Maria Lehner: … und dann ins Schwarze Meer. Porträts.

Maria Lehner: … und dann ins Schwarze Meer. Porträts.
Ulm: danube books Verlag 2025, 205 Seiten.

Frauen und Flüsse haben Gemeinsamkeiten. Sie ermöglichen Leben, sie nähren, sie suchen ihren Lauf … Maria Lehner, österreichische Autorin, Erwachsenenbildnerin und Kulturmanagerin erinnert an Lebensströme im 20. Jahrhundert. In zehn Kapiteln werden auf der Basis von Gesprächen, Interviews, Archivrecherchen und Reisebegegnungen biografische, mit literarischer Freiheit verfasste (Über)Lebensgeschichten skizziert. Angesiedelt an der Donau und ihren Zu- und Nebenflüssen, erfahren wir vorwiegend das Schicksal von Frauen. Männer kommen, um in der Flussmetapher zu bleiben, eher in der Rolle als Nebenarme oder überwindbare Hindernisse vor.

Eingeleitet wird jedes Kapitel mit poetischen Zeilen. Mit ihnen wird der Fluss vorgestellt, der in der jeweiligen Lebensgeschichte besondere Bedeutung hat und der, wenn auch auf Umwegen, in die Donau „und dann ins Schwarze Meer“ mündet. Auf diese Weise wächst ein kartografisches Netz der Donau und einiger ihrer Zuflüsse. Zusammenhänge zwischen sozialhistorisch recherchierten Lebensbedingungen werden sichtbar – gestaltet, getrennt und begrenzt von fließendem Wasser.

Das erste Frauenporträt – alle Frauen sind im 20. Jahrhundert geboren – nimmt seinen Ausgangspunkt an der Memminger Ach. 1918, in einer jüdischen Familie geboren, erlebt die Protagonistin bereits in ihrer Kindheit aggressive Feindschaft gegen Juden. Aus Memmingen, historisch als erster Ort bekannt, in dem im 16. Jahrhundert „Menschenrechte“ formuliert und gefordert wurden, flieht die Familie, zerstreut sich. Einen Stein, der eines Nachts Fenster ihres Zuhauses zersplitterte, nimmt die Porträtierte auf ihrer Fluchtreise bis Palästina, wo sie 1934 eintrifft, als Erinnerung zeitlebens mit sich.

An der March in Olmütz, zu Beginn des letzten Jahrhunderts geboren, begleiten wir das Schicksal einer tschechischen Auto-Rennfahrerin. Als eine der ersten Frauen mit Führerschein teilte sie mit ihrem Mann, ebenfalls Rennfahrer, Erfolge und Siege (mit der Wagenmarke Bugatti). Der Rennsport brachte aber auch Verluste. Nach dem frühen Unfalltod ihres Mannes, gibt die damals berühmte Rennfahrerin die Wettfahrten auf und bewährt sich als Managerin und Organisatorin in der Privatwirtschaft.

Berührend liest sich das Schicksal von Kindern im Südburgenland in den 1920er Jahren. Mit vierzehn Jahren verlassen viele von ihnen das Elternhaus und „gehen in Dienst“. Wenn sie sich nach vielen Jahren im Ausland wieder in ihrem Heimathaus an der Strem zusammenfinden, meinen die Geschwister: „Erst jetzt, erwachsen, lernen wir einander kennen“ (S. 85).

Die Autorin porträtiert Frauen, die sich in Domänen, die bislang Männern vorbehalten waren, z. B. dem Fußballspielen, bewährten. Frauen, die gelernt haben, zur rechten Zeit zu reden, und zur rechten Zeit über das, was sie erkannt haben, zu schweigen. Z. B. Frauen, aufgewachsen im Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) als Sloweninnen an der Drau in Kärnten, verhaftet, knapp dem Tod entkommen, die besorgt beobachten, ob sich die von ihnen erlebte politische Geschichte wiederholen könnte.

Ein Lebensschicksal endet früh im Teenageralter in Budapest an der Donau, im Ungarnaufstand 1956. Das Zeitungsfoto eines skandinavischen Journalisten kurz vor ihrem Tod, löst erst Jahrzehnte später Recherchen aus. Diese ermöglichen, das kurze Menschenleben würdevoll in Erinnerung zu behalten.

Das letzte Kapitel ist einer in der Donau verschwundenen Insel gewidmet. „Ada Kaleh“, die „befestigte Insel“, gibt es seit 1968 nicht mehr. Sie wurde geflutet, damit ein Kraftwerk Strom in die angrenzenden Länder Jugoslawien und Rumänien lieferte. Somit kam auch ein jahrhundertelanges Zusammenleben verschiedener Kulturen am „glücklichsten Ort Europas“ an sein Ende. Die Menschen wurden umgesiedelt. Ihre Erinnerungen kreisen aber noch immer um die Insel, wie damals bei der Überflutung die Vögel, auf der Suche nach ihren Nestern und ihrer Brut.

In den bewegten und bewegenden Lebensgeschichten findet die Autorin zu einer Sprache, die dem Fließen der Flüsse gleicht: kritisch – mitreißend; besinnlich – ruhig gleitend; bedächtig – strömend; fragend – in Strudeln dahin; spannend – über Stromschnellen hinweg!

Maria Lehner bietet Geschichte in Geschichten. Sie zeigt, wie man sie entdecken und schaffen kann, wieviel Wertvolles sicherlich noch verborgen ist. Ihr Vorbild ermutigt, die jeweils eigene, persönliche Sprache zu finden sowie die individuelle Geschichte nicht gering zu schätzen. Was man aus ihren Geschichten lernen kann, lässt die Autorin eine Porträtierte sagen: „…den Mund halten, wenn dein Reden jemanden in Gefahr bringen könnte. Aber laut sein, wenn’s um ein Unrecht geht“ (S. 102).

Für die Erwachsenenbildung ein wertvolles Buch in den Kategorien Geschichte, Gesellschaft und Politik. Außerdem sehr attraktiv und beispielgebend für Vorhaben im Bereich „citizen science“: https://www.citizen-science.at/netzwerk/partner/csna-partner-die-wiener-volkshochschulen

Nicht zuletzt: ein Geschenk- und Gedenkbuch. //

Lenz, Werner (2025): Maria Lehner: … und dann ins Schwarze Meer. Porträts. In: Die Österreichische Volkshochschule. Magazin für Erwachsenenbildung. Herbst/Winter 2025, Heft 285/76. Jg., Wien. Druck-Version: Verband Österreichischer Volkshochschulen, Wien.

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