prägte; eine Orientierung, die sich heute, bei aller grundsätzlichen Offenheit, nicht zuletzt im Hinblick auf europäische Projektzusammenarbeit und -entwicklung phasenweise etwas stärker auf europäische Problemlagen zusammenzuziehen scheint. In den ersten Jahrzehnten war jedenfalls die internationale Perspektive, der Blick über die Grenzen, der Erfahrungs- und Informationsaustausch über die Erwachsenenbildung im deutschsprachigen Raum, aber auch in globaler Perspektive – nicht zuletzt durch persönliche Erfahrungen und Kontakte – gängige Praxis in der Österreichischen Volkshochschule. Berichterstattungen über Studienreisen oder die Teilnahme an edukativen Weltkonferenzen und -seminaren, wie beispielsweise der UNESCO, umfängliche Artikel über Erwachsenenbildung in entfernten Ländern wie beispielsweise Ägypten, Türkei, China, USA, Sowjetunion und vielen anderen Weltgegenden durchzogen die Ausgaben bis weit in die 1970er-Jahre.

Besonders intensiv gestaltete sich im Kontext der europäischen Perspektive der Kontakt und der gegenseitige Informationsaustausch mit deutschen Kolleg*innen sowie die Rezeption bundesdeutscher Diskussionen und Entwicklungen, wie zum Beispiel anlässlich des Gutachtens des Deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen, das 1960 unter dem Titel „Zur Situation und Aufgabe der deutschen Erwachsenenbildung“ publiziert und vom jungen Redakteur Hans Altenhuber einer profunden Analyse mit geradezu dialektischem Kritikansatz unterzogen wurde. Bereits ein Jahr später, im März 1961, fand auf Einladung des pädagogischen Ausschusses eine Grundsatztagung über Eigenart und Stellung der Volkshochschulen in Österreich statt, deren elaborierten Ergebnisse im Mai in der Österreichischen Volkshochschule zur Gänze publiziert wurden und direkt in die Grundsatzerklärung des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen einmündeten. Daneben wurde ab der ersten Ausgabe der Zeitschrift in der Rubrik „Aus unserer Arbeit“ der detaillierten Berichterstattung über lokale und regionale Entwicklungen in der Volkshochschularbeit viel Raum gegeben; eine integrative verbandspolitische Funktion, die die Zeitschrift ebenfalls bis heute – wenn auch nicht mehr in der ursprünglich feinen Granularität – aufweist.

Nach dem ersten hektografierten Jahrgang wurde auf der zweiten Hauptversammlung des Verbandes beschlossen, die Zeitschrift trotz finanzieller Probleme künftig gedruckt erscheinen zu lassen, wobei von nun an auch regelmäßig Inserate geschaltet wurden, die durch mühsamen Anzeigenverkauf auf teils informeller, semi-politischer Kontaktbasis zustande kamen. Die erste Ausgabe in gedruckter Form, die nun auch Bildillustrationen beinhaltete, erschien im Oktober/November 1951 im A5-Format in grafischer Gestaltung mit einer Titelvignette von Hans Fabigan und dem Abdruck der „Rede an Österreichische Volksbildner“, die Paul Wilpert, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Landesverbände deutscher Volkshochschulen und Vorsitzende des bayrischen Volkshochschullandesverbandes, anlässlich der ersten Dozenten- und Leitertagung in Pichl an der Enns gehalten hatte. Diese erste gedruckte Ausgabe erschien noch ohne eigene Redaktion, aber bereits im Juni 1952, mit Erscheinen einer ersten Sondernummer zum „Salzburger Internationalen Treffen für Erwachsenenbildung“ in Haus Rief, die in Kooperation mit den „Internationalen Informationen“ des Verbands Wiener Volksbildung herausgegeben wurde und zu der Bundespräsident Theodor Körner das Geleitwort schrieb („An die Lehrer des Volkes“), erschien die Österreichische Volkshochschule erstmals mit eigener Heft-Redaktion.18 Dieser gehörten neben dem Schriftleiter Wolfgang Speiser, Josef Lehrl, Wilhelm Bründl und Gertrud Magaziner an. Ab der Mai-Nummer 1954 wurde daraus ein Stab ständiger Redaktionsmitarbeiter, die auch aus den Bundesländern kamen: neben den beiden Schriftleitern Speiser und Bründl waren dies Richard Kerschagl, Leonhard Franz, Josef Luitpold Stern, Eduard Seifert, sowie als „Spartenredakteure“ Herbert Grau, Aladar Pfniß und Hans Altenhuber.

Bis Ende 1952 erschien die Zeitschrift, die innerhalb der Volkshochschullandschaft lebhaftes Interesse erweckte, demnach auch gelesen wurde, in unregelmäßigen Abständen. Nach einer Verbandstagung im September 1952 wurde in einer Ausschusssitzung beschlossen, die Zeitschrift künftig (ab 1953) als Vierteljahresschrift im erweiterten Umfang von 20 Seiten erscheinen zu lassen.19 Noch im selben Jahr wurde anlässlich einer weiteren Ausschusssitzung des Österreichischen Volkshochschulverbandes, in der das „beachtliche Niveau der Diskussionsbeiträge“ zwar gewürdigt, aber gleichzeitig der Wunsch nach mehr „Hinweise(n) für die Praxis“ aufkam, seitens der Redaktion ins Auge gefasst, diesen Wünschen, die offenkundig insbesondere von Herbert Grau vorgetragen wurden, zukünftig durch verstärkte Berichte aus der Praxis der Volkshochschularbeit Rechnung zu tragen. Zudem wurde darauf aufmerksam gemacht, dass namentlich gezeichnete Diskussionsartikel die Ansichten der Verfasser*innen und nicht die der Redaktion wiedergeben, und es für die „Klärung der Probleme der Erwachsenenbildung“ unerlässlich sei, „möglichst viele verschiedene Meinungen zu bringen“20. Dies scheint auf so manche Konflikte zu verweisen, etwa auf die mit teils scharfer Klinge geführte Diskussion zur „Objektivität der Volkshochschularbeit“, in der die alten ideologischen Lagerkämpfe zwischen wissenschaftszentrierter, der Sozialdemokratie nahestehender Volkshochschularbeit und wertbezogener, subjektiv-romantischer Volksbildungsarbeit, wie sie unter anderem von Seiten des konservativen Unterrichtsministeriums vertreten wurde, wiederauflebten.21

Obwohl in der Ausgabe vom Mai 1954 freudig hervorgehoben wurde, dass zum ersten Mal die Redaktionsmitglieder keine Beiträge schreiben mussten, blieb, wie sich bald darauf und all die Jahre später immer wieder zeigte, die geringe Einsendung von Artikeln und Beiträgen ein stets wiederkehrendes Problem der Redaktion.

Nach einem ergebnislosen Preisausschreiben für eine „zeitgemäße ­­Titelseite im Quartformat“ wurde schließlich ein Ausschnitt des Kopfes des „Apollon vom Belvedere“22 gewählt, der das Symbol des „Menschen an sich“ sein sollte. An diesem Cover entzündete sich in der Folge viel Kritik, es wurde jedoch, in Ermangelung eines besseren Sujets, beibehalten. Im Oktober 1956 erfolgte mit der Nummer 22 schließlich der Formatwechsel auf A4, um – wie es hieß – von den kleinen schlecht lesbaren Heften wegzukommen und die Zeitschrift besser lesbar, sie zudem zu einer „echten Visitenkarte dieses Verbandes“23 zu machen. Herbert Grau schrieb dazu: „Die Repräsentation ist eine wichtige Aufgabe einer Verbandszeitschrift. Diese Repräsentation ist notwendig, geht es doch nicht allein um die Zeitschrift, sondern auch um den Verband, der sie herausgibt. Die Volkshochschulen, die Erwachsenenbildung sind noch immer nicht so anerkannt, daß sie auf einen guten Eindruck, auf einen schönen Anzug bei der Vorstellung verzichten können.“24

Zudem wurden im redaktionspolitischen Bemühen um einen größeren Praxisanteil neue Rubriken eingeführt wie beispielsweise die „Werkzeugkiste der Erwachsenenbildung“, in der verstärkt „Hinweise aus der Praxis für Stadt und Land“ gebracht wurden, sowie „Gespräche mit Volksbildnern“ oder die Rubrik „Mosaik“, die einen gerafften Überblick über den Inhalt der bedeutendsten in- und ausländischer Kulturzeitschriften zu geben bemüht war, die aber erst 1960 durch die neuen Spartenredakteure Hans Altenhuber, Wilhelm Bründl und Aladar Pfniß unter dem Titel „Blick in Kulturzeitschriften“ zu einer tatsächlich konzisen und heute noch interessant zu lesenden Zusammenschau bedeutender Kulturzeitschriften wurde.

Anlässlich der 50. Ausgabe der Österreichischen Volkshochschule im September 1963, zu der Unterrichtsminister Heinrich Drimmel eigens gratulierte, und für die auch Bert Donnepp namens der Zeitschrift Volkshochschule im Westen den „Hut vor Pioniergeist, publizistischer Experimentierfreude und prallen Sachverstand“25 zog, würdigte Speiser erstmals – und dies durchaus mit Stolz – etwas ausführlicher die bisherige Entwicklung der Zeitschrift:

„Dem Historiker der Nachkriegsentwicklung der österreichischen Volkshochschulen werden die Hefte der »Österreichischen Volkshochschule« einstmals ein klares Bild der Bestrebungen unserer Bewegung geben, als dies aus den Publikationen der klassischen Zeit oder der Zwischenkriegszeit gewonnen werden kann.“26

Ein überaus selbstbewusstes, zugleich aber auch sachlich begründetes Statement, das sich Jahrzehnte später anlässlich der 150. Ausgabe 1988 beim nunmehrigen Schriftleiter Wilhelm Filla, wenn auch in deutlich weniger pathetischer Form findet, wenn er die Österreichische Volkshochschule als „Fundgrube“ für all jene bezeichnet, die sich mit der Entwicklung der Volkshochschulen in Österreich beschäftigen.27

In der 50. Ausgabe 1963 wurden aber auch diskursive Offenheit, Konfliktbereitschaft und Kritikbereitschaft demonstriert – alles Kontinuitätsfaktoren der Zeitschrift bis heute – die nicht immer in gleicher Weise auf die lesende Kolleg*innenschaft zutrafen. So veröffentlichte die Schriftleitung provokativ gemeinte Aufforderungen, die Zeitschrift nicht als harmonisch-ideologisches Ex-Cathedra-Verbandsmedium zu verstehen, sondern als Plattform auch für die Diskussion widersprüchlicher Meinungen und Beiträge. Denn: „Zu wenig Kritik macht unsere Zeitschrift langweilig“, und „auch unsere Volksbildner haben eine Meinung. Selten aber senden sie Äußerungen darüber an uns“, formulierte die Redaktion pointiert und gab mit der in Versalien gedruckten ­Aufforderung „Neu Beginnen!“ den publizistischen Aktivitäten ein vorwärts gerichtetes Motto, das – ob absichtlich oder unabsichtlich – an die leninistisch ausgerichtete Splittergruppe sozialdemokratischer Intellektueller gleichen Namens, die Mitte der 1930er-Jahre im Widerstand aktiv war, erinnert.28

Im Anschluss an die 100. Ausgabe der Zeitschrift vollzog sich im März 1976, nach kleineren designerischen Nachjustierungen der Titelseite bereits im Jahr 1972, ein weiterer Formatwechsel, anlässlich dessen Bundesminister Fred Sinowatz zur „eindrucksvollen Manifestation der geistigen Kraft und der kontinuierlichen geistigen Tätigkeit des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen“29 gratulierte.

1977 wurde die Verbandszeitschrift mit Rückgriff auf das früher bereits verwendete A5-Format abermals auf ein neues Design umgestellt, wobei der Satzspiegel im Großen und Ganzen erhalten blieb, die Typografie aber von Serifen- zur (moderneren und vermeintlich besser lesbaren) Groteskschrift wechselte.30 Wie der neue Schriftleiter, Generalsekretär Dr. Karl Arnold, der Speiser ablöste, programmatisch formulierte, ging es um ein, der teils (nichtkommerziellen) antizyklischen „Gezeitenbewegung“ der Erwachsenenbildung entsprechend balanciertes Verhältnis von Stetigkeit und Flexibilität, von „Aktualität mit bildungsideologischem Fundament“ unter Vermeidung aller Starrheit.31 Diese Veränderung war der praktischen Überlegung geschuldet, dass sich das kleinere Format leichter einstecken beziehungsweise mitnehmen ließe. Im Zuge einer weiteren Aufstockung des Redaktionsstabes kamen schließlich Erich Leichtenmüller und Wilhelm E. Wallmann als ständige, ehrenamtliche Mitarbeiter neu hinzu. Redaktionspolitisch sollte künftig insbesondere das „Zusammenspiel zwischen offizieller Bildungspolitik, den Intentionen des Verbandes und den vielfältigen Strömungen und Bewegungen in der EB anderer Länder und Verbände […] verdeutlicht und sichtbar gemacht werden.“32

Eine Zäsur stellt der Umstand dar, dass unmittelbar nach Übernahme der Redaktionsleitung durch Wilhelm Filla im März 1984 erstmals wieder eine Frau Redaktionsmitarbeiterin wurde, nämlich Gabriele Gangoly, der in den folgenden Jahren weitere Redaktionsmitarbeiterinnen folgten.33 Inhaltlich differenzierte sich die Zeitschrift ab den 1970er-Jahren analog zu den jeweils neuen Problem- und Aufgabenstellungen. Neben dem Weiterbestehen ausgewogen kritischer Kommentare zur staatlichen Kultur- und Bildungspolitik und verschiedentlichen Grundsatzdiskussionen – zum Beispiel zu einer neuen Stoffgliederung an den Volkshochschulen oder der gesetzlichen Verankerung der Erwachsenenbildung –, waren es analog zur so genannten „Realistischen Wende“ neue Themen wie beispielsweise die (neuerliche) Debatte zum Zweiten Bildungsweg, Fragen der zunehmenden Automation und Computerisierung, die lokale und regionale Zielgruppenarbeit, die Frauenbildung, die Professionalisierung und Qualitätssicherung et cetera, die das Themenportefeuille sukzessive erweiterten.

Dabei vergrößerte sich unter dem Engagement einer jüngeren Generation, die gesellschaftstheoretisch begründeter, emanzipatorischer Bildungsarbeit offen gegenüberstand, auch das Arsenal theoretisch-methodischer ­Zugänge.

Mit Übernahme der Redaktion durch Wilhelm Filla erhöhte sich insbesondere der Anteil an konzisen historischen Fachbeiträgen und (vor allem) an statistischen und empirischen Analysen und Berichten deutlich, die über die Volkshochschularbeit im engeren Sinne weit hinausgehen. Nicht zuletzt nennt sich die Zeitschrift ab dem 50. Jahrgang (mit dem Heft Nr. 191, März 1999) im Untertitel auch „Magazin für Erwachsenenbildung“. Eine weitere formale Änderung erfolgte im Jahr 2000, als die Zeitschrift – wenn auch nicht aus Überzeugung – auf die neue Rechtschreibung umgestellt wurde.

Mit der Ausgabe Nr. 223 im Jahr 2007 erfolgte eine neuerliche Layoutumstellung, die auch einen Umstieg auf A4-Format mit sich brachte, wobei von nun an Farbfotos und Illustrationen auf das ÖVH-Cover gesetzt ­wurden.

Bereits mit der Ausgabe Nr. 244 im Juni 2013 erhielt die ÖVH unter dem neuen Generalsekretär und nunmehrigen ÖVH-Redakteur Gerhard Bisovsky abermals eine geänderte, grafisch ansprechende Covergestaltung. Mit der darauffolgenden Ausgabe wurde auch das Layout des Satzspiegels einem Relaunch unterzogen, indem unter anderem auf (in der Regel) zweispaltigen Satz umgestellt wurde. Die Covergestaltung und das Design des Zeitschrifteninnenteils änderten sich nach der Übernahme des Generalsekretariats durch John Evers im Jahr 2022 nicht – die Heftgestaltung und Redaktion befindet sich weiterhin in der Zuständigkeit von Gerhard Bisovsky.

Unter seiner verantwortlichen Leitung kam es zu einer redaktionellen Änderung, indem die ÖVH seit 2015 in Form von Schwerpunktausgaben verstärkte inhaltliche und empirische Akzente auf aktuelle Probleme und Herausforderung in der Erwachsenenbildung legt. Den Auftakt bildete „Lernen in der Erwachsenenbildung“ (2015), gefolgt von „Erwachsenenbildung. Effekte, Finanzierung, Politik“ (2015), „Berufliche und berufsbezogene Bildung“ (2016), „Digitale Kompetenz & Medienkompetenz“ (2016), „Flucht – Migration – Bildung“ (2016), „Demokratiepolitische Bildung“ (2017), „Frauen und Volkshochschule“ (2017), „Validierung“ (2017/18), „Zusammenhalt – Zusammenleben“ (2018), „Jugend, junge Erwachsene“ (2018), „Community Education“ (2018/19), „Wirkungen“ (2019), „Lernen Erwachsener“ (2019), „Interessegeleitetes Lernen – Interesse-Entwicklung“ (2019/20), „Benefit Lernen in der VHS“ (2020), „Bildung älterer Menschen“ (2020), „Zivilgesellschaft und Erwachsenenbildung“ (2020/21), „Bildungsbenachteiligung“ (2021), „Erwachsenenbildung im ländlichen Raum“ (2021), „Nachhaltigkeit“ (2021/22), „Lebenskompetenzen“ (2022), „Teilhabe und Inklusion“ (2022), „Schule und Erwachsenenbildung“ (2022/23), „Schule und Erwachsenenbildung“ (2023), „Digitale Transformation“ (2023), „Lernräume und Lernorte (2023/24), „Demokratiebildung“ (2024) bis zu „Nachhaltigkeit und Bildung“ (2024).

Ein wichtiger Schritt war unzweifelhaft die 2014 getroffene redaktionelle Entscheidung, die Texte der ÖVH-Ausgaben über die neugestaltete VÖV-Website künftig auch online zur Verfügung zu stellen. Mit tatkräftiger Unterstützung des Österreichischen Volkshochschularchivs gelang es darüber hinaus, sämtliche davor erschienenen Hefte ebenfalls über die Website des Dachverbands online zugänglich zu machen. (Siehe: https://magazin.vhs.or.at/magazin/archiv-pdf/).

4. Inhalte – Themenkonjunkturen, Kontinuitäten und – „Brüche“?

Neben einer kursorischen Durchsicht aller bisher erschienenen Jahrgänge stützt sich die folgende Betrachtung primär auf die ausgewerteten Einzelbeiträge im archivinternen Archivinformationssystem THESEUS, die auch namentlich nicht gekennzeichnete Beiträge und Kolumnen wie zum Beispiel ,,Personalia“ miteinschließen. In Summe sind dies für den Zeitraum 1950 bis 2025 rund 5.121 Artikel. Von diesen sind 1.874 namentlich nicht gekennzeichnet, davon sind allein 1.468 Beiträge (oder rund 78,3 Prozent) nach 1980 erschienen.

Überblickt man die gesammelten Beiträge nach Themen und deren jeweiliger Häufung über den Zeitraum von 75 Jahren, so fällt zunächst auf, dass es nur wenige inhaltliche Bereiche sind, die über all diese Jahre verteilt ganz offenkundig durchgängig Hochkonjunktur hatten: dies sind der Sprachenbereich, europaspezifische beziehungsweise internationale Themen, frauenspezifische Aspekte der Bildungsarbeit, Beiträge zu gesetzlichen Bestimmungen beziehungsweise Finanz- und Subventionsfragen sowie die Berichterstattung über Preise und deren jeweilige Verleihungen. Auffällig ist vielleicht auch – sozusagen eine österreichische Spezialität –, die kontinuierliche Verwendung des Begriffs ,,Volksbildung“, der im Vergleich zum Begriff Erwachsenenbildung lediglich auf halb so viele Nennungen kommt und nach wie vor in Verwendung zu stehen scheint; dies erklärt sich unter anderem vielleicht auch daraus, dass in der österreichischen Bundesverfassung (1929) von Volksbildung und nicht von Erwachsenenbildung die Rede ist.

Wie der untenstehende Überblick zeigt, sind einzelne Themen stark an bestimmte Zeitabschnitte geknüpft und sinken dann deutlich ab, wie zum Beispiel Arbeiterbildung, Stadtteilarbeit, Interkulturalität, Didaktik/Methodik, Theorie; andere hingegen verschwinden ab einem bestimmten Zeitpunkt nahezu vollends aus dem Themenportefeuille wie beispielsweise Naturwissenschaft, Freizeit – hierzu findet sich in der Österreichischen Volkshochschule schon lange Zeit kein Lektüreangebot mehr. Themen wie zum Beispiel Gender, Qualitätssicherung oder Professionalisierung tauchen freilich überhaupt erst in den letzten Jahren auf (Tab. 1).

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Ein Überblick über die Verteilung nach den jeweiligen Themenbereichen34 – wobei es sich um „konstruierte“ Themenbereiche handelt, d. h. verwandte Themen wurden der Übersichtlichkeit halber unter einem Oberbegriff zusammengezogen35 – zeigt, dass verbandsspezifische Erörterungen (inklusive Statistik, Gesetz, Aufgaben und Ziele, Erwachsenenbildung und Politik) rund 30 Prozent (27,5 Prozent) aller Beiträge ausmachen, mithin den größten eigenständigen Themenbereich markieren (Tab. 2).

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Ausgeprägt ist auch der Bereich Europa/Internationales, knapp gefolgt von Beiträgen zu Teilnehmer*innen bzw. Teilnahme an Erwachsenenbildung sowie Neuen Medien. Die Themenbereiche im Mittelfeld verteilen sich etwa ähnlich, so beispielsweise Sprachen, Qualitätssicherung, Politische Bildung, Frauen/Diversity, Methodik/Didaktik, Zertifizierung, Kunst, Wissenschaft, Statistik, Demokratie bzw. Demokratiebildung sowie Migration und Flucht. Auffällig gering ist die Anzahl der Beiträge im Bereich Inklusion/Behinderte sowie im Bereich Antisemitismus/Rassismus sowie Zielgruppen. Der Bereich zeithistorischer Beiträge liegt auf einem konstant niedrigen Quantitätsniveau, wobei sich von insgesamt 21 Beiträgen zu Faschismus und Nationalsozialismus bisher nur ein Artikel mit dem Austrofaschismus auseinandersetzt.36 Die insgesamt fünf Beiträge, die sich mit Antisemitismus beschäftigen gehen nur wenig analytisch auf diesen Themenkomplex ein und kommen, so wie auch die acht Beiträge zum Themenbereich „Rassismus“ (Neonazismus kommt gar nicht vor), zum Teil ohne Nennung von Autor*innennamen aus.

5. Fazit – mehr Kontinuitäten als Brüche

Wenn nun abschließend der Versuch unternommen wird, eine summarische Bilanz der bisherigen Veränderungen der Zeitschrift gegenüber den stabil bleibenden Faktoren zu benennen, so zeichnet sich die ­Österreichische Volkshochschule bei allem Wandel durch eine hohe Kontinuität aus, und zwar in mehrfachem Sinn.

Festmachen lässt sich eine

  • Kontinuität des bis heute unveränderten Zeitschriftentitels, der seit 1999 lediglich den Zusatz „Magazin für Erwachsenenbildung“ erhielt;
  • hohe personelle Kontinuität der jeweiligen Schriftleitung (Chefredaktion) sowie der Redaktionsmitglieder (bis 2017);
  • Kontinuität der ursprünglich intendierten Mischung aus Verbands- und Fachzeitschrift, der beabsichtigten Verbindung von Theorie und Praxis; über die gesamte ­bisherige Erscheinungsdauer war die ­Österreichische Volkshochschule sowohl „Kampforgan“ für die Interessen des Verbandes respektive der österreichischen Volkshochschulen als auch Fachblatt für die gesamte Erwachsenenbildung;
  • grundsätzliche Kontinuität – trotz mehrmaliger Formal- und Layoutwechsel – auch hinsichtlich des Satzspiegels;
  • Kontinuität einer hohen sachlichen und wissenschaftlichen Qualität der Zeitschrift;
  • Kontinuität – und dies ist wohl weniger positiv zu bewerten – im Hinblick auf die Bezugsklientel, die sich lange kaum oder nur unwesentlich ausgeweitet hat; inwiefern sich dies seit der Online-Stellung der Zeitschrift verändert hat, wäre freilich gesondert zu untersuchen;
  • lange Zeit gleichbleibende Auflage der Zeitschrift mit etwa 2000 Exemplaren, die seit der Online-Stellung der ÖVH allerdings stark reduziert wurde;
  • lange Kontinuität der Ehrenamtlichkeit der redaktionellen Mitarbeit sowie einer vorwiegend vom Chefredakteur produzierten Textbeitragsmenge, was sich allerdings seit dem Ende der Ära Wilhelm Filla durch die Reduzierung redaktioneller Beiträge (ab 2013) sowie durch die Auflösung des Redaktionsausschusses (2017) verändert hat;
  • Kontinuität knapper Ressourcen; nicht zuletzt auch deswegen fehlen die Mittel für Autor*innenhonorare;
  • Kontinuität der thematischen Vielfalt.

Zuletzt lässt sich für die Österreichische Volkshochschule ein in der österreichischen Erwachsenenbildungs-Landschaft höchst unübliches Faktum konstatieren, nämlich die Kontinuität eines überaus hohen Traditions- und Geschichtsbewusstseins, dass sich unter anderem auch darin dokumentiert, dass alle bisherigen Jubiläen reflektiert und der Sache gemäß begangen wurden. Lediglich ein einziges Mal wurde darauf verzichtet, auf ein Jubiläum gesondert einzugehen – dies aber expressis verbis und mit einer Erklärung ,warum‘.

Zugegebenermaßen etwas spekulativ, aber durchaus begründbar lässt sich im Hinblick auf manche der genannten Kontinuitätselemente behaupten, dass die Zeitschrift sowohl im Hinblick auf ihre Klientel eine durchaus diskursprägende Wirkung zu entfalten vermochte als auch hinsichtlich der Integration und diskursiven Formierung der österreichischen Erwachsenenbildungs-Landschaft nachhaltig wirksam war: Die Österreichische Volkshochschule ist heute das älteste und hinsichtlich der Vielfalt, der Qualität der Beiträge und der bildungspolitischen Stellungnahmen sicherlich auch das derzeit wichtigste „Sprachrohr“ der österreichischen Erwachsenenbildung.

Die Veränderungen, die sich in den bisherigen Dekaden vollzogen haben, lassen sich an folgenden Punkten kursorisch festmachen:

  • Abgenommen haben mit Ende der 1980er-Jahre die größeren, besser bezahlten Inserate.
  • Abgenommen haben trotz grundsätzlich europäischer beziehungsweise internationaler Ausrichtung der Zeitschrift Artikel ausländischer Erwachsenenbildungs-Kolleg*innen, seit 2013 ist diesbezüglich jedoch wieder ein leichter Aufwärtstrend festzustellen.
  • Abgenommen hat zudem auch die im Blattinneren über lange Jahre direkt an die Leser*innenschaft gerichtete Kommunikation in Form von Aufrufen, Anstößen zur Meinungsäußerung.
  • Nahezu völlig abgerissen ist die ohnedies schwach ausgeprägte themenspezifische Auseinandersetzung mit Film und Kino, mit Rundfunk und Fernsehen. Fragen der Kunst und Kultur (Literatur, bildende Kunst, Malerei, Musik, Theater, Ausstellungen et cetera) scheinen heute geradezu exterritorial zur gegenwärtigen Erwachsenenbildung zu stehen, was unzweifelhaft ein Manko darstellt, allerdings eines, das sich beheben ließe. //

1   Grob vereinfacht meinte Michel Foucault mit Diskurs das in der Sprache aufscheinende Verständnis von Wirklichkeit der jeweiligen Epoche. Die Regeln des Diskurses definieren für einen bestimmten Zusammenhang oder ein bestimmtes Wissensgebiet, was sagbar ist, was gesagt werden soll, was nicht gesagt werden darf und welcher Sprecher was wann sagen darf. Der Diskurs ist dabei nur der sprachliche Teil einer „diskursiven Praxis“, die auch nichtsprachliche Aspekte miteinschließt.

2   Kurze, Wilhelm & Tschenett Kurt (1977): Zeitschriften der Erwachsenenbildung. Inhaltsanalyse von „Volkshochschule im Westen“ und „Hessische Blätter für Volksbildung“, Bochum: Brockmeyer (Bochumer Studien zur Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Bd. 13).

3   Ebd., 1.

4   Ebd., 14.

5   Ohne Autor (2000): „Die Österreichische Volkshochschule“. Älteste Fachzeitschrift für Erwachsenenbildung feiert 50-Jahr-Jubiläum. In: Hessische Blätter für Volksbildung, 50 (2), 168.

6   Grau, Herbert (1950): Wie es kam. In: Die Österreichische Volkshochschule, 1 (l), 2.

7   In einem Schreiben an den zuständigen Leiter der Zentralstelle des Bundesministeriums, Hofrat Dr. Adolf Bruck, versuchte Wolfgang Speiser am 17. September 1950 das Vorhaben auch dem Ministerium gegenüber schmackhaft zu machen: „Wir glauben, dass das Bundesministerium für Unterricht an einer Zusammenarbeit der Volkshochschulen interessiert ist, denn durch ein Miteinander und Füreinander der freiwilligen Organisationen können wir unseren Zweck besser erfüllen.“ Österreichisches Volkshochschularchiv (ÖVA), B-VÖV, K 133, S. l.

8   Damals: 0,65% des Unterrichtsbudgets; gefordert: 0,89% oder 381.000 Schilling statt bisher 281.000 Schilling von insgesamt 43,23 Millionen Schilling. Vgl. Schreiben von Wolfgang Speiser und Otto Zwicker („Arbeitsausschuss österreichischer Volkshochschulen“) vom 8. November 1950, ÖVA, B-VÖV, K 133, S. 1 f.

9   Ebd.

10   Schreiben von Otto Zwicker an Wolfgang Speiser vom 2. November 1950, ÖVA, B-VÖV, K 133, 1.

11   Ohne Autor (1951): „Wir schlagen vor. Forderungen für ein Bundesgesetz zur finanziellen Sicherung der Volkshochschule“. In: Die Österreichische Volkshochschule, 2 (2), 1.

12   Filla, Wilhelm (1991): Volkshochschularbeit in Österreich – Zweite Republik. Eine Spurensuche), Graz: Leykam, S. 117. (Neue Erwachsenenbildung, Heft 12).

13   ÖVA, B-VÖV, K 131, Satzungen.

14   Schreiben von Otto Zwicker an Wolfgang Speiser vom 16. November 1950, ÖVA, B-VÖV, K 133, 1.

15   Schreiben von Wolfgang Schaukal an Wolfgang Speiser vom 1. Oktober 1950, ÖVA, B-VÖV 133, l.

16   Speiser, Wolfgang (1950): Ein Beginn. In: Österreichische Volkshochschule, 1 (1), 1.

17  Ebd., 12.

18  Sondernummer zum Internationalen Treffen für Erwachsenenbildung. Die Österreichische Volkshochschule, Juni 1952.

19   Die Schriftleitung (1952): In eigener Sache. In: Die Österreichische Volkshochschule, 3 (6), 2.

20   Zum „Objektivitätsstreit“ siehe im Detail: Markova, Ina (2022): Otto Koenig (1881–1955). Ein Leben zwischen Arbeiter-Zeitung und Volksbildung, Wien – Hamburg: New Academic Press, 177 ff.

21   Original: Römische Marmorkopie (330/320 v. Chr.) nach einem Bronzeoriginal des Leochares (4. Jh. v. Chr.), Größe 2,24 m (Rom, Vatikanische Museen). Diese Statue ist sicher eine der berühmtesten der Antike. Besonders hoch gerühmt hat sie Johann Joachim Winckelmann (1717–1768), der Begründer der klassischen Archäologie. Er stellte die griechische Kunst, deren Wesen er mit „edler Einfalt und stiller Größe“ charakterisierte, weit über die römische und bestimmte als vergleichender Kunsthistoriker damit das Schönheitsideal der deutschen Klassik.

23   Grau, Herbert (1963): Ein Wort der Selbstkritik. In: Die Österreichische Volkshochschule, 14 (50), 6.

24   Ebd.

25   Donnepp, Bert: [„Volkshochschule im Westen“] (1963): In: Die Österreichische Volkshochschule, 14 (50), 2.

26   Speiser, Wolfgang (1963): Die ersten Fünfzig Nummern. In: Die Österreichische Volkshochschule, 14 (50), 5.

27   Filla, Wilhelm (1988): 150 Ausgaben der Österreichisches Volkshochschule. In: Die Österreichische Volkshochschule, 39 (150), 1.

28   Speiser, Wolfgang (1963): Die ersten fünfzig Nummern. In: Die Österreichische Volkshochschule, 14 (50), 5.

29   Sinowatz, Fred (1976): [Grußworte]. In: Die Österreichische Volkshochschule, 27 (100), 1.

30   Eine Umstellung, die im März 2003 (ÖVH, Nr. 223) mit einer neuerlichen Format- und Layout-Umstellung wieder zurückgenommen wurde. Seitdem erscheint die ÖVH in Serifenschrift.

31   Arnold, Karl (1977): Zur Neugestaltung unserer Zeitschrift. In: Die Österreichische Volkshochschule, 28 (104), 1.

32   Ebd., 2.

33   Bis Mitte 2012 befanden sich im klein gehaltenen Redaktionsausschuss der Österreichischen Volkshochschule die Frauen sogar in der Überzahl – namentlich sind dies, neben Redaktionsmitglied Hubert Hummer, Silvia Caramelle und Elisabeth Deinhofer. Seit der ÖVH-Ausgabe Nr. 262 im Jahr 2017 gibt es keinen Redaktionsausschuss mehr, die Redaktion liegt seitdem allein in den Händen von Gerhard Bisovsky.

34   Herangezogen wurden nur Beiträge von Autor*innen, d. h. namentlich ungekennzeichnete Beiträge blieben unausgewertet.

35   Von den 3247 Artikeln wurden nur jene Beiträge ausgewertet, deren Titel einen klaren thematischen Bezug indizieren beziehungsweise jene Beiträge, die sich inhaltlich (durch Deskriptoren aufgeschlüsselt) einem der Themenbereiche zuordnen lassen.

36   Pelinka, Anton (2004): Dollfuß und der autoritäre Ständestaat. Anmerkungen zur Bewertung des 12. Februar 1934. In: Die Österreichisches Volkshochschule, 55 (212), 2–12.

Stifter, Christian H. (2025): Themenkonjunkturen und Zäsuren im Spiegel einer Verbandszeitschrift: Die Österreichische Volkshochschule 1950 – 2025. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Herbst/Winter 2025, Heft 285/76. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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